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„A Most Wanted Man“: Ein letzter Abschied von Seymour Hoffman

Sie folgen den Wegen des Geldes und des Terrors: der Bankier Brue (Willem Dafoe, l.) und der Geheimdienstler Bachmann (Philip Seymour Hoffman).

Sie folgen den Wegen des Geldes und des Terrors: der Bankier Brue (Willem Dafoe, l.) und der Geheimdienstler Bachmann (Philip Seymour Hoffman).

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Senator

Dem unvergessenen Philip Seymour Hoffman verdankt „A Most Wanted Man“ alles. Im neuen Spielfilm von Anton Corbijn ist der im Februar 2014 an den Folgen einer Überdosis gestorbene Hollywood-Star Zentrum und Fundament zugleich. Mit seinem massigen Körper und seiner glamourösen Nonchalance trägt er diese Kinoadaption des Thrillers „Die Marionetten“ von John Le Carré. Ohne Hoffman wäre der Film verloren, vertane Liebesmüh.

Mit ihm ist die dritte Regiearbeit Corbijns (nach „Control“ und „The American“) ein bewegendes, ja trauriges Ereignis. Denn Philip Seymour Hoffman ist hier in seiner letzten Hauptrolle zu sehen – als deutscher Spion Günther Bachmann, der zwischen den Fronten manövriert.



Bachmann leitet eine geheime Anti-Terroreinheit, und „geheim“ bedeutet, dass es sie eigentlich nicht gibt, jedenfalls nicht für die Öffentlichkeit. Aber diese kleine Einheit existiert – und zwar, um für andere die Drecksarbeit zu erledigen, wie sich später herausstellen wird, und gerade operiert sie in Hamburg. Wobei die Versetzung in die Hafenstadt für Bachmann eine Strafe ist, dafür, dass er einen wichtigen Job in Beirut vermasselt hat.

Sagen die Chefs, die immer alles so drehen, wie sie es brauchen. Jedenfalls muss sich Bachmann, der eigentlich einen größeren Fisch im Visier hat, um Issa Karpow kümmern, einen angeblich islamistischen Tschetschenen, der illegal in Hamburg ist, auch, um das von seinem inzwischen toten, russischen Vater illegal erworbene Vermögen einer guten Sache zuzuführen.

Stadtbummel inklusive Wiedererkennungswert

Damit stellen sich gleich mehrere Fragen für Bachmann: Ist Karpow tatsächlich Islamist oder, wie der Mann mittels seines Körpers beweisen will, ein russisches Folteropfer? Würde Karpows Geld wirklich der Wohltätigkeit dienen? Oder käme es, von Issa ungewollt, den Islamisten zugute? Bedauerlich nur, dass sich weder CIA noch BND oder MAD oder Verfassungsschutz oder sonst wer für diese Erwägungen und Nachforschungen eines so altmodischen Spions wie Bachmann interessieren.

Als Film löst „A Most Wanted Man“ äußerst zwiespältige Gefühle beim Zuschauer aus. Zunächst einmal erscheint Hamburg hier tatsächlich wie eine Strafe: Der Kameramann Benoit Delhomme hat alles Grau eingefangen, was wohl jemals zu haben war in dieser Stadt, und dazu die unwirtlichsten Prestigebauten in grafischer Manier gefilmt.

Er lässt Szenekneipen wie Zum Silbersack oder auch die Landungsbrücken aussehen, als schriebe man noch das Jahr 1945, und selbst das noble Blankenese wirkt hier so, als könne man den Stadtteil nur mithilfe von Antidepressiva überleben. Gut stehen die ausgeblichenen, quasi leukämischen Farben indes einem Agenten-Thriller, der nicht gerade von der Schönheit des Lebens erzählt. Für Einheimische und auswärtige Hamburg-Liebhaber ergibt sich mit dem Kinobesuch gleich noch ein Stadtbummel inklusive Wiedererkennungswert.

Weit irritierender ist es jedoch, Herbert Grönemeyer erneut in einem Corbijn-Film zu sehen. Grönemeyer hat nicht nur die Musik für „A Most Wanted Man“ komponiert, sondern übernahm auch die zwar kleine, aber bedeutende Rolle des Geheimdienst-Oberchefchens Michael Axelrod. Eine kleine Lustigkeit flog während der Pressevorführung durch das Kino, als Zuschauer plötzlich Grönemeyer erkannten – ungeachtet der fettigen Haarpracht und des absichtlich schlechten Englischs, die seine Rolle offenbar erfordern.

Unendlich trauriger Abschied von Seymour Hoffman

Mit dem glanzvollen Agentenmythos etwa der „Bond“- oder „Mission Impossible“-Filme verbindet „A Most Wanted Man“ nichts. Hier geht es um die Mühen der Ebenen: Bachmann muss immer, bei allem, dabei sein und vieles sogar selbst erledigen; er ist bei aller intellektuellen Brillanz nur ein Soldat in der Überwachungsarmee und küsst seine Mitarbeiterin Irna Frey (Nina Hoss) auch nur zur Tarnung.

In den kurzen Pausen genießt Bachmann einsam im Unterhemd den standesgemäßen Whiskey zur Zigarette am Klavier, sodass man ihn sofort und unbedingt trösten möchte. Was er keinesfalls nötig hat. Vielmehr macht er sich lustig über die Einschüchterungsversuche von Konkurrenten (Rainer Bock spielt einen so dumpfbackigen wie missgünstigen Geheimdienstbürokraten).

Philip Seymour Hoffman mit sich allein: rauchend, trinkend, Klavier spielend, schweigend, völlig ruhend in seiner Physis und doch melancholisch – es wirkt wie ein nochmaliger, letzter Abschied. Unendlich traurig.

Ach ja, die Handlung des Films ist spannend, geht es hier doch nicht allein um ein Katz-und-Maus-Spiel, sondern vor allem um Loyalitäten, die behauptet und dann bedenkenlos verraten werden. Auch das ist ein Basic des Genres, das Corbijn mit kühlem Blick auf die Paranoia nach den Anschlägen von 9/11 variiert. Rachel McAdams spielt eine Tochter aus reichem Hause, die als Menschenrechtsanwältin arbeitet, um es Papa mal so richtig zu zeigen.

Willem Dafoe glänzt als seltsam verloren wirkender Chef eines diskreten Bankhauses, und Robin Wright als zynische CIA-lerin mit scharf geschnittenem schmalen Mund, völlig undurchschaubar. Wird Günther Bachmann gegen die Intrigen, aber auch die Dummheit der Kollegen bestehen? Dieser Film führt uns noch einmal vor Augen, was für ein Verlust der Tod von Philip Seymour Hoffman ist.