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„Der Butler“: Diene deinem Land

Cecil Gaines (Forest Whitaker) ist der perfekte Hausdiener.

Cecil Gaines (Forest Whitaker) ist der perfekte Hausdiener.

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Prokino

Der weiße Plantagenbesitzer hatte Cecils Vater einfach erschossen. Mitten auf dem Feld, zwischen den anderen Baumwollpflückern. Zuerst hatte er sich Cecils Mutter geholt, die man dann in der Scheune schreien hörte, und als Cecils Vater den Weißen deswegen stellen wollte, auf Drängen des kleinen Sohns, griff dieser zum Revolver und drückte ab. „Heul nicht“, sagt die Mutter des Mörders, der in den 1920ern noch nicht als solcher galt, und: „Ich mach dich zum Hausnigger“.

Der kleine Cecil lernt, weiße Menschen zu bedienen, ohne dabei irgendeine Regung zu zeigen, was immer auch im Raum geschieht. „Ich will dich nicht atmen hören“, hatte die alte Madame befohlen. Und Cecil wird ein so vorzüglicher „Hausnigger“, dass er es vom heimischen North Carolina aus erst bis in ein vornehmes Hotel in Washington, D.C., schafft und von dort ins Weiße Haus.

„Interessieren Sie sich für Politik?“ wird Cecil bei seiner Einstellung vom schwarzen Chef-Bediensteten gefragt, und als er verneint, entgegnet der andere Schwarze zufrieden: „Im Weißen Haus haben wir kein Interesse an politisch interessierten Angestellten.“

Gut dreißig Jahre, von 1957 bis 1986, dient Cecil Gaines seinem Land, den Vereinigten Staaten von Amerika, als Butler. Sieben weißen US-Präsidenten steht er zu Diensten, natürlich unabhängig von deren Politik. Seine Geschichte erzählt der schwule, schwarze Regisseur Lee Daniels, der vor einigen Jahren mit dem schwarzen Bildungsdrama „Precious“ Aufsehen erregte, nun in dem Film „Der Butler“.

Überraschungserfolg des Spätsommers

Und dieser Film ist längst ein Phänomen. Im Handstreich und völlig unerwartet eroberte er die Kinos nicht allein in den USA, sondern beispielsweise auch in Frankreich. Für nur 30 Millionen US-Dollar produziert, wurde „Der Butler“ zum Überraschungserfolg des Spätsommers und verwies Hunderte Millionen teure Hollywood-Blockbuster auf die Plätze.

Mittlerweile ist der Hauptdarsteller Forest Whitaker ein Favorit für den Oscar als bester männlicher Hauptdarsteller, und flankiert wird er in dieser Geschichte eines moderaten, letztlich doch durch Rassismus ausgebremsten sozialen Aufstiegs durch eine ganze Reihe prominenter Show-Leute. Oprah Winfrey, Medienmogul und die reichste Frau Amerikas, spielt Cecils Ehefrau Gloria. Mariah Carey überzeugte in „Precious“ erstaunlicherweise als Sozialarbeitern und zeigt nun hier, wie Cecils Mutter an der Gewalt irre wird.

Vanessa Redgrave sorgt als alte Plantagenbesitzerin für Gänsehaut. James Marsden führt vor, wie aus einem reichen jungen Mann ein Präsident namens John F. Kennedy wird. John Cusack macht Präsident Nixon zum widerwärtigen Opportunisten. Alan Rickman holt ebenso viel Beschränktheit wie Mitleid aus der Figur von Ronald Reagan heraus. Und Jane Fonda verleiht Nancy Reagan eine Menschlichkeit, derer man diese First Lady nie für fähig erachtete.

Denn dies ist natürlich viel mehr als die Geschichte eines Hausdieners – nämlich die eines Landes und seiner politischen Entwicklung. Nur erzählt sie Lee Daniels in episodischer Struktur und, was wichtiger ist, aus der Perspektive eines Afroamerikaners. Und so wird diese Historie erst zur Gegen- und mit Obamas Wahl zum Präsidenten dann zur Erfüllungsgeschichte. Es ist ein durchaus sentimentaler Film, in dem jedoch Rassismus der zentrale Begriff bleibt.

In Cecils Familie und in seinem weiteren Umfeld spiegelt der Regisseur eine ganze Reihe von Erfahrungen mit diesem Rassismus, eine Vielzahl von politischen Positionen und historischen Entwicklungen, die er zusätzlich durch Archivmaterialien beglaubigt: etwa alte Filmaufnahmen vom Überfall des Klu Klux Klans auf den legendären Freedom Bus der amerikanischen Bürgerrechtler oder von den gewalttätigen Ausschreitungen der Polizei gegen Demonstranten in Birmingham, Alabama.

In den Spielhandlung sind die Positionen der Schwarzen in ihrer Vielfalt auf furchtlos-plakative Weise bedeutsam. Die Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten, ja der Riss innerhalb der afroamerikanischen Community zieht sich bis in Cecils Familie, als sich der ältere Sohn Louis der Bürgerrechtsbewegung anschließt. Was mit einigem Hochmut gegen den Beruf des Vaters einhergeht.

Das bessere Leben

Cecil meint das bessere Leben für sich und die Seinen gefunden zu haben: Sicherheit für Leib und Leben, ein regelmäßiges Einkommen, moderaten Wohlstand, Bildung für die Kinder. Dass Louis das bessere Leben anders definiert, im Sinne der politischen Gleichberechtigung verschiedener Ethnien, führt zum Zerwürfnis zwischen dem sich radikalisierenden Sohn und seinem angepassten Vater.

Denn Cecils Geschichte erzählt letztlich vom Drama eines Mannes, der seines bescheidenen sozialen Aufstiegs wegen nirgends mehr richtig hineinpasst. Für die rebellischen Schwarzen, erst recht für die bei Black Panther, ist Cecil ein Duckmäuser, und für die Weißen ist er einfach nur schwarz, wenn nicht gar unsichtbar. All jene Zuschauer, die den Stolz und die Unbeugsamkeit im Schweigen, ja in der Selbstverleugnung Cecils nicht wahrnehmen können oder gelten lassen wollen, dürften ihre Schwierigkeiten haben mit „Der Butler“.

Die semiprivate Schlüsselloch-Perspektive wird sie irritieren – etwa dass der erzkonservative Ronald Reagan Leuten, die ihn in Bedrängnis anflehten, heimlich Geld zukommen ließ – durch den Butler, damit sein Stab es nicht erfuhr. Es wird diese Zuschauer stören, dass John F. Kennedy hier mitunter töricht erscheint, praktisch noch dem Geist der 1950er-Jahre verhaftet. Aber Obacht! Belehrt sieht sich JFK auch durch Cecils Präsenz!

Und das ist es eben: Am meisten werden sich diese Zuschauer daran stören, dass Lee Daniels in seinem neuen Film eigentlich das sogenannte allgemein Menschliche, Dinge wie Charakter, Haltung, Würde, verteidigt gegenüber einer nur politischen Sicht und Beurteilung. Aber gerade diese Aversion gegen alles nur Ideologische macht den Film letztlich so interessant – und wohl auch zu einem so großen Erfolg.

Das Publikum schätzt am Ende die Geste der Versöhnung, auch der politischen, über alles. Dass dieser und jener mächtige Mann in der Welt tatsächlich hin und wieder auf den sogenannten kleinen, machtlosen, gedemütigten, beladenen, sich durchwurstelnden Menschen achtet, dass er wenigstens einige seiner Entscheidungen nach diesem kleinen Mann richtet – das möchte man gern glauben.

Der Butler (The Butler) USA 2013. Regie: Lee Daniels, Drehbuch: Lee Daniels, Danny Strong, Kamera: Andrew Dunn, Darsteller: Forest Whitaker, Oprah Winfrey, David Oyelowo u. a.; 130 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Ab Donnerstag im Kino.