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„Im weißen Rössl“: Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist

Die Konkurrenten: Sigismund Sülzheimer (Gregor Bloéb) und Dr. Otto Siedler (Tobias Licht) während der Schuhplattler-Meisterschaft.

Die Konkurrenten: Sigismund Sülzheimer (Gregor Bloéb) und Dr. Otto Siedler (Tobias Licht) während der Schuhplattler-Meisterschaft.

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Senator

Es regnet Bindfäden, das Berliner Pflaster glänzt, vom gläsernen Bürogebäude herunter sieht man Schirme über die Pfützen wuseln. Trist ist das nicht, eher ein flotter Bilderreigen. Ottilie (Diana Amft) ist eine blonde Erfolgsmaus im figurbetonenden Businesskostüm aus der Großraumbüro-Werbebranche, ihr Vater Wilhelm (Armin Rhode) ein etwas angegammelter Lebenskünstler mit Genussbauch, losen Lockenzauseln und einem hellblauen Liebhaberstück-Mercedes. Damit holt er seine Tochter ab, als die sich heulend im Fenster spiegelt, weil sie gerade von ihrem veganen Werbefuzzi per SMS verlassen worden ist.

Ziel des Spontantrips ist „Das weiße Rössl“ am Wolfgangsee, wo der Vater seinerzeit der Mutter begegnet ist, die nun, in einer Urne auf seinem Schoss, einen anständigen Platz für die Ewigkeit kriegen soll. Es regnet auf der Autobahn, auf der kurvigen Landstraße, sogar im Tunnel. Plötzlich setzt Wilhelm Basecap und Sonnenbrille auf und ruft „Achtung!“.

Der Himmel reißt auf wie ein getunter Bühnenvorhang, Ottilie am Steuer kommt vor Schreck ins Schleudern und nietet beinahe einen Motorradfahrer um, der sich gerade noch mit einem Salto vom Straßenrand ins Nichts dahinter retten kann. Puh, das war knapp! Wie im Bilderbuch spannt sich nun ein doppelter Regenbogen über das scherenschnittige Alpenpanorama, Sie und er, Ottilie und Dr. Otto Siedler (Tobias Licht), der fliegende Motorradfahrer – auch dieses Gefährt ein feiner Oldtimer –, stehen sich Auge in Auge gegenüber, und eine Schar Singvögel formiert sich zu zwei Herzen im Himmelblau.

Spätestens hier – und das ist erst der Anfang – ist nicht nur der schnoddrigen Stadtpomeranze Ottilie klar, dass wir mitten in einer grandios übertriebenen Kitschpostkartenhölle gelandet sind. Die Idee vom irrealen Paralleluniversum in den Bergen, in das es Städter auf der Suche nach – natürlich verlogener – Idylle zieht, gab es so schon in der Urfassung des „Weißen Rössls“ von 1896. 1926 kam die erste Stummfilmversion (mit Klavierbegleitung) in die Kinos. 1930 machte Ralph Benatzky eine frivole Operette aus der Touri-Persiflage, welche die Nazis aufgrund der ironischen Folklore für „entartet“ befanden. Dagegen ist die Schmalzversion mit Peter Alexander und Johannes Heesters aus den 1960er-Jahren eine brave, verharmlosende Liebeskomödie mit Happy End in unironisch heiler Heimatkulisse.

Mit den Geschwistern Pfister, Max Raabe, Otto Sander und Meret Becker war der Produzent Stefan Widuwelt schon 1994 in der Bar jeder Vernunft daran beteiligt, „Das weiße Rössl“ wiederzubeleben. Mit der jetzigen, fünf Millionen teuren Filmfassung wollte er keinesfalls eine „Parodie der Originals“ machen – „wozu auch, denn es ist ja schon komisch genug“. Und so ist der Film einfach eine zeitgemäße Neuauflage der extrem populären Musikkomödie – derzeit gibt es allein in Deutschland etwa 55 Inszenierungen.

Liebeskranker Oberkellner

Plotmäßig findet die desillusionierte und (oho) emanzipierte Stadtschnepfe zuerst durch den liebeskranken Oberkellner Leopold die Romantik und dann durchs gesungene Duettschnäbeln mit dem verstiegen manierlichen Anwalt Otto wieder den Glauben an die wahre Liebe. Denn eine schnöde Schlagernummernrevue ist die Kultklamotte ja nicht, es gibt die Pärchen-findet-Euch-Dramaturgie samt lebensgefährlicher Bedrohung der schrillen Idylle.

Sie landet in Gestalt von Sigi Sülzheimer (Gregor Bloeb) per Hubschrauber auf der Schafbergalm. Dort rockt der veritable Elvis-Imitator aus L. A. die Herzen der knackigsten Dirndlbusen-Trägerinnen mit einem hinreißenden „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“. Bumm-Bumm-Siggi kauft das „Rössl“; um ihn an der Ausführung seines zerstörerischen Plans zu hindern, hilft nur die Schuhplattler-WM. Ein rasenderes Bierzelt als in dieser gut zehnminütigen Szene voll irre lustiger Grobheit und wüstester Komik hat es wohl kaum in einem Heimatfilm seit Achternbusch gegeben.

Unfassbar auch die bis ins Detail übertriebene Pop-Kitsch-Ästhetik des Gasthauses mit voluminös geranienüberladenem Kaiserbalkon in Lila-Weiß. Die ohnehin sahnig-süßen Schäfchenwolken des ewigen Sonnenscheins über jeder Szene bekamen dazu immer noch einen digitalen Hauch ins Knall-Rosa-Violette drüber geladen. Wie sonst nur in völlig gefühlsüberladenen Bollywood-Filmen werden hier orgiastische Massenchoreografien aus Dirndlballetteusen mit pinkfarbenen Staubwedeln und karierten Kellnern zu Ornamenten des herrlichsten Unsinns arrangiert. Nur dort gibt es ansonsten so viele Musical-Szenen im Freien.

Kein Wunder also, dass der gnadenlos swingende Schlager vom „Weißen Rössl am Wolfgangsee“ hier in einer „Bollywood-Version“ erklingt. Das ist die schrägste Fusion aus ironischem Heimatfilm, surrealistischer Folklore und schnulzigem Happy End, die deutsches Kino hervorbringen kann.

Im weißen Rössl – Wehe Du singst! Dtl./Österr. 2013. Regie: Christian Theede, Drehbuch: Jan Berger, Kamera: Stephan Schuh, Darsteller: Diana Amft, Tobias Licht, Fritz Karl, Edita Malcovic, Gregor Bloeb, Armin Rhode u. a.; 90 Minuten, Farbe. FSK ab 6.