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„Jack“ von Edward Berger: Hänsel und Gretel in der Mehrzweckhalle

Kinderaugen schauen auf Berlin: Jack (Ivo Pietzcker) auf der Suche nach seiner Mutter. Diesen Mann fragt er vergeblich. Er ist zugedröhnt.

Kinderaugen schauen auf Berlin: Jack (Ivo Pietzcker) auf der Suche nach seiner Mutter. Diesen Mann fragt er vergeblich. Er ist zugedröhnt.

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Jens Harant

Wer ist Edward Berger? Dass ein Regisseur, den nicht mal die ältesten Hasen unter den Kritikern kennen, für den Wettbewerb nominiert wird, sorgte vorab für Erstaunen. In Fernseh-Gefilden allerdings ist Berger kein Unbekannter. Sein Fernsehspiel „Ein guter Sommer“ erhielt 2012 den Grimme-Preis. Zwei Tatort-Folgen hat er gedreht, einen „Polizeiruf“ und ein paar Folgen von „Kriminaldauerdienst“. Ansonsten Werbeclips für Toyota, McDonalds, VW und Veltins, allerdings ziemlich originelle. Ich habe sie mir alle angesehen. Wegen Jack.

„Jack“ ist ein ungewöhnlicher Film, eine kleine Sensation. Dass Dieter Kosslick ihn ausgewählt hat, trotz fehlender Prominenzreize, ist ihm hoch anzurechnen. Jack ist ein zehnjähriger Junge, dem das Schicksal eine ziemlich unzuverlässige Mutter aufgebürdet hat. Mit sechzehn hat sie ihn bekommen und in der Zwischenzeit ist sie nur nach Zahlen älter geworden. Die 26-jährige macht sich bei ihren Kindern äußerst rar. Entweder arbeitet Senna in diversen Jobs oder sie zieht durch die Berliner Clubs.

Den Haushalt jedenfalls schmeißt mehr oder weniger der kleine Jack. Zu Beginn des Films sieht man ihn in rasender Eile und bestürzender Routine das Frühstück für den kleinen Bruder Manuel machen und dann zur Schule rennen. Jack bestückt die Waschmaschine, Jack bringt Manuel bei, sich die Schuhe zuzubinden; Jack passt auf, dass sein Bruder nicht im Teich ertrinkt. Und Jack hat auf jede Variante von Manuels Quengeleien eine geduldige Antwort. Jack ist als faktisches Familienoberhaupt Selbstversorger; nur als seine Mutter nachts mal endlich nach Hause kommt, und zwar, wie Jack aus dem bald einsetzenden Gestöhne schließt, nicht allein, macht er die Tür zum Schlafzimmer auf und verlangt ungerührt ein Stück Brot.

Natürlich ist Jack mit dem Haushalt überfordert. Als der kleine Bruder sich mit heißem Wasser verbrüht, muss Jack ins Heim. Die Tage dort sind eine Qual, ein sadistischer Fiesling hat es auf ihn abgesehen. Nach einer besonders gemeinen Tortur zieht Jack ihm eins mit einem Birkenknüppel über. Er flieht nach Hause, doch wieder ist die Mutter nicht da. Seinen Bruder findet er abgestellt im lieblosen Zuhause einer Freundin.

Jack und Manuel ziehen nun tagelang durch Berlin. Immer wieder kehren sie vor die verschlossene Wohnungstür zurück. Jack hinterlässt Nachrichten auf dem eigens dafür bereitliegenden Notizblock. Doch nie ist am nächsten Morgen eine Antwort da. Nachts schlafen die Kinder in einem Autowrack in einer Tiefgarage, bis sie auch dort hinausgeworfen werden. Tagsüber laufen sie auf der Suche nach der Mutter durch die Stadt. Durch Kneipen und Fixerhöhlen, Lagerhallen, Ausfallstraßen.

Dieser Odyssee der Geschwister durch Berlin gehört die ganze Aufmerksamkeit des Films. Mit ihren Augen, mit ihrer Logik schaut der Film auf die Welt. So gelingt es Edward Berger, die Mutter nicht zu denunzieren. Sie ist von entwaffnender Herzlichkeit ihren Kindern gegenüber – falls sie mal da ist. Dass sie sich ständig entzieht, tut der Liebe ihrer Kinder keinen Abbruch, im Gegenteil.

Der Film forscht nicht nach Gründen für Sennas Sorglosigkeit und beschränkt die Szenen mit der städtischen Fürsorge auf das für die Erzählung Allernotwendigste. Es ist eben kein Film, der einen Fall erzählt, noch dazu aus der Perspektive der Familienpolitik, sondern er beschreibt die Welt radikal aus der Sicht allein gelassener Kinder, aus Jacks Sicht.

Der Unbekümmertheit der Mutter entspricht die Verschlossenheit des Sohnes. „Ist doch nicht schlimm, oder?“, säuselt sie ins Telefon, als sie ihm eröffnet, dass sie ihn nicht am letzten Schultag vom Heim nach Hause holen kann. „Nö, macht nichts“, sagt er, obwohl ihn die Treulosigkeit mit kaum aushaltbarer Wucht trifft.

Der Schüler Ivo Pietzcker spielt Jack. Er trägt den Film auf seinen kleinen Schultern von der ersten bis zur letzten Minute. Seine Verschlossenheit ist die eines Kämpfers, der sich kein Gejammer leisten kann. Weil sich nie um ihn gekümmert wurde, ist er, statt zu verkümmern, ein Held des Sorgetragens geworden. Zwar findet die Kinderlogik oft keine Entsprechung in der Art und Weise, wie die Stadt um sie herum tickt. Aber Jack schafft es, seinen Bruder über Tage durchzubringen. Sie ernähren sich von kleinen Döschen Kaffeesahne und Tütenzucker, die sie aus der Bäckerei von den Stehtischen klauen. Da kommt auch der kleine Manuel gut dran.

Aus solch praktischen Gesichtspunkten geringer Körpergröße hat der Film einiges gelernt. Er ist quasi die ganze Zeit über mit der Kamera aus der Hocke gedreht worden, um Berlin aus der Perspektive herumirrender Kinder zu filmen. Und die Kinder selbst aus Höhe ihrer Augen.

Es geht zu Fuß die Avus entlang, des öfteren über die Neue Kantstraße am Messedamm, nachts über die Friedrichstraße oder die Leipziger Straße, wo sie am breitesten und ödesten ist. Da ihre Mutter ab und zu auch in der O2-Arena arbeitet, suchen sie auch dort. Was für eine Szenerie! Die riesige, leere Veranstaltungshalle, eine nun verwaiste Hülle der Kommunikation mit Tausenden leerer Sitzplätze, und mittendrin das verlorene Geschwisterpaar: Hänsel und Gretel in der Mehrzweckhalle.

Hätten sich Edward Berger und Co-Autorin Nele Mueller-Stöfen noch etwas weniger an die Konventionen des mitproduzierenden Fernsehens gehalten, hätten sie das Berlin der Erwachsenen im Blick der Kinder auch gerne noch radikaler als fremd und unwirtlich darstellen können. Aber Ivo Pietzcker haut es in jeder Minute raus: Wie sich in seinem Gesicht die Mammutaufgabe spiegelt, hier ohne Hilfe zu überleben, ist umwerfend.

Ivo Pietzcker spielt ein Kind, dem das Leben eine derart große Verantwortung aufgebürdet hat, dass alles Spielerische aus seinem Dasein gewichen ist. So früh zum Ernst gezwungen, ist dabei vieles in ihm aber auch unentwickelt geblieben. Es ist diese entwicklungspsychologische Mischung aus erzwungener Reife und Hemmung , aus Lebenstüchtigkeit und Verschlossenheit, die der junge Schauspieler bewundernswert konsequent verkörpert.

Für Jack ist noch ein Schritt, ein riesiger, zu tun, um aus seiner fatalen Lage herauszukommen. Und er macht ihn tatsächlich.

Jack: 8.2.: 9.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast sowie 12.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele; 9.2.:18.30 Uhr, Toni