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"Labor Day" mit Kate Winslet: Ballade vom lieben Mörder

Adele (Kate Winslet), Frank (Josh Brolin) und Henry (Dylan Minnette).

Adele (Kate Winslet), Frank (Josh Brolin) und Henry (Dylan Minnette).

Foto:

Paramount

Der Vater ist mit seiner Sekretärin auf und davon. Nun lebt der 13-jährige Henry allein mit seiner Mutter. Und dass es Adele nicht gut geht, ist nicht nur ihr, sondern auch dem Haus anzusehen. Wann wurde hier wohl das letzte Mal gekocht, aufgeräumt, geputzt? Wann hat Adele sich zuletzt die Haare gewaschen? Es scheint schon eine Weile her, doch die sich bereits im Äußeren manifestierende Depression wird jäh unterbrochen, als Adele am Freitag vor einem Feiertagswochenende im Jahr 1987 im heimischen New Hampshire zum Einkaufen fährt mit Henry und ein fremder Mann die beiden zwingt, ihn mit zu sich nach Hause zu nehmen. Frank ist ein entflohener Sträfling.

Mit „Labor Day“ hat der US-amerikanische Regisseur Jason Reitman den im Englischen gleichnamigen Bestseller von Joyce Maynard (dt.: Der Duft des Sommers) für das Kino adaptiert. Wer nun einen Film in der Art der Teenager-Dramödie „Juno“ oder der Arbeitsweltstudie „Up in the Air“ erwartet, wird indes überrascht sein und sich vielleicht getäuscht sehen. Denn während Jason Reitmans frühere Filme wunderbar mühelos, von lakonisch bis ironisch zwischen Komödie und Alltagsdrama vermittelten, neigt sich „Labor Day“ stark den dunkleren Genres zu: der Tragödie und sogar dem Thriller – wobei das Ende dieses Films wiederum so überraschend ausfällt, dass es hier natürlich keinesfalls verraten werden soll.

Suche nach männlichen Vorbildrolle

Zunächst macht uns Reitman Jr. jedoch mit einem ausgesprochen fürsorglichen Kriminellen bekannt: Frank (Josh Brolin) neigt überhaupt nicht zur Gewalt; mit seiner Ankunft wenden sich die Dinge für Adele (Kate Winslet) und Henry (Dylan Minnette) vielmehr zum Guten. Denn Frank räumt das Haus auf; er putzt und kocht aber nicht nur, sondern repariert auch alles, was nur irgend beschädigt ist, inklusive der Bewohner. Für Henry ist der Strafgefangene, der nach einer Blinddarmoperation aus dem Krankenhaus floh, bald so etwas wie ein Vaterersatz. Und außerdem erspürt dieser Frank sensibel Adeles Einsamkeit – wobei es um weit mehr geht als darum, eine verlassene und traumatisierte Frau zu trösten.

„Labor Day“ ist die Geschichte dreier Außenseiter, die sich gemeinsam über ein langes Wochenende in einer Zwischenzone bewegen. Denn wenn aus Opfern Komplizen werden, ist die umgebende Gesellschaft eine Gefahr. Dass die wundersame Wiederherstellung häuslicher wie familiärer Ordnung nur gestundet sein kann, versteht sich fast von selbst. Denn natürlich sucht die Polizei überall nach Frank und hat die Einwohner der kleinen Stadt zu verstärkter Wachsamkeit aufgerufen. Zudem werden von außen immer wieder Momente des Misstrauens in die kleine Not-Familie implantiert, etwa wenn Henry von einer Schulkameradin eingeredet wird, dass die Erwachsenen ohnehin nur Sex und die Kinder daher los sein wollen. Die Spannung entsteht aus der Frage, ob, wann und durch wen es zum Verrat kommen könnte.

Erzählt ist der Film aus der Sicht des Teenagers, der ein männliches Rollenmodell braucht und es im biologischen Vater nicht mehr zur Verfügung hat. Henry beobachtet Frank zunehmend verunsichert, sogar eifersüchtig, nimmt dabei aber sehr wohl wahr, wie gut der Mann seiner Mutter tut, die sowohl von Henry als auch Frank sehr geliebt wird. In Rückblenden entfaltet sich dazu, quasi als Bestätigung für die Gutartigkeit des Flüchtigen, Franks wahre Geschichte: Wegen eines tragischen Unfalls hat ihn das Gesetz zum Mörder gestempelt. Und auch die Geschichte von Adeles Depression wird erklärt, explizit einem traditionellen Frauenbild verhaftet.

Die Perspektive adoleszenter Verunsicherung, auch hinsichtlich Henrys eigener sexueller Ausrichtung, und die Atmosphäre einer permanenten Schwebe, eines Gefühls von Unwirklichkeit sowie Bedrohung wahrt Jason Reitman allerdings meisterhaft in alarmierten Blickwechseln und seinen leicht flirrenden, abgetönten Bildern. Ob „Labor Day“ nun eine interessante Neuorientierung des Regisseurs ist oder doch nur gehobener Arthouse-Kitsch, muss indes jeder Zuschauer für sich entscheiden.

Labor Day USA 2014. Drehbuch & Regie: Jason Reitman, nach der Buchvorlage von Joyce Maynard, Kamera: Eric Steelberg, Darsteller: Kate Winslet, Josh Brolin, Clark Gregg, Tobey Maguire, J.K. Simmons u. a.; 112 Minuten, Farbe. FSK ab 6.



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