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„Leviathan“ von Andrej Swjaginzew: Walgeheimnis

Ein geheimnisvoll-gewaltiger Moment ist das, wenn der Junge Roma vor dem Skelett eines toten Wales sitzt und weint.

Ein geheimnisvoll-gewaltiger Moment ist das, wenn der Junge Roma vor dem Skelett eines toten Wales sitzt und weint.

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Anna Matveeva

Berlin -

Gott würfelt nicht, sagt Albert Einstein. Aber manchmal wettet er, sagt die Bibel. Dort nämlich kommt Satan zu Gott und stichelt: „Dieser Mann da, der Hiob, ist nur deshalb so fromm, weil du es ihm gut gehen lässt. Aber nimm ihm alles, was er hat, und er wird dir abschwören.“ Das will Gott nicht auf sich, nicht auf Hiob sitzenlassen. Also sagt er zu Satan: „Probier“s doch mal aus.“ Das Buch Hiob im Alten Testament dokumentiert diesen Stresstest in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit und macht dabei den Zweifel zum Teil des Glaubens: Warum lässt Gott das zu?

Der Regisseur Andrej Swjaginzew hat zusammen mit seinem Drehbuchautor Oleg Negin diese Geschichte in unsere Zeit übertragen und nach Nordrussland versetzt. „Leviathan“ heißt der Film nach jenem walförmigen Riesentier, das im vierzigsten Kapitel des Buches Hiob auftaucht als eine der wenigen Kreaturen, die sich der Mensch nicht untertan machen kann.

Bei Swjaginzew heißt Hiob nun Kolja. Er ist Automechaniker, lebt mit seiner Frau Lilja und mit Roma, seinem Sohn aus erster Ehe, in einem schönen alten Haus am nördlichen Meer. Eine breite Fensterfront geht auf den Fjord hinaus. „Schon mein Vater und mein Großvater haben hier gelebt“, sagt Kolja und leitet daraus das Recht ab, weiterhin hier zu leben. Doch der korrupte Bürgermeister Wadim macht ihm das Recht streitig und enteignet das Grundstück. Der Einspruch von Koljas Freund und Rechtsanwalt Dima fruchtet nicht. Am Ende wird Kolja, der Verbissene, alles verloren haben: Arbeit, Haus, Familie. Dann stellt er die Frage nach dem großen Warum.

Kritik an „russenfeindlichem Machwerk“

Man hat über „Leviathan“, der als bester fremdsprachiger Film den Golden Globe gewann, schon allerhand lesen können, bevor er in die Kinos kam. „Systemkritisch“ soll der Film sein und „brennende Themen des russischen Alltags wie Machtmissbrauch, Justizwillkür und eine unheilige Allianz zwischen Kirche und Staat“ aufgreifen, schreibt die Deutsche Presseagentur. Ein „russenfeindliches Machwerk“ sei er, wettert dagegen der Sankt Petersburger Kommunalpolitiker Witalij Milonow. Der russische Kulturminister Wladimir Medinskij, dessen Behörde den Film zu einem Drittel mitfinanziert hat, spürt darin den „Geist der Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit unseres Daseins“, was ihm gar nicht behagt.

Doch so plump politisch ist dieser Film nicht. Kolja, mit Raubrittermiene gespielt von Alexej Serebrjakow, wirkt in seiner Selbstgerechtigkeit und Härte keineswegs sympathisch. Dass Lilja an seiner Seite so zynisch-stumpf wird, wie Jelena Ljadowa sie gibt, verwundert nicht. Und wenn sie ihren Mann mit dessen bestem Freund Dima, also dem attraktiven und umgänglichen Wladimir Wdowitschenkow, betrügt, so zeigt das nur, dass in der Familie die Ich-Sucht im Kleinen ihre lieblosen Ansprüche genauso gierig verfolgt wie im Großen der schäbige Bürgermeister Wadim. Sünder sind sie allesamt, wenn man denn Sünde begreift als Selbstermächtigung und Pochen auf das, was einem vermeintlich zusteht.

Auch die Kirche pocht auf Besitz: „Die Wahrheit ist, was die Wirklichkeit widerspiegelt, ohne sie zu verzerren“, sagt der Pope am Ende, wenn er „gegen die Feinde des Volkes“ predigt – in der neuen Kirche, die genau da steht, wo zuvor Koljas Haus war. Dieses Widerspiegelungsdogma erinnert an den Sozialistischen Realismus und macht die Kirche zum Feststellinstrument der Verhältnisse. Freilich kollidiert das Dogma mit dem biblischen Verständnis des Glaubens als „Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“ (Hebräer 11). Und da wird es filmästhetisch interessant.

Heikles Spiel mit der Transzendenz

Als nämlich der völlig zerschlagene Kolja auf den Klippen sitzt und die Frage nach dem großen Warum stellt, sieht man seine Gestalt einmal von vorn, einmal von hinten (die Vorderansicht ähnelt übrigens dem Gemälde „Christus in der Wüste“ von Iwan Kramskoj). Von vorn streift ihn links ein goldenes Licht. Von hinten sieht man die Lichtquelle nicht, obwohl man sie eigentlich sehen müsste. Es ist ein Licht, nicht von dieser Welt, das Kolja streift, als ihm Welt und Leben sinnlos erscheinen.

Heikel ist dieses Spiel mit der Transzendenz bei Swjaginzew schon: Er versucht, auf etwas zu hinzuweisen, das sich nicht widerspiegeln lässt. Etwa in dem geheimnisvoll-gewaltigen Moment, da der Sohn Roma vor dem Skelett eines toten Wales sitzt und weint: Auch der Leviathan, jenes unzähmbare Tier Gottes, ist längst verendet. Keine außermenschliche Macht korrigiert die menschliche Willkür mehr.

Der Zweifel hat Fortschritte gemacht. Und Gott – wenn überhaupt – lässt es sogar zu, dass ein Ungläubiger wie Kolja geprüft wird und zerbricht. Gnade wird hinter diesem Zerbrechen nicht sichtbar. Denn das hieße, sich gemein zu machen mit einer Kirche, die Gottes Wirken für widerspiegelungsfähig hält und es sich verfügbar macht. Gerade die Akzeptanz des Unverfügbaren ist der filmische Versuch, der Korruption zu widerstehen. Im Zweifel an der Widerspiegelungsfähigkeit der Gnade lässt der Film zugleich Raum für das „Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“.

Leviathan (Lewiafan) Russland 2014. Regie: Andrej Swjaginzew, Drehbuch: Oleg Negin, Andrej Swjaginzew, Kamera: Michail Kritschman, Darsteller: Alexej Serebrjakow, Jelena Ljadowa, Wladimir Wdowitschenkow, Roman Madjanow, Sergej Pochodajew, Walerij Grischko u.a.; 140 Minuten, Farbe.