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„Master of the Universe“: Wer freut sich über 100 Euro?

Ex-Banker Rainer Voss erklärt das Wesen der Bankenkrise.

Ex-Banker Rainer Voss erklärt das Wesen der Bankenkrise.

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Arsenal

Die Nutzanwendung zuerst: Für einen Kleinanleger ist es extrem schwer, mit Aktien dauerhaft Geld zu verdienen. Das sagt jedenfalls der langjährige Investmentbanker Rainer Voss, und er weiß auch warum: In den vergangenen 20 Jahren ist die durchschnittliche Haltedauer einer Unternehmensbeteiligung von vier Monaten auf 22 Sekunden gesunken; professioneller Aktienhandel verläuft in Sekundenbruchteilen, und dafür braucht es neben der geeigneten Hardware auch einen Platz in der Nähe der Börse. 500 Meter Datenleitung mehr oder weniger können für ein gutes Geschäft bereits entscheidend sein.

Ansonsten fragt man sich bei „Master of the Universe“ schon, warum sechs Jahre nach der Lehman-Krise und vielen, vielen Dokumentar- sowie Spielfilmen über die Fragwürdigkeit des Finanzkapitalismus nun schon wieder ein Film über die Krise und die Fragwürdigkeit des Finanzkapitalismus gemacht werden musste.

Sagten wir „Film“? Marc Baude hat eher eine Doku-Skulptur erschaffen und die Äußerungen seines einzigen Zeugen mit bekannten und etwas weniger bekannten kalten Bildern von Frankfurter Hochhausbeton unterschnitten. Man kann das ästhetisch finden im Sinne einer Freude am modisch Kalten – oder für den Blick die Ironisierung übernehmen, die Voss anklingen lässt, wenn er eingangs erzählt, wie sich die Bankhäuser mit der Höhe ihrer Türme gegenseitig zu übertrumpfen versuchen. Man kann es suggestiv finden, dass sich Voss ständig durch ein leerstehendes Bürogebäude bewegt – so als sei die Finanzwelt schon eingebrochen.

Man kann auch versuchen, hier und da einen Zusammenhang zwischen Text und Bild zu sehen – sehr suggestiv sind etwa die Bilder vom Schnee im Frankfurter Bankenviertel zu der Empfindung, als Banker im Büro der Welt abhanden zu kommen und dabei das Gefühl für die realen Konsequenzen des Handelns zu verlieren. Da packt sich die Welt in Watte, und einer erzählt von einem in Watte gepackten Leben – denn wer 100.000 Euro im Monat verdient, versteht eben andere Leute nicht mehr, die sich über 100 Euro Rabatt freuen.

Wird der Euro zu halten sein?

Das ist nun wirklich einmal eine Innenansicht, die man so noch nicht kennt und über die man nachdenken kann. Ebenso wie über die Behauptung, dass für einen Investmentbanker beim Ausarbeiten des Deals der Gewinn so wenig an erster Stelle stehe wie für einen Fußballer, der eine Chance für ein Tor entdeckt. Man muss das nicht glauben, aber interessant ist es schon.

Doch wer ist dieser Rainer Voss eigentlich? Und kann man das wirklich einen Dokumentarfilm über die Finanzwelt nennen, wenn nur ein einziger Fachmann zu Wort kommt? Oder ist es nicht vielmehr das Porträt eines Mannes, der sich eigentlich nicht porträtieren lassen will und der aus juristischen Gründen Details über seine Arbeitgeber nicht preisgeben kann und aus persönlichen Gründen Details über sein Privatleben nicht preisgeben will? Die Konzentration auf einen Protagonisten dieser Finanzwelt vermeidet zwar die Ratlosigkeit, die das Für und Wider von Expertenrunden regelmäßig hinterlässt – aber sie führt auch zu Vereinfachungen zurück, an die man nicht mehr glauben mag.

Wird der Euro zu halten sein? Wird das alles mal zusammenbrechen? Rainer Voss hat eindeutige Antworten. Sollte die Finanzwelt eigentlich doch ganz einfach sein und „Komplexität“ nur ein Wort der Eingeweihten, die damit das Interesse der anderen von vornherein ersticken wollen? Wir sind nach diesem Film nicht schlauer als vorher.

Master of the Universe Dtl./ Österr. 2013. Regie: Marc Bauder, Kamera: Börres Weiffenbach. 88 Minuten, Farbe. FSK o. A.