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„Noah“ von Darren Aronofsky: Weine nicht, wenn der Regen kommt

Wer will fleißige Handwerker sehn: Noah (Russell Crowe) beim Bau der Arche, wie es ihm vom Schöpfer aufgetragen wurde.

Wer will fleißige Handwerker sehn: Noah (Russell Crowe) beim Bau der Arche, wie es ihm vom Schöpfer aufgetragen wurde.

Foto:

Paramount/Niko Tavernise

Bibelfilme sind nichts für Feiglinge. Als der Regisseur Michael Curtiz im Jahr 1928 „Noah’s Ark“ drehte, ertranken drei Statisten in der nachempfundenen Sintflut. Ein Komparse wurde von den Wassermassen so schwer verletzt, dass ihm ein Bein amputiert werden musste, und ein weiteres Dutzend „Extras“ wurde mit gebrochenen Gliedmaßen oder anderen ernsthaften Verletzungen in Krankenhäuser gebracht. Curtiz’ Film verband die biblische Überlieferung mit dem Menetekel des Ersten Weltkriegs und gilt heute als schlimmer Schwulst, ging aber auch wegen der Katastrophe bei seiner Entstehung in die Geschichte ein. War es ein Zeichen des Allmächtigen? Wohl kaum: Der Kameramann Hal Mohr hatte auf die Gefahren durch das viele Wasser hingewiesen – und wurde kurzerhand durch den weniger skrupulösen Barney McGill ersetzt.

Als Martin Scorsese 1988 „Die letzte Versuchung Christi“ ins Kino brachte, waren französische Hardcore-Katholiken so aufgebracht, dass sie Kinos in Brand steckten, in denen dieser unheroische Film lief, wobei ein Zuschauer ums Leben kam und mehrere andere schwer verletzt wurden. Der Hauptdarsteller Willem Dafoe war da noch gut dran: Er konnte nur mehrerer Tage lang nichts sehen, weil ihm ständig Augentropfen verabreicht worden waren, welche die Pupillen erweitern und damit einen „übermenschlichen“ Effekt erzeugen sollten – immerhin spielte Dafoe ja Jesus Christus. Zuvor lag das Drehbuch zu „Die letzte Versuchung Christie“ fünf Jahre zur Prüfung bei Scorseses Anwalt – der dem Regisseur dann davon abriet, diesen Film zu drehen, weil die Öffentlichkeit nicht bereit für ihn sei.

Das sind nur zwei Geschichten aus dem unerschöpflichen Fundus des Bibelfilms, man könnte hier immer weiter erzählen. Denn so wie die Buchvorlage selbst, die Heilige Schrift, einfach nicht totzukriegen ist, sondern Auflage um Auflage erlebt, erfreut sich auch der Bibelfilm immer wieder mal einer Rückkehr. Weniger, wie man nun annehmen möchte, in Zeiten gesellschaftlicher Auflösungsprozesse als in solchen technischer Neuerungen – ist die Bibel mit ihren vielen Katastrophen, aber auch Wundern doch eine unerschöpfliche Quelle der Herausforderung für visuell arbeitende Künstler. Darren Aronofsky, der US-amerikanische Extremfilmer und Spezialist für dunkle Obsessionen („The Wrestler“, „Black Swan“) gehört zu ihnen. Eigenen Angaben zufolge ist er seit seinem 13. Lebensjahr fasziniert von der Bibel und darin besonders von der Geschichte Noahs, des weltbekannten Arche-Betreibers und Retters diverser Lebewesen. Diesem interessanten Mann widmete der präpubertäre Darren in der Schule sogar ein Gedicht. Der Erwachsene fragte sich später: Wie inszeniere ich den großen, vernichtenden Regen und den Einzug der Tiere auf die Arche? Ja, wie sah diese Arche überhaupt aus?

Die Antworten auf solche Fragen sind nun in 3D im Drama „Noah“ zu besichtigen. Das ist ein interessanter Film, wenigstens über die halbe Laufzeit – schließlich ist er ja auch von Aronofsky. Der verwandelt etwa die Riesen im Buch Genesis der Bibel, die Nephilim, die Noah beim Bau der Arche helfen, in monströse Steinmonster mit glühendem Lichtkern: ihr eingeschlossenes wahres Wesen. Das bringt einen Fantasy-Touch in diesen Film, der nah an der Bibel bleiben, aber sie nicht einfach nur bebildern will. Allein die Ankunft der Reptilien und Amphibien an der Arche lohnen den Kauf des Kinotickets in der mit CGI-Effekten bedrängend inszenierten, machtvollen Körperlichkeit dieser Tiere. Wie sie sich winden, schlängeln, wie sie kriechen – eine unendliche Masse schuppiger Leiber, die von Noah Aufnahme begehren, ohne dass das einzelne Geschöpf je irgendwie vermenschlicht wird. Hut ab, denkt man da als Zuschauer angesichts dieser beängstigenden Totalkreatürlichkeit: Dieser Noah muss tatsächlich ein furchtloser Mann gewesen sein! Und dass nicht nur, weil er sich dem Weltuntergang stellen muss. Schließlich will Gott reinen Tisch machen mit der Sintflut, denn seine Schöpfung ist geschändet durch Korruption, Gewalt und Schlechtigkeit. Noah als dem einzigen Gerechten wird daher von Gott aufgetragen, eine Arche zu bauen, auf der er mit den Tieren und seiner Familie überleben soll.

Und hier liegt das Problem dieses Films: Dass Aronofsky den Bibeltext zum Familiendrama umwidmet, inklusive Vorwürfen, Geschrei und Tränen. Noah (Russell Crowe) hat nämlich eine gute Frau (Jennifer Conolly), eine Ziehtochter (Emma Watson) und drei Söhne, von denen Ham (Logan Lehmann) besonders gegen den Vater rebelliert, nachdem Noah auf der Flucht vor mordenden Horden nur sein eigen Fleisch und Blut auf die Arche rettete und ein fremdes, schwer verletztes Mädchen seinem Schicksal überließ. Es wurde zu Tode getrampelt. Das stellt die Integrität des kernigen Urvaters natürlich ebenso zur Disposition wie der Umstand, dass Noah androht, das Baby seiner Ziehtochter zu töten. Alle bringt er gegen sich auf. Was für ein Schlamassel – und es nervt! Rundherum wogt unendlich dunkles Wasser, zudem hat sich ein Unhold an Bord versteckt, und hier wird über die Familie gestritten!

In einer interessanten Parallelführung hat Darren Aronofsky als Regie-Gott selbst eine bemerkenswerte archaische Welt geschaffen. Und er nutzt seine künstlerische Autorität, um Diskurse wie über den Umweltschutz oder über den Begriff des lebenswerten Lebens aufzugreifen. Gott wird in seinem Film übrigens nie Gott genannt, sondern immer „der Schöpfer“. Doch letztlich scheut Aronofsky die ungeheuren Zumutungen der Genesis-Bücher mit ihrer Apokalypse, um sich auf ein Kleinzellenpsychodrama zu kaprizieren. Das ist immer noch explosiv genug für viele christliche Gruppierungen, die bereits nach Testvorführungen von „Noah“ in den USA gegen diesen „düsteren Film“ protestierten. In ausgewählte Kinos kommt er dort nun mit einem Vorspann, der erklärt, dass es sich hierbei um einen „Kunstfilm“ handele und bitte niemand enttäuscht oder verärgert sein soll.

In Katar, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten wird „Noah“ erst gar nicht in die Kinos kommen; eine ähnliche Entscheidung ist aus Ägypten, Jordanien und Kuwait zu erwarten. Die Gründe für diese Entscheidung fasste die sunnitische Institution Al Azhar in Kairo kürzlich in einem Statement zusammen: „Al Azhar wiederholt erneut seine Ablehnung, Filme zu zeigen, die die Propheten und Botschafter Allahs und die Gefährten des Propheten Mohammed darstellen. Daher stellt Al Azhar das Verbot des kommenden Films über Allahs Botschafter Noah in Aussicht – Friede sei mit ihm.“ Friede sei auch mit allen Bibelfilmmachern!

Noah USA 2014. Regie: Darren Aronofsky, Drehbuch: Ari Handel, Darren Aronofsky, Kamera: Matthew Libatique, Darsteller: Russell Crowe, Jennifer Connelly, Ray Winstone u.a.; 138 Min., Farbe. FSK ab 12.



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