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„Nymphomaniac“ auf der Berlinale: Ein abtrünniger Kreuzritter der Liebe

Lars von Trier bei der Präsentation seines Filmes "Nymphomaniac VolumeI".

Lars von Trier bei der Präsentation seines Filmes "Nymphomaniac VolumeI".

Foto:

REUTERS

Das Unheil beginnt schon mit der Band Rammstein. Deren Lied „Führe mich“ erklingt, während man Charlotte Gainsbourg zusammengeschlagen auf einem verschneiten düsteren Hinterhof liegen sieht, die Arme ausgebreitet, die Knie angewinkelt wie Jesus am Kreuz. „Wenn du weinst, geht es mir gut / Die Hand deiner Angst füttert mein Blut“, rammsteint es dazu: „Und wenn ich rede, bist du still /Du stirbst, wenn ich es will“.

Formal mag die Gruselmärchenmusik passen, inhaltlich ist die Mackerattitüde aber ganz fehl am Platz. Denn wenn hier einer führt, ist es die Frau, auch wenn sie gerade mal am Boden liegt. Ein alter Mann wird sie auflesen, sie auf seine Couch betten und geduldig ihrer Lebensgeschichte zuhören. Es ist eigentlich nicht ihre Geschichte, sondern eine der sexuellen Übermacht; die Sexsucht führt sie wie am Gängelband durch ein Stationendrama sexueller Erlebnisse, grundiert von Selbsthass, Schuldgefühlen und Einsamkeit.

Leidensgeschichte als sechsstündigen Film

Lars von Trier hat Joes Leidensgeschichte als über sechsstündigen Film gedreht, der in zwei Teilen in gekürzter Fassung in die Kinos kommen wird, Teil 1 am 20. Februar. Auf der Berlinale zu sehen ist erstmals die ungekürzte Fassung des ersten Teils. Maja Arsovic spielt darin Joe mit sieben Jahren, Stacy Martin Joe mit etwa fünfzehn, während Charlotte Gainsbourg als vierzigjährige Joe im ersten Teil nur als Erzählerin auf des alten Seligmans Beichtcouch zu sehen ist.

Ihre Geschichten vom Männeraufreißen kommentiert der weise Alte mal mit Auskünften übers Fliegenfischen, mal mit historischen Ausflügen zur Kirchengeschichte. Am schönsten sind die Ausführungen zur Mehrstimmigkeit: Eine „Kleine Orgelschule“ zeigt zu einem Choralvorspiel von Bach auf einem dreigeteilten Bildschirm tönende Orgelpfeifen, einen Leoparden mit Opfer im Maul und eine noch ganz genießerische Joe bei der Sache mit vielen wechselnden Männern.

Ach, wenn der Film doch nur ein wenig öfter so witzig und lustvoll wäre, wie es Lars von Trier seiner armen Joe in wenigen Phasen der Kindheit und Jugend zugesteht. Da hat ihr Sexhunger zumindest ein bisschen was mit der Lust am Leben zu tun, damit, dass sie schon vom Sonnenuntergang immer noch etwas mehr erwartet hat, und damit, dass sie mit ihrer Freundin wie ein Frosch auf dem nassen Badezimmerboden entlangrutschte und das Dasein auskostete.

Die Liebe wie ein unsichtbarer Hurrikan

Mit der Freundin streift sie später durch einen Zug und spielt um eine Tüte Pralinen: Wer am Ende der Fahrt die meisten Männer zum Sex verführt hat, bekommt die Tüte. Schön anzusehen ist das nicht. Höhepunkt des Films ist eine beklemmende Szene, in der Uma Thurman als Frau eines Joe verfallenen Mannes samt ihrer drei Kinder auftaucht, denen sie höhnisch und irr vor Verzweiflung Papas Freundin und Liebeshöhle zeigen will. Stumm und überfordert sitzen die beiden Ehebrecher da, stumm und verängstigt die Kinder, während die Liebe als ein unsichtbarer Hurrikan durch die Seelenlandschaft rast und alles zerstört, was vorher niet- und nagelfest schien.

Das ist ein großartige Szene, in der deutlich wird, was Lars von Trier kann und könnte. Leider wird seine Imaginationskraft eingeholt von einer öden Schuld- und Sühne-Psychologie, die insbesondere den zweiten Teil beherrscht. Hier übernimmt die bitterherbe Gainsbourg die Rolle der Joe ganz. Während sie beim Sex mit ihrem geliebten Mann nichts empfindet, schleicht sie sich nachts aus dem Haus, um sich von einem mürrisch seiner Arbeit nachgehenden Auspeitschspezialisten fachgerecht versohlen zu lassen.

Verdruckst und geradezu muffig

Für die Strafsitzungen, die so kühl absolviert werden wie Besucher beim Steuerberater, riskiert Joe das Leben ihres kleinen Sohnes, der unbeaufsichtigt auf dem Balkon herumturnt. Diese quasireligiösen Sünde-und Bußverkettungen sind so unerbittlich wie vorhersehbar. Die Liebe ist ja nicht einfach nur abwesend, sondern als verschmähte Größe zu einer finsteren Macht mutiert. Sie ist es, die da rammsteint: „Wenn du weinst, geht es mir gut / Die Hand deiner Angst füttert mein Blut“.

Ein abtrünniger Kreuzritter der Liebe ist dieser Lars von Trier, ein vom Glücksstern halb Gefallener, halb Verstoßener, dessen Klage sich diesmal in ein ziemlich konventionelles Gewand kleidet. Auch wenn er noch so skandalträchtig daherkommt: Dieser Film ist verdruckst und geradezu muffig.

Nymphomania Volume I: 10.2.: 12 Uhr, Friedrichstadt-Palast sowie 21.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele; 16.2.: 21 Uhr, Berlinale-Palast