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„Out in Ost-Berlin“ : Homosexualität im Einheitsstaat

Der Paragraf 175 war in der DDR 1968 abgeschafft worden.

Der Paragraf 175 war in der DDR 1968 abgeschafft worden.

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Immer wieder richtete das SED-Mitglied Klaus Laabs Briefe an seine Partei und forderte diese zum Umdenken in Sachen gleichgeschlechtlicher Liebe auf. Irgendwann wurde es den Genossen im wahrsten Sinn des Wortes zu bunt, und sie schlossen ihn aus ihren Reihen aus. Dabei war dem Sohn eines hochrangigen Funktionärs einst eine glänzende Karriere beschieden. Beim Studium in Moskau wurde er auf den diplomatischen Dienst vorbereitet, er war hoch begabt, hätte nach ganz oben durchgereicht werden sollen. Doch er eckte immer wieder an. Die individuelle Freiheit war ihm wichtiger als eine Laufbahn im Staatsapparat.

Auch Peter Rauschs Eltern waren treue DDR-Bürger, die als Dank für ihre Loyalität in die Stalinallee einziehen durften. Rausch wurde 1973 zum Mitinitiator der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin (HIB); am Vorabend hatte er mit Freunden im Westfernsehen Rosa von Praunheims filmisches Pamphlet „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ gesehen. Innerhalb der HIB drehte er nun selbst Filme auf Super-8, die heute einmalige Dokumente sind und dem Film „Out in Ost-Berlin“ wesentlich zu seiner Authentizität verhelfen.

Marina Krug wuchs gar in der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ am Bogensee auf (dem einstigen Landsitz von Joseph Goebbels), wo ihr Vater Marxismus-Leninismus unterrichtete. Sie brach ein Studium an der Humboldt-Universität ab, gründete den Arbeitskreis „Lesben in der Kirche“ und siedelte 1986 von Ost- nach West-Berlin über. Auffallend viele der insgesamt 13 Gesprächspartner in „Out in Ost-Berlin“ stammen aus Familien mit enger Bindung an Staat und Partei. Erst ihre Ausgrenzung machte sie zu oppositionellen Schwulen- und Lesben-Aktivisten.

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Dabei herrschte in der DDR rein theoretisch mehr Rechtssicherheit als in der Bundesrepublik: Der berüchtigte Paragraf 175 des Bürgerlichen Gesetzbuchs war bereits 1968 abgeschafft worden. Die Wirklichkeit sah indes anders aus. Immer wieder wurden Betroffene diskriminiert, erpresst oder kriminalisiert. Unter anderem war die DDR auch ein männlich dominiertes, fundamental-heterosexuelles System, in dem Abweichungen mit Häme oder gezielter „Zersetzung“ begegnet wurde. Als sich Mitte der 1980er-Jahre auffallend viele Schwule unter den in den Westen entlassenen, einstigen DDR-Bürgern befanden, kursierte in Kreisen der Nomenklatura ein Hermann Axen zugeschriebener Spruch: „Wir trennen uns von all jenen, die ein falsches Verhältnis zum Staat, zur Arbeit oder zum anderen Geschlecht haben.“

Die Schicksale im Film sind berührend. Es ringt einem Respekt ab, mit welcher Beharrlichkeit sich die Akteure gegen die Borniertheit eines auf höchstmögliche Vereinheitlichung zielenden Staates stemmten und dabei Schikanen und „Maßnahmen“ der Stasi in Kauf nahmen. Hier erweist sich jede Biografie als gesättigt von Brüchen. Der Film macht nicht den Fehler, die unterschiedlichen Positionen im Nachhinein zu kanonisieren – er lässt die Widersprüche der Figuren stehen. Allerdings ist seine Machart äußerst konventionell. Hier hätte man den Filmemachern ein wenig mehr vom Mut ihrer Helden gewünscht.

Out in Ost-Berlin – Lesben und Schwule in der DDR Dtl. 2013. Regie, Drehbuch, Kamera: Jochen Hick, Andreas Strohfeldt. 94 Minuten. FSK ab 12.