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„Philomena“ mit Judi Dench: Von Lebensweisheit und Güte

In Venedig lagen alle der nunmehr 78-jährigen britischen Schauspielerin Judi Dench zu Füßen, die in Frears’ aktuellem Wurf eine alte Irin verkörpert.

In Venedig lagen alle der nunmehr 78-jährigen britischen Schauspielerin Judi Dench zu Füßen, die in Frears’ aktuellem Wurf eine alte Irin verkörpert.

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Venedig -

Selten waren sich Kritiker und Publikum je so einig wie im Fall von Stephen Frears’  neuem Film: „Philomena“ wurde schon beim Filmfestival Venedig einhellig gefeiert. Die Fachpresse bejubelte bei der Premiere im vergangenen Spätsommer „die Rückkehr des Drehbuchs“ in Zeiten bewusst dekonstruierender oder improvisierter Regiearbeiten.

Und alle, wirklich alle liegen der nunmehr 78-jährigen britischen Schauspielerin Judi Dench zu Füßen, die in Frears’ aktuellem Wurf eine alte Irin verkörpert –  ach was: Judi Dench lässt diese wenig gebildete, aber energisch auf Höflichkeit haltende Frau mit den sorgfältig ondulierten Haaren und dem vernünftigen Mantel diskret glänzen wie einen kleinen Edelstein. Tränenüberströmte Gesichter waren nach der Vorstellung zu sehen; ergriffene Gesichter, Hochgestimmtheit herrschte nach dieser Geschichte voll sogenanntem „human Interest“.



Die geht so:  In den 1950er-Jahren war Philomena  in eins der berüchtigten irischen Magdalenen-Heime verbracht worden, in denen schwanger gewordene Minderjährige unter Aufsicht katholischer Nonnen interniert wurden und Sklavenarbeit verrichten mussten zur „Strafe für ihr schwaches Fleisch“. Ihre Kinder dürfen diese Mädchen höchstens eine Stunde am Tag sehen.

Wenn die Kleinen nicht schon verkauft waren: Für tausend Pfund Sterling geben die Nonnen die Kleinen an zahlungskräftige Paare weg, woran die Mütter nicht selten zerbrechen – wenn man sie nicht schon bei der Entbindung ohne Ärzte und Medikamente sterben ließ. Philomena  kam nie hinweg darüber, dass ihr Anthony „weggeholt“ wurde. Alt geworden,  sucht sie nun nach dem Sohn mit Hilfe eines gefeuerten BBC-Journalisten, der „eigentlich keine Human-Interest-Storys macht“. Die Reise führt beide in die USA.

Das alles beruht auf einem wahren Fall und könnte dennoch einen unerträglich sentimentalen Film ergeben. Doch Stephen Frears weiß nicht allein eine heikle  Balance aus Tragik und überraschender Komik zu wahren. Der Regisseur erzählt ganz nebenbei auch von Klassenunterschieden, Glaubensfragen und Medienmechanismen, wenn er die einfache, sehr religiöse Frau und den gewieften, zynisch gewordenen Reporter (Steve Coogan) auf Reisen schickt.

Und tatsächlich erlebt man hier nicht nur einen Triumph der Schauspielkunst, sondern auch einen Siegeszug der Autorenschaft (Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope), der bei Frears-Filmen glücklicherweise Standard ist. Philomenas Formulierung etwa, dass ihr Sohn wohl „ein schwuler Homosexueller“ gewesen sei, offenbart nicht nur die Unvertrautheit der Frau mit solchen Umständen, sondern auch achtungsvollen Abstand.

Letztlich liebten Kritiker wie Publikum, dass Stephen Frears Philomenas Lebensweisheit und Güte ins Recht setzte, ohne aber die andere Seite, den Journalisten zu verurteilen. Im überwältigenden Jubel über Frears’ Film manifestiert sich auch eine starke Sehnsucht nach moralischem Halt, nach Ermutigung und Versöhnung durch die Kunst.



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