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"Ship bun" und "Forma" auf der Berlinale : Arbeiten in der Hölle

Baek Jong-hwan spielt in „Ship bun“ einen jungen Mann, der erfahren muss, dass der gute Wille das Richtige zu tun nicht reicht. Er wird von seinem Umfeld zerrieben.

Baek Jong-hwan spielt in „Ship bun“ einen jungen Mann, der erfahren muss, dass der gute Wille das Richtige zu tun nicht reicht. Er wird von seinem Umfeld zerrieben.

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Berlinale

Ho-chan würde gerne TV-Produzent werden, er studiert fleißig, schmiedet Zukunftspläne mit seiner Freundin, träumt von Erfolg und Zufriedenheit. Nur leider ist Ho-chans Familie hoch verschuldet, der Vater invalide, die Mutter keine große Hilfe und der jüngere Bruder noch zu jung. Also lastet die ganze Verantwortung auf Ho-chan, der einen Halbtagsjob in einem Büro annimmt. Als man ihm dort eine Vollzeitstelle verspricht, steht der junge Mann vor einer schwierigen Entscheidung – und wenig später vor zertrümmerten Hoffnungen. Fehlgehende Karriere-Überlegungen, mieser Büroalltag, der Statusverlust einer Mittelschichtsfamilie, verlorene Illusionen, zerstörte Lebenskonzepte. In seinem Spielfilmdebüt „Ship bun“ erzählt Lee Yong-seung vom Scheitern, er fragt nach dessen Bedingungen und nach Möglichkeiten, ihm zu entgehen.

Eine zentrale Rolle kommt dabei den gesellschaftlichen wie familiären Erwartungen zu, die sich auf den Protagonisten als Zwang auswirken und ihm keine Wahl lassen. Ruhig, beharrlich und genau zeichnet die Kamera die kleinsten hierarchischen Verschiebungen und atmosphärischen Störungen zwischen Ho-chan und seinen Kollegen auf, die die Arbeit im Büro allmählich zur Quälerei werden lassen. Manipulationen und Demütigungen, Entsolidarisierung und Duckmäusertum, falsche Versprechungen und große Worte greifen wie Rädchen einer Maschine ineinander und machen Ho-chans Hoffnungen auf Aufstieg und Sicherheit zunichte. Was „Ship bun“ zu einem so eindringlichen Film macht, ist die Durchschnittlichkeit der Existenz, von der er berichtet. Und Baek Jong-hwan in der Rolle Ho-chans vermittelt mit seinem kontrollierten, zurückgenommenen, nuancierten Spiel die ganze Tragik, die darin liegt, niemand Besonderen seiner Träume zu berauben.

Auch „Forma“ von Ayumi Sakamoto ist ein von Ruhe und Genauigkeit getragener Debütfilm und auch dieser handelt – zunächst – von der Arbeit. Und von den zwischenmenschlichen Beziehungen, die auf sie Einfluss nehmen. Und von Hierarchien, die diese Beziehungen verändern. Von Charakteren, die unterschiedlich darauf reagieren. Ayako, eine alleinstehende Frau, die sich mit ihrem Vater eine Wohnung teilt, arbeitet als Büroleiterin. Eines Abends trifft sie Yukari, eine alte Schulfreundin, die als Baustellenwächterin jobbt. Ayako verschafft Yukari Arbeit in ihrem Büro. Dann beginnt sie Einfluss zu nehmen auf deren Leben. Sie drängt sich in Yukaris Beziehung zu einem jungen Mann, sie setzt sie subtil mit Erwartungen an freundschaftlichen Umgang unter Druck. Dabei ist das Verhältnis der beiden am Arbeitsplatz bald schon von geschickten Erniedrigungen, kleinen Übergriffigkeiten, unauffälligen Unverschämtheiten geprägt. Aus der unbeschwerten, leichtfertigen Yukari wird eine eingeschüchterte, unglückliche Frau. Und in Ayako wird ein Zug sadistischer Berechnung immer unübersehbarer.

Oft aus der Distanz beobachtet eine statische Kamera die wortkargen Interaktionen der Figuren in unspektakulären Räumen. Dabei entstehen Plansequenzen von enormer Dichte, berstend förmlich unter dem Druck des Nichtgezeigten und des Unausgesprochenen. Aus dieser ständigen Implosionsgefahr bezieht „Forma“ seinen Wirklichkeitsanspruch: Wahr und authentisch scheint, was vor der Kamera geschieht. Und ist doch sorgsam konstruiert und virtuos inszeniert; was umso deutlicher wird, je mehr sich der Verdacht aufdrängt, dass hier etwas absolut nicht stimmt. Sehr allmählich entwickelt sich „Forma“ zu einem raffinierten Slowburn-Thriller, der sich schließlich von der Linearität seiner Narration souverän verabschiedet. Das gibt dann zwar einen gewaltigen dramaturgischen Rumpler, mit dem Sakamoto das hohe Risiko eingeht, ihr Publikum zu verlieren, aber wer dabei bleibt, wird belohnt.

Ship bun: 11.2.: 22.30 Uhr, Cubix 9; 14.2.: 13.45 Uhr, CineStar 8.

Forma: 12.2.: 19.15 Uhr, CineStar 8; 14.2.: 16 Uhr, Delphi Filmpalast; 15.2.: 20 Uhr, Cubix 9; 16.2.: 20 Uhr, Arsenal 1.