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Berliner Zeitung | „St. Vincent“ mit Bill Murray: Bill Murray glänzt als liebevoller Stinkstiefel
06. January 2015
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„St. Vincent“ mit Bill Murray: Bill Murray glänzt als liebevoller Stinkstiefel

So sieht Bill Murray aus wie ein guter Onkel, aber erst einmal zeigt er als St. Vincent ganz andere Seiten.

So sieht Bill Murray aus wie ein guter Onkel, aber erst einmal zeigt er als St. Vincent ganz andere Seiten.

Foto:

Sony

Wenn Bill Murray lächelt, ist man als Zuschauer immer wieder verblüfft. Steht der Hollywood-Star doch dank seiner prägnanten Züge im Ruf der fatalistischen Gottergebenheit, wenn nicht gar gelegentlichen Übellaunigkeit. Im Spielfilm „St. Vincent“ schenkt Murray dem Publikum und seinen Leinwandkollegen nun aber ein derart strahlendes Lächeln, dass man fast aus dem Kinositz schnellt. Doch bis dahin muss erst geraume Zeit – sagen wir etwa 90 Minuten – vergehen.

Sarkastisch bis in die Knochen

Denn anfangs fällt Murrays Vincent nicht einmal durch Höflichkeit auf, geschweige denn durch Freundlichkeit. Nein, dieser Kriegsveteran – Vincent war in Vietnam – ist ein veritabler Stinkstiefel und sarkastisch bis in die Knochen. Das einarmige Stemmen von Bierdosen respektive Heben von Whiskey-Gläsern bezeichnet er als Fitness-Übung – und findet das auch noch witzig. Mit seiner griesgrämig wirkenden Perserkatze lebt er in einem übel verlotterten Häuschen, wo ihm einmal pro Woche eine russische Prostituierte zu Diensten ist, die ihrer baldigen Niederkunft entgegensieht und nicht weniger sarkastisch daherredet als ihr Kunde.

Das verbindet die beiden Außenseiter immerhin ebenso wie ihre mangelnde Kapitalkraft. Vincent verspielt all sein Geld und schnauzt dann deswegen die Bankbeamte an, während Daka (Naomi Watts mit schrecklichem Russischer-Zupfkuchen-Akzent) wegen der Schwangerschaft ihren Job in einer Strip-Bar verliert. Alles könnte immer so weitergehen mit der letztlich doch behaglichen Unbehaglichkeit. Doch dann ziehen im Haus nebenan neue Mieter ein.

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Die Krankenschwester Maggie (Melissa McCarthy) lebt in Scheidung und kämpft um das Sorgerecht für ihren zehnjährigen Sohn Oliver (Jaeden Lieberher), was nicht leicht ist, denn ihr künftiger Ex arbeitet als Anwalt. Dass Maggie nun mit Oliver allein in einer fremden Stadt lebt und im Krankenhaus lange Schichten schieben muss, wirft die Frage der Betreuung des Jungen nach Schulschluss auf.

Aus der einmaligen Verlegenheitslösung mit Vincent als Babysitter wird der Not gehorchend schnell ein Dauerarrangement, das sich der mufflige Nachbar gut bezahlen lässt. Schließlich ist er ja kein Menschenfreund! Und außerdem ist dies hier ein Hollywood-Film, der zwar die sozialen Probleme des darin gezeigten Arbeitermilieus nicht übergeht, aber am Ende doch auf Versöhnung der meisten Konflikte hinarbeitet. Wie sich Oliver und Vincent aneinander annähern – und zwar allein deswegen, weil sich der Junge nicht abschrecken lässt vom alten Zausel –, das rührt beim Zuschauer wie bei Vincent schon gewaltig ans Herz.

Den Ausgangspunkt des Films bildete die Nichte des Regie-Debütanten Theodore Melfi. Das Mädchen war nach dem Tod des Vaters verwaist; Melfis Familie adoptierte sie. An ihrer neuen Schule war ein Projekt fertigzustellen: Die Kinder sollten über Heilige in ihrem eigenen Alltag berichten. Diese Aufgabe hat im Film nun Oliver zu lösen, und er wählt sich den Nachbarn zum Protagonisten, was also den kleinen Zusatz St. im Titel erklärt.

Obwohl Vincent ihn mit einigem bekannt machte, was nicht unbedingt kindgerecht ist, etwa mit der Pferderennbahn, der Stammspelunke und den „Damen der Nacht“. Vincents pädagogische Auffassungen werden noch für Durcheinander sorgen. Aber mit all den Unebenheiten und Unschicklichkeiten verfolgt auch „St. Vincent“ eine im Hollywood-Kino seit langem beliebte Erzählstrategie: nämlich die, das Helden-Potenzial in sogenannten Verlierern freizulegen.

Hure mit Herz

Selbstredend ist auch Vincent eine harte Nuss mit weichem Kern. Jede Woche kümmert er sich um die Wäsche seiner an Alzheimer erkrankten Frau, obwohl das auch in deren Pflegeheim besorgt werden könnte. Aber es ist eben eine Arbeit der Liebe. Und dass Oliver gemobbt wird in der neuen Schule, lässt auch einen verpanzerten Menschen wie Vincent nicht auf Dauer kalt. Er macht zwar nicht viel Worte, brüstet sich nicht mit etwaigem Einfühlungsvermögen – er weiß, was der Junge braucht und handelt entsprechend.

Am Ende wird ein Kind geboren von der Hure mit Herz, die man deswegen nicht sympathischer findet. Doch wenn man das Kino nach diesem Film verlässt, will man unbedingt an das Gute im Menschen glauben. Und man trauert um die bedingungslose Fähigkeit zur Akzeptanz, die man doch als Kind einmal hatte.

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