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„The Invisible Woman“: Leben im Schatten

„Sie hat etwas.“ Und das will er haben. Charles Dickens (Ralph Fiennes) und Nelly Ternan (Felicity Jones).

„Sie hat etwas.“ Und das will er haben. Charles Dickens (Ralph Fiennes) und Nelly Ternan (Felicity Jones).

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dpa/Sony

Die Gegensätze sind enorm augenfällig: Catherine Dickens wirkt verbraucht und ist sehr dick; ihr Körper zerfließt geradezu, wohl auch von den vielen Geburten, welche die Frau des berühmten Dichters Charles hinter sich hat. Ellen „Nelly“ Ternan hingegen ist erst 19 Jahre alt, blond, schön und grazil – ja, sie leuchtet von innen wie eine helle, zarte, englische Rosenblüte, die sich noch nicht voll entfaltet hat, um hier einmal den reichen Metaphernschatz des viktorianischen Zeitalters zu bemühen.

Ungerecht ist der Vergleich der beiden Frauen, aber jene Zuschauer, die sich für den Kinofilm „The Invisible Woman“ entschieden haben, werden ihn nun einmal vornehmen. Ebenso wie Charles Dickens, der seine Ehefrau den neuen Schauspielern im Theater so beiläufig vorstellt, dass es schon beleidigend ist für Catherine. Wir sind in Manchester; Dickens inszeniert gerade ein Stück seines Freundes und Kollegen Wilkie Collins. Die Familie Ternan, Mutter und Töchter, ist arm an materiellem Besitz, aber reich an Bühnenerfahrung. Nur Nelly nicht, der zudem jedes Spieltalent abgeht. Charles Dickens aber befindet: „Sie hat etwas.“ Und das will er haben.

Dass Charles Dickens zwölf Jahre lang, von 1858 bis zu seinem Tod, eine sehr viel jüngere Geliebte hatte, die er vor der Öffentlichkeit verbarg, hat die britische Autorin Claire Tomalin im Jahr 1990 in ihrem vielfach ausgezeichneten Sachbuch „The Invisible Woman“ verarbeitet. Selbiges hat der Schauspieler Ralph Fiennes nun in seiner zweiten Regiearbeit (nach „Coriolanus“, 2010) adaptiert, und er spielt auch gleich selbst die Rolle des Großdichters.

Das tut er mit bedeutsamem Enthusiasmus: In seiner Interpretation ist Charles Dickens (1812-1870) der charismatische Star der britischen Literatur seiner Zeit, zudem ein begabter Selbstdarsteller und cleverer Geschäftsmann; selbst beim Pferderennen wird er sofort erkannt und beängstigend von den Massen umlagert – auch wenn man hier und da in den Salons noch streitet, wer denn nun der größere britische Schriftsteller dieser viktorianischen Gegenwart ist, ob Dickens oder doch William Makepeace Thackerey („Jahrmarkt der Eitelkeit“).

Sprachloser Schmerz prallt auf Teilnahmslosigkeit

Ralph Fiennes lässt als wohlhabende Berühmtheit in den besten Jahren also richtig die Sau raus, während Felicity Jones als Nelly Ternan die Rolle der zurückhaltenden, auf Reputation bedachten jungen Frau zukommt. Das entspricht den tradierten Geschlechterrollen damals und geht auch uns heute etwas an in der Art, wie sich hier eine junge Frau, die sonst keine Zukunftsaussichten hat, zurichten lässt. Nellys Mutter (brillant: Kristin Scott Thomas) ist nur allzu klar, was der große Mann von ihrer Tochter will, und sie lässt es ihn wissen – verbunden mit einem Hinweis, auf die fragile gesellschaftliche Position der jungen Frau. Ihre Tochter in einer Situation, die nicht ehrbar ist? Nelly wäre indes erst einmal gut versorgt.

Anfangs herrscht in diesem Film ein Rauschen der Gewänder, Raunen der Stimmen und Flattern der Blicke, dass einem fast schwindlig wird. Es ist die dynamische Nervosität der Vorbereitung und Anbahnung, die dann von einem verschwiegenen und quasi klaustrophobischen Glück abgelöst wird. Wenn Besuch kommt für Charles, muss Nelly sich verstecken, was ihr zusetzt – man sieht es ihrem Gesicht an. Die schöne Zeit endet unausgesprochen damit, dass Nelly ein totes Kind gebiert, das nicht einmal unter seinem richtigen Namen eingetragen werden kann im Kirchenregister. Nellys sprachloser Schmerz prallt hier brutal auf die Teilnahmslosigkeit des großen Menschenkenners Dickens, und nach einem gemeinsam überlebten Zugunglück bleibt die erneut verleugnete Frau im Haus zurück.

Der Mann nimmt eben, wie er einst gegeben hat. Von Catherine hatte sich Dickens getrennt, wenn auch eine Scheidung nicht möglich ist bei seinem Stand. Jahre später, 1883, sehen wir Nelly Ternan als Ehefrau eines anderen Mannes, keineswegs unglücklich, aber doch gezeichnet durch die eigene Vergangenheit. „Ich bin hier“, sagt sie da zum Ende hin laut – und im Anspruch auf Sichtbarkeit bündelt sich der emanzipatorische Anspruch von „The Invisible Woman“ dann so wahrhaftig, aber auch symbolisch-schematisch, wie er nun einmal ist. Solange Frauen nicht über ihr eigenes Geld verfügen, ist die Freiheit eben nur eine der Männer.

The Invisible Woman GB 2013. Regie: Ralph Fiennes, Drehbuch: Abi Morgan, nach der Buchvorlage von Claire Tomalin, Kamera: Rob Hardy, Darsteller: Ralph Fiennes, Felicity Jones, Kristin Scott Thomas, Tom Hollander u. a.; 111 Minuten, Farbe. FSK ab 6.