image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

„Transformers 4: Ära des Untergangs“: Der Blechschaden als Spiegel der Heldenseele

Das sind Transformer: Autos in ihrer monströsen und allemal aggressiven Erscheinungsform, die sich gegenseitig zu Schrott zu hauen.

Das sind Transformer: Autos in ihrer monströsen und allemal aggressiven Erscheinungsform, die sich gegenseitig zu Schrott zu hauen.

Foto:

AP/dpa

Der Blechschaden ist in Filmen ein häufiger vorkommendes Thema und begründet ein eigenes Genre. Stilprägend sind hier die Halden und Haufen schrottreifer Autos, die uns die „Blues Brothers“ in ihren beiden Filmen (1980 und 2000) hinterlassen haben. Weil von dem sorgsam choreographierten Zerstörungswerk vor allem Polizeiwagen betroffen waren, können wir sogar von einer politischen, da antiautoritären und staatsfeindlichen Botschaft des Blechschadens sprechen. Andere Filme geben sich da etwas unideologischer, in der fünften Folge von „Stirb langsam“ (2013) etwa werden zwar 132 Autos zu Schrott gefahren – das sind rund 30 mehr als bei den Blues Brothers –, doch soll hier die blechzertrümmernde Gewalt eher die allgemeine Gefahrenlage anzeigen, in die sich der Held John McClane (Bruce Willis) begibt.

Der Blechschaden hat also eine wichtige erzählerische Funktion. Fügen wir jetzt noch die Unterscheidung von Teil- und Totalschaden hinzu, ergibt sich eine feindifferenzierte Dramaturgie. So können wir den 132 Totalschäden in „Stirb Langsam – Ein guter Tag zum Sterben“ noch 518 teilbeschädigte Autos hinzufügen und dann feststellen, dass unsere beiden „Blues Brothers“-Filme verhältnismäßig wenig Teilschäden aufweisen. Offenbar konzentrieren sie sich auf das Wesentliche und lassen den kollateralen Zierrat einfach beiseite, während Bruce Willis im Laufe seines Abenteuers erschöpfungs- und verletzungsbedingt immer schwächer wird und der teilzerstörte, aber noch fahrtüchtige Zustand der ihn umgebenden Autos genau das anzeigen soll. Die subtile Botschaft: Autos und Helden, die sich noch bewegen, sind nicht wirklich kaputt.

Das menschliche Heldenindividuum verschwindet

Der Blechschaden ist ein Spiegel der geschundenen Heldenseele. Aber lassen wir solche erzählerischen Finessen. Kommen wir zum Blechepos schlechthin: Bereits in dem Film „Transformers 3“ (2011) wurden 532 Autos totalzerstört. Für die jetzt anlaufende Fortsetzung „Transformers 4: Ära des Untergangs“ liegen zwar noch keine statistischen Daten vor, eine erste Sichtung lässt aber ähnliche Schadensquoten vermuten. In solchen Materialschlachten verschwindet das menschliche Heldenindividuum. Die vom Regisseur Michael Bay verantworteten Filmproduktionen haben auch andere Sorgen, zum Beispiel die möglichst effiziente Kraftfahrzeugbeschaffung und -entsorgung. Für „Transformers 3“ stand bei Gesamtkosten von 195 Millionen US-Dollar immerhin ein Autoverbrauchsbudget von acht Millionen zur Verfügung.

Die Summe wurde übrigens deswegen gut genutzt, weil nur Schadensobjekte von Versicherungen verwendet wurden – billige Schrottplatzware. Für „Transformer 4“ hat man an dieser kostensparenden, überdies klimafreundlichen Strategie – wie machen nur kaputt, was schon kaputt ist – gewiss festgehalten. Das Gesamtbudget beziffert sich hier auf 210 Millionen Dollar, wir dürfen also auf eine Autoschadenssumme von etwa neun Millionen hoffen. Damit kann man arbeiten. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass ungefähr 30 bis 40 Prozent der Gesamtkosten für digitale Effekte anfallen – schließlich stellt das Auftürmen von Blechpyramiden noch keine Handlung dar, sondern nur einen Vorgang. Folglich müssen einige gigantomanische, jede weitere Sinnfrage im Keim erstickende Augenschocker hinzukommen.

Zum Glück gibt's Mark Wahlberg

Womit wir bei der Geschichte von „Transformers 4“ wären. Eine Truppe fühlender, denkender und sprechender Automobile, die sich jederzeit in humanoide, dabei übermenschlich große und starke Kampfroboter verwandeln – transformieren – können, wird von einer anderen Truppe solcher Transformer aus den unendlichen Weiten des Weltalls heimgesucht und herausgefordert. Die einen Transformer sind gut und beschützen die Menschen; die anderen sind böse und wollen die Menschheit versklaven. Erschwerend kommt noch die Böswilligkeit eben dieser Menschheit hinzu, weil sie in Gestalt eines finsteren Militärs und eines noch finsteren, sehr an den totalitär-charismatischen Apple-Chef Steve Jobs erinnernden Digitalunternehmers die Transformer-Technologie für eigene Machtzwecke missbraucht.

Zum Glück funkt gerade noch rechtzeitig ein von Mark Wahlberg gespielter Erfinder dazwischen, der auf diese Weise die Welt vor dem Steve-Jobs-Klon und damit vor dem Untergang rettet. Der Showdown findet in Hongkong statt, wo die guten Transformer übrigens auch die Stahlskelette ausgestorbener Dinosaurier zum Leben erwecken: Es sind jene Dinosaurier, die von den bösen Transformern vor Jahrmillionen, als sie schon einmal die Erde besuchten, mit einem fiesen Plasma ausgerottet wurden, das lebendige Tiere in blechernen Skelette verwandelt. Nun aber können sie als wiederbelebte Dinobots den guten Autobots, also den menschenfreundlichen Transformern zur Seite stehen. Das ist eine Vollkasko-Schadensabwicklung in erdgeschichtlicher, weit über die Menschheit hinausweisender Dimension!

So sieht die Evolution aus der Sicht quatschender und sentimentaler Blechboliden aus: Totalschaden hin oder her – alles wird gut. Dieses Credo haben sie wiederum mit den Menschen gemein. Anders gesagt: Das epochal Neue bei der „Transformer“-Serie besteht darin, dass sie Maschine und Mensch in einer Idealsynthese vereint, die deswegen ideal zu nennen ist, weil sie sich in und mit dem alltäglichsten, meist verehrten und begehrten Glaubensartikel vollzieht: dem Auto. Als blecherner Affektkäfig ist es ein einziges schreiendes „Alles wird gut“, ein unangefochtenes Wohlstandversprechen. Das mag den bisherigen Erfolg erklären, die fabulösen Einspielergebnisse seit dem Filmstart vor einigen Wochen: umgerechnet 222,74 Millionen US-Dollar in China und 175 Millionen in den USA. Der Totalschaden ist unsere Rettung.