blz_logo12,9
Berliner Zeitung | „Vijay und ich – Meine Frau geht fremd mit mir“: Der Inder in mir ist der Inder in dir
04. September 2013
http://www.berliner-zeitung.de/3119418
©

„Vijay und ich – Meine Frau geht fremd mit mir“: Der Inder in mir ist der Inder in dir

Nett im Bett: Vijay (Moritz Bleibtreu) und Julia (Patricia Arquette).

Nett im Bett: Vijay (Moritz Bleibtreu) und Julia (Patricia Arquette).

Foto:

Senator

Verwechslungskomödien atmen den Geist der Utopie. In einer ganz anderen Rolle so aufzugehen, dass man nicht erkannt wird, für immer oder versuchsweise von Neuem zu beginnen – träumt nicht jeder davon, gelegentlich? Natürlich ist das der Beruf des Schauspielers. Aber wenn sich Moritz Bleibtreu in einen indischen Sikh verwandeln kann, so die frohe Botschaft, haben wir alle eine Chance. In seiner ersten internationalen Hauptrolle tut er genau das, und zwar mit durchschlagendem Erfolg.

Wie in „Vijay und ich – Meine Frau geht fremd mit mir“ aus dem kreuzunglücklichen Schauspieler Will der sonore Gentleman Vijay Singh wird, spottet jeder Beschreibung: Der „aus Berlin stammende“ Will spielt das grüne Pechkaninchen in einer New Yorker Kinderfernsehshow; im nächsten Moment ist er tot, oder wird doch dafür gehalten. Aus den herumliegenden Utensilien schnappt er sich Bart und Turban, und kreuzt so auf der eigenen Beerdigung auf. Wie gesagt, nichts davon ist glaubwürdig, aber der Effekt unmittelbar plausibel: Dem galanten Herrn aus fernen Landen liegen die Herzen zu Füßen, vor allem die der Frauen, darunter auch das der eigenen.

Wie Sam Garbarski („Irina Palm“) daraus ursprünglich ein Drama machen wollte, bleibt schleierhaft. Doch auch in der Komödie bleibt sich der belgische Regisseur treu: Das psychologische Motiv der Verwandlung spielt in jedem seiner nun vier Filme eine Rolle. Sein letzter Film hieß „Vertraute Fremde“, und auch das passt. Denn natürlich weckt der indische Herr gewisse Erinnerungen, alles andere wäre ja auch tragisch.

Wie Woody Allen

In ihren besten Momenten lässt Garbarskis Posse an einen Film denken, wie er auch Woody Allen in einer seiner Findungsphasen hätte passieren können. Da geht es psychologisch, philosophisch und kulturell hin und her: So ein bisschen Reinkarnationsgeschwurbel nebst dem Gedanken an indische Liebeskunst (Kamasutra!) machen die dekadenten Westler ganz wuschig. Und natürlich ist Gattin Julia Psychologin. Blendend spekuliert Patricia Arquette hier mit der Idee, dass die entfremdete Ehefrau das fiese Spiel heimlich durchschaut und selbst nur eine Rolle spielt.

Nicht alles an dieser belgisch-deutschen Koproduktion läuft derart rund. Am komödiantischen Feinschliff kann Garbarski noch arbeiten. Und was Moritz Bleibtreu angeht, ist man hin- und hergerissen: Kultiviert und verführerisch tritt er auf als Vijay, jederzeit mental ausgeglichen – nichts davon hätte man zuvor mit dem Schauspieler assoziiert. Fans könnten ihren aufbrausenden, gern etwas begriffsstutzigen Liebling vermissen. Die deutsche Synchronisation – selbst die Selbstsynchronisation glättet sein wohl wichtigstes Ausdrucksmittel, die eigene Stimme – tut ihr übriges. Spielt er überhaupt mit? Keine Sorge, Bleibtreu ist da, präsent wie immer, nur ganz anders. Vielleicht hat er ja sein wahres Ich gefunden. Und darum ging es doch die ganze Zeit.

Vijay und ich – Meine Frau geht fremd mit mir (Vijay and I), Deutschl./Belg./Lux. 2012. Regie: Sam Garbarski, Drehbuch: Philippe Blasband, Matthew Robbins, Sam Garbarski, Darsteller: Moritz Bleibtreu, Patricia Arquette, Danny Pudi u. a.; 96 Minuten, Farbe. FSK ab 6.