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„Westen“ mit Jördis Triebel: Raus aus der DDR

Nelly (Jördis Triebel) mit dem Sohn.

Nelly (Jördis Triebel) mit dem Sohn.

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Senator

Vom kollektiven Übertritt der DDR-Bevölkerung in den Westen 1989 ist schon oft erzählt worden. Die Bilder von den feiernden Menschenmassen wird man in diesem Jubiläumsjahr immer wieder sehen. Doch nur selten ist von jenen die Rede, die mit einem Ausreiseantrag das Land verließen – die von der Einsamkeit, die sich um die Ausreisewilligen in der DDR bildete, in eine andere Isolation gerieten als zunächst Fremde in einer neuen Heimat. Julia Franck erzählt davon in ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Lagerfeuer“.

Zehn Jahre nach dem Erscheinen des Buches hat es der Regisseur Christian Schwochow für die Leinwand adaptiert. Das Drehbuch schrieb seine Mutter Heide Schwochow, die mit Christian und ihrem Mann ebenfalls vor dem Mauerfall in den Westen gegangen ist.

So verdichten sich in diesem intensiven Kinofilm verschiedene biografische Erfahrungen in der von Jördis Triebel gespielten Hauptfigur: Nelly, die promovierte Chemikerin, stellt nach dem Unfalltod ihres sowjetischen Geliebten einen Ausreiseantrag, arbeitet zwei Jahre auf einem Friedhof. Mit ihrem Sohn Alexej, den Tristan Göbel mit lakonischem Witz, aber auch anrührender Schutzbedürftigkeit spielt, geht sie nach Westberlin, wo sie zunächst im Notaufnahmelager Marienfelde untergebracht wird.

Etwa 1,35 Millionen Menschen gingen durch dieses Lager, von den insgesamt rund vier Millionen Flüchtlingen aus der DDR zwischen 1949 und 1990. Für Ausgereiste wie Nelly wird der Einzug ins Paradies, das sich als eine kasernenartige, trostlose Siedlung erweist, zum bürokratischen Hürdenlauf – zum Sammeln von Stempeln und Absolvieren demütigender Untersuchungen, bis man endlich Bundesbürger ist.

Die Wände im Auffanglager sind dünn, die Zimmer winzig. Der Sohn wird in der Schule als „Ost-Pocke“ gemobbt. Die Verlockungen der Konsum-Gesellschaft sind ohne Arbeit unerreichbar. Nellys Leben in der DDR, etwa ihre berufliche Qualifikation, zählen nicht.

Die Verhältnisse scheinen sich zu reproduzieren. Das allgemeine Misstrauen in der DDR-Gesellschaft wird hier auf diesen engen Raum übertragen. Ist der von Alexander Scheer feinfühlig gespielte, ehemalige politische Häftling Hans, den die Mitbewohner grausam misshandeln, wirklich ein Stasi-Spitzel? Wem kann man trauen?

Der Verlust von Intimität wird spürbar

Die Bewohner des Lagers nehmen ihre Angst, ihre Unsicherheit mit in das neue Leben. Der Film macht aber auch sichtbar, wie sich in Ost und West während des Kalten Krieges bestimmte Mechanismen spiegeln. Die ständigen Verhöre durch die alliierten Geheimdienste, die Nelly anfangs noch leicht amüsiert für Routine hält, werden für sie immer bedrängender und bedrückender – die bohrenden Fragen, das Klima der Verdächtigungen, Mutmaßungen, das zurückgehaltene Wissen.

Der Regisseur Christian Schwochow, dem mit der Romanverfilmung „Der Turm“ fürs Fernsehen eine sehr stimmige Rekonstruktion der DDR gelang, erweist sich auch hier als Meister genauer Beobachtung. Er lässt die dokumentarisch arbeitende Kamera ganz nah an die Figuren heranrücken, verweigert ihnen die Diskretion und macht so den Verlust von Intimität im Lager spürbar. Hier herrscht sichtbar der Terror der Klaustrophobie, nur selten öffnet sich der verengte Blick auf Totalen.

Nelly hat zunächst nur diesen schmalen Weltausschnitt, in dem sie gegen alle Widrigkeiten und Enttäuschungen eine ungeheure Kraft entfaltet. Die großartige Jördis Triebel gibt ihr die stille Stärke einer Frau, die sich von niemandem vereinnahmen lassen will, die ihre innere Unabhängigkeit schon längst vor der Übersiedlung erlangt hatte. So wird der kluge Film auch zu einer Meditation darüber, was Freiheit – der gerade in diesem Jahr so strapazierte Begriff – eigentlich bedeuten könnte.

Westen, Dtl. 2014. Regie: Christian Schwochow, Drehbuch: Heide Schwochow, nach der Buchvorlage von Julia Franck, Kamera: Frank Lamm, Darsteller: Jördis Triebel, Alexander Scheer, Tristan Göbel u.a.; 102 Minuten, Farbe. FSK ab 12.