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„Wir sind jung. Wir sind stark“: Die Wut der Entheimateten

Angeödet: Jennie (Saskia Rosendahl ) und Robbie (Joel Basman).

Angeödet: Jennie (Saskia Rosendahl ) und Robbie (Joel Basman).

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Zorro Film

In der Nacht des 24. August 1992 setzten einige hundert Jugendliche unter dem Beifall von mehr als 3000 Zuschauern in Rostock-Lichtenhagen ein Asylbewerberheim in Brand. Es befanden sich damals 120 Vietnamesen, zudem Sozialarbeiter, Aktivisten der Antifa, Wachschutzleute, der Ausländerbeauftragte der Stadt Rostock und Fernsehjournalisten in dem Haus. Die Bilder der Ausschreitungen von Rostock gingen um die Welt; von bürgerkriegsähnlichen Zuständen war die Rede. Das Image des hässlichen Nazi-Ostdeutschen verbreitete sich rasant, befördert auch von Kamerateams, welche die Rostocker vor Ort zum Hitler-Gruß animierten.

Nun gibt es einen Film, der aber nicht einfach von Rostock-Lichtenhagen erzählt, sondern vielmehr universale Ursachenforschung im Vorfeld solcher Extremsituationen betreibt. Und er tut das ebenso unvoreingenommen wie präzise. Vielleicht liegt das daran, dass „Wir sind jung. Wir sind stark“ von einem Regisseur mit migrantischen Wurzeln gedreht wurde. Ausgerechnet und glücklicherweise, muss man sagen! Burhan Qurbani wurde im November 1980 als Sohn afghanischer Eltern in Erkelenz geboren und studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg. Sein Abschlussfilm „Shahada“ war nach einer der fünf Säulen des Islam benannt, handelte von drei jungen Muslimen in Berlin und lief im Wettbewerb der Berlinale 2010. Im Kontext der gegenwärtigen gesellschaftlichen Spaltung lohnt es, ihn erneut anzuschauen.

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Als die Fremdenfeindlichkeit in Rostock-Lichtenhagen eskalierte, war Burhan Qurbani erst elf Jahre alt, doch die Bilder der Gewalt, die er damals im Fernsehen sah, brannten sich ein. Hier, in Deutschland, wo er geboren und aufgewachsen ist, habe er sich plötzlich sehr fremd gefühlt, schreibt Qurbani in den Notizen zu seinem neuen Film: „So wie ein Alien fremd ist – ungewollt, von einem andern Stern“. „Wir sind jung. Wir sind stark“ ist Qurbani zufolge jedoch „kein weiterer Neo-Nazi-Film, sondern ein Gesellschaftsdrama aus einer Zeit, die der Nährboden für das Erstarken der rechten Szene war“. Der Regisseur versteht seine neue Arbeit als Heimatfilm: „Ein Heimatfilm insofern, dass er sich mit der Heimat, wörtlich und im übertragenen Sinne, beschäftigt. Eine Heimat, die man suchen, in Frage stellen und verlieren kann.“

Wo ist Heimat

Das ist eine kluge Haltung zu den Geschehnissen damals, ermöglicht sie doch einen Zugang über das Tagespolitische hinaus. Qurbani möchte an Rostock erinnern; er möchte nicht anklagen und keineswegs denunzieren. Er möchte aber auch nicht rechtfertigen – sondern Hintergründe aufzeigen. In „Wir sind jung. Wir sind stark“ geht es um das sittliche und ideelle Vakuum der Nach-Wende-Gesellschaft, das sich mit Wut gefüllt hat. Im Mittelpunkt des Films stehen daher ostdeutsche Jugendliche, die zum ersten Mal in ihrem Leben ohne einen strukturierten Alltag zurechtkommen müssen – ohne das Bewusstsein, später als Arbeitskraft gebraucht zu werden und darauf einen wichtigen Teil ihrer sozialen Identität gründen zu können. Und genau das haben diese jungen Menschen mit den Einwandererkindern in den französischen Banlieues gemeinsam: die Wut all jener, die von der Gesellschaft ausgesondert werden, ohne je eine Chance erhalten zu haben, sich in ihr zu beweisen.

Im Film wird die Clique um Stefan (Jonas Nay) und Robbie (Joel Basman) von Burhan Qurbani als verlorene Generation inszeniert. Die jungen Männer saufen, grölen und raufen in der Plattenbausiedlung Lichtenhagen, wo sie zu Hause sind. Vor allem aber langweilen sie sich. Tristesse herrscht. Nachdem der Jugendclub geschlossen wurde, macht die Gruppe „ihr eigenes Programm“. Gelegentliche Zärtlichkeiten münden sogleich in Rohheit, um gar nicht erst den Eindruck von Schwäche zu erwecken. Geradezu genial zeigt Burhan Qurbani, wie in diesem Orientierungsvakuum diverse Ideologien in eine Art Phrasentank fließen, aus dem man sich je nach Laune bedient. Erst wird „Stasi raus“ gerufen, dann „Sieg heil“; erst „Doitschland, oi oi oi“ gesungen und dann „Völker, hört die Signale“. Die Inhalte sind beliebig, die Haltung ist eine teils ironische Kraftmeierei.

Dass sich da die ziellose Energie und Rebellion der Clique um Stefan und Robbie gegen alle und jeden richtet, zunächst vor allem Repräsentanten des Staates, Polizisten wie Politiker, ist nur logisch. Stefan ist der Sohn eines Lokalpolitikers (Devid Striesow), der keinen Zugang mehr zu seinem Kind findet. Das Motiv des Verlustes von Autoritäten und Leitbildern ist indes auch in den anderen Jugendlichen angelegt. Einer von ihnen begeht Suizid, als er – ohne Halt in Familie und Gesellschaft – den Mehltau der Depression nicht mehr abwehren kann. Soziale Auslöschung, ja sogar Tod oder eben kompensatorischer rechter Größenwahn – zwischen diesen Polen entscheiden sich die Jugendlichen im Film. Was sie eigentlich wollen und auch brauchen in diesem Übergangsalter, ist Sicherheit für ihre Zukunft; eine junge Frau spricht es am Ende aus.

Sicherheit ist das Kernwort, das auch die Pegida-Bewegung maßgeblich antreibt. Die Fremdenfeindlichkeit folgt nur daraus als Angst vor anderen, die einem etwas wegnehmen könnten von einer Zukunft, deren Ungewissheit nicht akzeptiert werden kann. Vom Regisseur kaum beabsichtigt, zeigt „Wir sind jung. Wir sind stark“ auch, dass die Anfänge von Pegida durchaus in der existienziellen Kränkung der Ostdeutschen nach 1989 liegen.

Dürstende Landschaften

„Wir sind jung. Wir sind stark“ ist ein machtvoller, rauer Film, der in den harten Kontrasten seiner Schwarzweiß-Bilder verdeutlicht, dass man nicht einfach so die Sozialstrukturen einer ganzen Region zerstören kann und dann auf deren quasi automatische Demokratisierung zählen darf. Der 1978 in in Ost-Berlin geborene Martin Behnke, der gemeinsam mit Qurbani das Drehbuch schrieb, brachte hier seine Herkunftskompetenz ein: Seinen Worten zufolge die Erfahrung, dass die gesamte DDR-Kultur, Musik und Filme sowie besonders staatliche Veranstaltungen nach der Wende ohne irgendeine inhaltliche Prüfung als minderwertig, unverkäuflich und primitiv angesehen wurde und gern Anlass für Spott war. Das Gefühl eines drastischen Sinkens gesellschaftlicher Teilhabe der Ostdeutschen sei nach der Wende stärker geworden, so Behnke.

Um dieses Gefühl geht es im Film. Gelegentlich wurde Burhan Qurbani vorgeworfen, nicht genug Empathie mit den Opfern der Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen zu zeigen. Diese Vorwürfe sind absurd. Zum einen verklärt der Regisseur seine ostdeutschen Protagonisten keineswegs – es sind Menschen, die verrohen und kriminell handeln. Zum anderen differenziert Qurbani unter den vietnamesischen Bewohnern des sogenannten Sonnenblumenhauses in Lichtenhagen. Die Migrantin Lien (Trang Le Hong) lebt hier mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin; sie will in Deutschland bleiben. Ihr Bruder hingegen plant die Rückkehr, weil er wegen der Anfeindungen um die Familie fürchtet. In knappen Szenen skizziert Qurbani knallharten alltäglichen Rassismus, wenn Lien an ihrer Arbeitsstelle „Schlitzi“ genannt wird – nur so aus Spaß.

Als Burhan Qurbani vor etwa fünf Jahren mit der Arbeit an „Wir sind jung. Wir sind stark“ begann, wusste man noch nichts vom sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund. Seit dem November 2011, so schreibt der Regisseur, „wissen wir, ... dass wir über Jahrzehnte hinweg die rechten Kräfte in Deutschland sträflich unterschätzt haben.“ Das tun wir immer noch – und immer stärker : Pegida ist kein rein ostdeutsches Phänomen mehr. Um mit Gesine Schwan zu sprechen: „Soziale Mitte heißt nicht zwingend auch demokratisch.“



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