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Anne-Frank-Spielfilm: Eine Begegnung mit Lea van Acken

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Paulus Ponizak

Lea van Acken sitzt an diesem Winternachmittag auf einem Sofa im Hotel de Rome und stellt sich vor, Anne hätte neben ihr Platz genommen. Anne, das ist Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt am Main, die Autorin des Tagebuchs, das heute zur Weltliteratur gehört, in 70 Sprachen übersetzt wurde, von der Unesco in das Weltdokumentenerbe aufgenommen wurde, eines der bekanntesten Opfer des Holocaust auf der ganzen Welt. „Ich stelle mir vor, dass Anne neben mir sitzt, und wir zusammen die Menschen im Bus beobachten. Dass sie mir sagt, was sie in ihren Gesichtern liest, und was sie darüber denkt“, sagt Lea van Acken. Ihre Stimme ist hell. Sie ist jetzt 16, ein Jahr älter als Anne Frank, als sie starb, und sie verkörpert diese Ikone der Shoa in dem ersten deutschen Spielfilm, der sich mit dieser Figur beschäftigt.

Ein anderer Teenager

Lea van Acken sieht sehr jung und sehr zart aus in dem weiten dunklen Pullover und dem kurzen Rock, viel zarter als im Film. Die Anne Frank, die sie verkörpert wirkt auch in dem Gefängnis des Verstecks in Amsterdam frech und selbstbewusst, keinesfalls wie ein Opfer. Lea van Acken kannte Anne Franks Tagebuch nicht, sie hat es erst zur Vorbereitung auf das Vorsprechen für die Rolle gelesen. Aber sie kannte den Namen, wusste von der Bedeutung. Ob sie keinen Druck gespürt hat, der von dieser übergroßen Figur ausgeht? „Ich hatte schon Respekt“, sagt sie. „Ich wusste, dass das eine große Aufgabe ist.“ Doch sie hat eine Strategie gefunden, sich nicht erdrücken zu lassen. Sie hat Anne Franks Texte einfach dazu benutzt, eine Gleichaltrige kennenzulernen. Eine, die sie bewundert, ja, aber nicht, weil sie so viel durchgemacht hat, sondern weil sie sich so gut selbst analysieren und beobachten kann. Eine, die sie „Anne“ nennt, auch „meine Anne“ oder „unsere Anne“, aber nie Anne Frank. So heißt das Denkmal, aber nicht der Teenager, um den es Lea van Acken geht.

Es scheint auch, dass sie das Tagebuch nicht vom Ende her gelesen hat, nicht allein unter dem Eindruck vom elenden Tod Anne Franks im Konzentrationslager Bergen-Belsen, die dort an Typhus starb, auch wenn Lea van Acken dort gewesen ist zur Vorbereitung auf die Dreharbeiten. Doch sie spricht statt vom Tod von Anne Franks jugendlichem Lebensdrang. „Wir kennen das doch alle: Ich will groß werden, mich verlieben, ich will raus.“ Und sie sagt über Anne: „Wir hätten uns mit unserer Fröhlichkeit gegenseitig angesteckt.“ Sie muss aber auch einen Druck gespürt haben, während der zwei Monate langen Dreharbeiten. Mit ihrer Filmschwester, der Schauspielerin Stella Kunkat, habe sie manchmal abends im Hotelzimmer Musik angemacht und getanzt, erzählt sie. „Einfach, um die ganze Last abzuschütteln.“

Man fragt sich, woher Lea van Acken, die viel zu jung ist, um je eine Schauspielschule besucht zu haben, das kann. Sie sagt, sie habe Filme schon immer toll gefunden, aber es gibt viele junge Frauen in ihrem Alter, die das von sich behaupten würden. Bei ihr muss der Drang größer gewesen sein. Mit zwölf hatte sie eine Komparsen-Rolle bei den Karl-May-Festspielen in Bad Seegeberg. Sie spielte ein Siedlermädchen. An den einen Satz, den sie damals sagen durfte, kann sie sich nicht erinnern. Nur daran, dass sie am Lagerfeuer herumhopste. Danach bewarb sie sich bei Schauspielagenturen. Ihre Eltern unterstützten sie. „Wenn meine Mama mich nicht zur Bahn fahren würde, ginge das alles gar nicht.“ Lea van Acken lebt mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder auf dem Land bei Hamburg.

Ein Porträt von Audrey Hepburn ist das Hintergrundbild auf ihrem Handy, und ihre Augen leuchten, wenn sie von Hepburns Rolle in „Ein Herz und eine Krone“ spricht, eine Hollywood-Romanze aus dem Jahr 1953. Audrey Hepburn spielt darin eine Prinzessin, und nichts könnte von den Rollen, die Lea van Acken bisher gespielt hat, weiter entfernt sein. In ihrem ersten Spielfilm „Kreuzweg“, der 2014 im Wettbewerb der Berlinale lief, war sie die 14-jährige Maria, deren Familie einer erzkatholischen Priesterbruderschaft angehört, die Maria mit ihrem Fanatismus quält. Damals war auch Lea van Acken erst 14, ohne Schauspielerfahrung, und doch trug sie den Film mit diesem schweren Thema fast ganz allein auf ihren Schultern.

Vergangenes Jahr hatte sie einen Auftritt in der Serie „Homeland“, ein paar kleinere Fernsehrollen, und dann kam die Einladung zu dem Vorsprechen für „Das Tagebuch der Anne Frank“. „Ich hatte drei Castings bis ich wusste, dass ich die Rolle habe“, sagt sie. Und da merkt man, dass sie auch ehrgeizig ist. Sie hat auch keine Hemmungen, über die große Aufgabe des Films zu sprechen. Er solle vor allem junge Leute erreichen und eine generationsabhängige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ermöglichen. Es sei ihnen nicht um Betroffenheit gegangen. „Davon wollten wir den Film entkoppeln.“ Wir, sagt sie jetzt, und die Sätze klingen auch danach, als hätte sie sie in Gesprächen mit dem Team, mit dem Regisseur Hans Steinbichler geformt.

Opfer bringen

„Das Tagebuch der Anne Frank“ ist wirklich ein Film, der an Schulen gezeigt werden könnte, wenn Thema Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht behandelt wird, so eng bleibt er bei den Tagebuchtexten. Das macht ihr ein bisschen Angst, und man merkt zum ersten Mal, dass man hier nicht nur eine sehr begabte Schauspielerin vor sich hat, sondern eine Schülerin, die noch zwei Jahre bis zum Abi hat und keinen Hype brauchen kann. „Klar, ich hab ’nen Film gedreht, weil das meine Leidenschaft ist“, sagt sie. „Aber ich mache meine Hausaufgaben wie alle anderen auch.“ Viele ihrer Mitschüler wüssten gar nichts von ihrer Arbeit als Schauspielerin. „Es ist nicht so, dass ich viel erzähle, weil es mir auch eher unangenehm ist.“

Nach den Dreharbeiten für „Das Tagebuch der Anne Frank“ kam sie, die die Haare eigentlich lang trägt, allerdings mit sechs Millimeter kurzen Stoppeln auf dem Kopf zurück. „Da ist allen die Kinnlade heruntergefallen.“ Und sie durfte es nicht einmal erklären, denn das Ende des Films, als Anne Frank in Auschwitz die Haare abrasiert werden, musste noch geheim bleiben. „Ich hab immer gesagt, ich musste mutig sein.“ Sie hat es als richtig empfunden, ihrer Anne ein Opfer zu bringen.

Das Tagebuch der Anne Frank läuft am Donnerstag in den Kinos an.