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Bärenpost – Kolumne zur Berlinale: Neulich im Swinger Club

Eine Gruppe von Frauen tanzt den Charleston-Tanz. Heute ist Swingen weniger beliebt, meint unser Autor.

Eine Gruppe von Frauen tanzt den Charleston-Tanz. Heute ist Swingen weniger beliebt, meint unser Autor.

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dpa

Zu den schlimmsten und intolerabelsten Verirrungen des gegenwärtigen Berliner Nachtlebens zählt zweifellos die in manchen Randgruppen grassierende Begeisterung für Swing-Musik, sei es in der historisierenden Variante des Retro-Swing oder sei es – fast noch beknackter – in Gestalt des mit billigen Beats aufgemotzten Electro-Swing. Nichts sieht erbärmlicher aus als ein Haufen von jungen Leuten, die sich mit Frack, Fliege und Federboa im Zwanzigerjahre-Stil kostümieren und mit albern federnden Knien den Charleston zu tanzen versuchen. Jeder halbwegs geschmacksbegabte Mensch schlägt um solche Veranstaltungen einen großen Bogen – soweit es ihm die Umstände gestatten.

Manchmal sind die Umstände aber auch gegen einen, wie am Donnerstagabend im Adagio Club: Wer dort die Eröffnungsparty der Berlinale besuchen wollte, wurde aus dem Inneren des ansonsten von mir ja gern besuchten, mit Pappmaché-Mauern und trüb funzelnden Kandelaber-Imitaten einem mittelalterlichen Zechkeller oder auch Burgverlies nachempfundenen Etablissements stundenlang von einem Swing-DJ beschallt – mit Neoswing und Retroswing, mit Electroswing und Electrolindyhop, ohne Pause und ohne Erbarmen, es war ein Grauen.

Warum bloß?

Wenigstens hatte sich niemand im Swingstil verkleidet, und es tanzte auch keiner; vielmehr standen die Gäste mit gelähmten Gliedern in der Mitte des Saals herum und starrten mit leerem Blick in ihre Gläser. Oder diskutierten über die eine Frage, die an diesem Abend alle bewegte: Warum bloß? Warum? Hatte ein heißgelaufener Zufallsgenerator den musikalischen Stil programmiert? Oder war man unfreiwilliger Weise zum Teil eines Gesamtkunstwerks geworden?

War die Wahl der Partymusik vom Eröffnungsfilm inspiriert, der zu wesentlichen Teilen in den Dreißigerjahren spielt und mit einem Swing-artigen Soundtrack unterlegt wurde? Dann hoffen wir nur, dass der Eröffnungsfilm der nächsten Berlinale nicht im Harfenbaumilieu siedelt oder in einem Blockflötenchor, unter Walfischen oder Kosaken oder auf dem Oktoberfest.