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Ben Affleck in „Gone Girl“: Ein schlechter Schauspieler seiner Unschuld

Nick, gespielt von Ben Affleck, wirbt linkisch für die Suche nach seiner Frau (auf dem Poster: Rosamund Pike).

Nick, gespielt von Ben Affleck, wirbt linkisch für die Suche nach seiner Frau (auf dem Poster: Rosamund Pike).

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AP/dpa

Gut, dass uns die Gedanken nicht als Schrift über die Stirn laufen, ließ Georg Büchner schon seinen Danton feststellen. Denn der Mensch ist ein Abgrund, und wenn man das an seinen Taten wahrnimmt, ist das schlimm genug; wüsste man um die schlimmen Gedanken schon bei ihrem Auftauchen, wäre ein zivilisiertes Leben vermutlich gar nicht möglich.

Eines Tages kommt Nick aus der Bar namens „The Bar“, die er zusammen mit seiner Zwillingsschwester Margo in einem kleinen Ort in Missouri betreibt, nach Hause und trifft seine Frau Amy nicht mehr an. Im Wohnzimmer verweisen die Scherben des Glastischs auf Gewalt, und die Polizei findet sogar Blutspritzer. Amy ist offenbar entführt oder gar ermordet worden.



Nick benimmt sich daraufhin etwas seltsam, geradezu verdächtig: Während Amys Eltern vor der Kamera lange Elogen auf ihre brillante Tochter zum Besten geben, bittet Nick die Öffentlichkeit lediglich um Hinweise, und neben dem Foto der Vermissten entgleist ihm das Gesicht zu einem schiefen Lächeln, so dass sich Millionen Fernsehzuschauer fragen: Was hat der für einen Grund zu lächeln? Ohne, dass irgendwo eine Leiche auftauchen würde, gilt Nick bald als mutmaßlicher Mörder seiner Frau.

„Gone Girl“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Thrillers von Gillian Flynn, und der erste Regisseur für derlei makaber-klandestine Aktionen ist David Fincher, der von „Se7en“ an und später in „The Game“, „Fight Club“, „Zodiac“ und der Serie „House of Cards“ mit seinen Figuren zynische bis grausame und vor allem undurchsichtige Spiele treibt.

Fincher übernimmt aus dem Roman die Erzählweise aus zwei zeitverschobenen Perspektiven – Nick beobachtet die Gegenwart, Amy berichtet aus der Vergangenheit – und setzt daraus das Bild einer Ehe zusammen. Einer Ehe, in der sich die Partner nach euphorischem Beginn täuschen, misstrauen und schließlich betrügen, und das nicht nur sexuell. In der Mitte von „Gone Girl“ gibt es einen Twist, den man leider nicht verraten kann. Nur so viel: Amy, von Rosamund Pike undurchsichtig gespielt, ist kein ganz einfaches Opfer.

Fincher-mäßige Stimmung von Bedrohlichkeit und sozialem Abstieg

Die Medien sind immer dabei: Sie barmen mit der Verschwundenen, sie verurteilen Nick als Mörder, sie treiben das Geschehen vor sich her und eröffnen einen zweiten Kriegsschauplatz neben den polizeilichen Ermittlungen, der geschickt bespielt werden will. Nicks Anwalt etwa möchte, dass Nick seine Affäre mit einer jungen Studentin zugeben soll – da tritt sie selbst mit Sinn für Effekt vor die Kamera, und aus dem reuigen Sünder wird ein in die Ecke getriebener Ehebrecher.

Mit Ben Affleck ist Nick kongenial besetzt – lange galt er als schlechter Schauspieler, nun wendet er dieses Image in eine Potenz, denn Nick ist in der Tat ein schlechter Schauspieler seiner Unschuld.

Medienkritik ist sicherlich der auffälligste gesellschaftsrelevante Punkt von „Gone Girl“, allerdings wird er erst originell, wenn man ihn mit dem Umstand zusammenbringt, dass Nick ein Journalist war, den das Internet arbeitslos gemacht hat: Er wird vom Trash-Journalismus nicht nur aus dem beruflichen Sattel geworfen, sondern gleich noch aufgefressen.

Allerdings geht es in „Gone Girl“ keineswegs um eine Kritik im aufklärerischen Sinne. So etwas findet im US-Kino durchaus statt, wenn die Exzesse des Rechtssystems oder des Finanzwesens gezeigt werden. Aber in derlei Filmen ist das Übel greifbar, moralisch zu klassifizieren und durch Moral auch zu beheben. In „Gone Girl“ dagegen ist alles schon verloren.

Das Übel sickert langsam ein über eine allgemeine und echt Fincher-mäßige Stimmung von Bedrohlichkeit und sozialem Abstieg. Geheiratet haben Amy und Nick in ihrer Heimatstadt New York, vor zwei Jahren sind sie in seine kleine Heimatstadt in Missouri gezogen, weil Nicks Mutter starb. Der Film beginnt mit Kleinstadtbildern im Morgengrauen; er zeigt diese Orte dicht und rasch hintereinandergeschnitten, sie wirken wie potenzielle Verbrechensschauplätze, gerade so wie es Walter Benjamin an den Paris-Fotografien Eugène Atgets wahrgenommen hat.

Die Spielberg’sche Rettung jeder Krise besteht in der Restitution des staatlichen Urzelle, der Familie. Kritisch wird es erst, wenn auch die nicht mehr funktioniert. Die kinderlose Familie in „Gone Girl“ ist bereits ein Warnsignal. Wenn dann auch noch das Paar derart auseinanderfällt in Enttäuschung und Misstrauen, zeigt das eine Faulstelle an im Innersten des amerikanischen Staats und Traums.

Gone Girl – Das perfekte Opfer USA 2014, Regie: David Fincher, Buch: Gillian Flynn nach ihrem gleichnamigen Roman, Kamera: Jeff Cronenweth. Mit: Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Kim Dickens u.a., Farbe, 145 Min., FSK ab 16


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