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Berlinale: Der Abgrund hinter der deutschen Kleinstadtfassade

Sebastian Hülk in "Auf einmal"

Sebastian Hülk in „Auf einmal"

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Emre Erkmen

Die Kleinstadt hockt im Tal, eine Ansammlung von Mehrfamilienhäusern, in der Mitte eine Fußgängerzone, rundum bewaldete Hügel, wenig Licht. Ein deutscher Ort, irgendwo in den alten Bundesländern, eher südlich als nördlich. Die Regisseurin Asli Özge entwirft mit ihrem Film „Auf einmal“  sehr stringent das Genrebild einer deutschen Lebenswelt, die hinter ihrer Aufgeräumtheit jede Menge antisoziales Verhalten verbirgt.

Da stirbt eine junge Frau nach einer Party in der Wohnung des mitteljungen Bankers Karsten (Sebastian Hülk). Dessen Freundin  (Julia Jentsch) war auf Dienstreise, der Rest der Clique schon gegangen, und dieser Mann,  scheint es anfangs, hat nur einen Fehler gemacht: Zu spät den Krankenwagen gerufen. Warum weiß er nicht, zumindest behauptet er das gegenüber der Polizei. Die Tote hat blaue Flecken, ganz bekleidet war sie offenbar auch nicht. Ein „Tatort“ könnte so beginnen, aber  etwa in der Mitte des Films stellt sich heraus, dass die junge Frau an Asthma litt und die Wechselwirkung zwischen  Medikamenten und viel Alkohol tödlich für sie war. Krimihandlung beendet.

Rachestory

Von da an nimmt der verdächtigte Mann Rache an allen, die ihm vorher einen Mord zugetraut hatten.  Und von da an ist dieser Film das Porträt eines Psychopathen, wie man es lange nicht gesehen hat. Um es gleich zu sagen: „Auf einmal“  sind knapp zwei Stunden Beklemmung, Unbehagen, Spannung  – aber zwischendurch  auch Überdruss. Denn dieser Banker erfüllt all die Kriterien eines „autoritären Charakters“  wie ihn Erich Fromm beschrieben hat.  Ein Musterknabe des Buckelns und Tretens, verdruckst und feige gegenüber solchen, bei denen es etwas zu holen gibt, herrisch gegenüber denen, die er für schwächer hält. Nach außen gibt sich der  frühverkarstete  Ziegenbartträger  jovial, aber vor latenter Geltungssucht  lebt er in einer  Daueranspannung, die ihn zu einem sehr uncoolen Typen macht.  Die Clique ist nicht viel anders, das sind alles so Anfangs- und Mitdreißiger, die am Sonntag ein bisschen grillen, Partyszenen mit dem Handy abfilmen, und wenn sie betrunken sind grölen sie „Einer geht noch, einer geht noch rein.“

Solche Leute verkaufen anderen Lebensversicherungen oder verweigern ihnen Kredite.  Wie Banker im deutschen Kino dargestellt werden,  deutet auf eine natürliche Feindschaft zwischen den beiden Berufsgruppen hin, unvergessen die Szenen in „Rossini“ von Helmut Dietl. Auch er hat Sittenbilder entworfen – Milieustudien, zur Satire hochgedreht, mit dem gnädigen Blick des Menschenfreunds. Asli Özges Blick auf dieses Durchschnittsmilieu ist ein gnadenloser. Daran ist nichts auszusetzen, solche Blicke von außen – Özge lebt zwar seit 16 Jahren in Berlin, studierte aber in der Türkei – sind oft sehr genau.

Duckmäuser-Fascho-Virus

Doch hier gibt es keine einzige Figur, die  gegen den Duckmäuser-Fascho-Virus immun ist, auch nicht der  russlanddeutsche Außenseiter, jener Ehemann der Toten, mit dem sich Karsten am Ende einen Showdown liefert. Da spielt sich Karsten auf wie ein Mafiakiller, der seinem Opfer noch eine Moralpredigt hält – mit Voltaire-Zitat und allem drum und dran.  Es gibt immer den  Moment,  in dem verbale Gewalt ins Lächerliche kippt.

"Auf einmal":  19.2., 12.30 Uhr, CinemaxX 7