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Berliner Zeitung | Berlinale-Direktor Dieter Kosslick: "Wir können nur gewinnen, wenn die Integration gelingt"
03. February 2016
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Berlinale-Direktor Dieter Kosslick: "Wir können nur gewinnen, wenn die Integration gelingt"

Den Bären geschultert: Berlinale-Direktor Dieter Kosslick ist startbereit.

Den Bären geschultert: Berlinale-Direktor Dieter Kosslick ist startbereit.

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AP/Axel Schmidt

Ein stürmischer Vormittag am Potsdamer Platz. Auch im Büro des Direktors der Berlinale herrscht viel Bewegung, so kurz vor Beginn des Filmfestivals. Dieter Kosslick ist erkältet, aber dennoch guter Dinge. Und er ist vorbereitet, wie er betont, aber das ist er immer.

Herr Kosslick, wie gut ist die Berlinale für Berlin? Böse Stimmen sagen, die Fashion Week spiele mehr in die Stadtkassen als das Filmfestival.

Hoffentlich. Wenn man drei Wochen die Hauptschlagader Berlins sperrt, dann muss das Millionen in die Kassen der Stadt spülen, sonst ist das doch nicht zu rechtfertigen. Was die Berlinale einspielt, liegt jährlich im dreistelligen Millionenbereich, zwischen 80 und 100 Millionen Euro Regionaleffekt, die den Hotels, der Gastronomie, den Fahrbetrieben und so weiter durch Festivalbesucher und Gäste zugutekommen. Plus die 25 Millionen Euro, die wir selbst umsetzen als Festival. Das stellt die Investitionsbank für uns fest. Der große Unterschied zur Fashion Week ist, dass die Berlinale ein Publikumsfestival ist, zu dem jeder Zugang hat.

Womit überraschen Sie das Berlinale-Publikum ab dem 11. Februar?

Mit dem, was es eigentlich will. Und das haben wir in Erhebungen erfragt. Da besteht ein großer Wunsch nach mehr Komfort. Also bieten wir den Leuten ein ausgebautes Ticket-System. Zu hundert Prozent Wohlgefallen lässt sich das nicht lösen, man muss immer noch anstehen, aber wir versuchen, es weniger frustrierend zu gestalten. Die Umfragen ergaben auch, dass sich die Leute nach den Filmen mehr Gespräche wünschen. Diesem Wunsch kommen wir mit der Audi Berlinale Lounge am Potsdamer Platz nach. Jeden Tag ab 14 Uhr bis Mitternacht gibt es ein Riesenprogramm: von Gesprächen mit Filmemachern über Moderationen zum roten Teppich bis zu Backstage-Informationen. Abends spielen Bands von bekannten Schauspielern.

Das klingt, als würde die große Berlinale weiter wachsen…

Nein, die Berlinale wird nicht noch größer werden, das geht gar nicht, aber wir wollen sie besser machen. Und wir überraschen die Leute beim Berlinale Street Food Markt mit gutem Essen zu einem vernünftigen Preis: vernünftig, nicht billig.

Und wie steht es um die Filme? Die einzige deutsche Regiearbeit im Wettbewerb ist „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached. Darin geht es um ein Paar, das Nachwuchs erwartet. Auch im Panorama und Forum spielt das Thema Kinderwunsch und Kinderkriegen eine große Rolle. Ist das Zufall oder ein Berlinale-Schwerpunkt?

Das ist kein bewusster Schwerpunkt, sehr wohl aber ein ewiges Thema in unserer Gesellschaft. Das hat im diesjährigen Programm aber keine eskapistische Note. Die Filme funktionieren eher andersherum: Aus individuellen Geschichten heraus werden die gesellschaftlichen Themen entwickelt. Ein Beispiel ist der portugiesische Film „Cartas da guerra“ von Ivo M. Ferreira. Wir zeigen bei der Berlinale eigentlich schon immer, wie Kinder auf dieser Welt leben oder genauer: Leben müssen.

Der Berlinale wurde kürzlich gratuliert zum Coup, den Film „Chi-Raq“ des afroamerikanischen Regisseurs und Aktivisten Spike Lee zeigen zu können und damit der Oscar-Academy mit ihrem Rassismus-Problem eins auszuwischen. Was ist da wirklich dran?

Spike Lees Film war bei uns programmiert, lange bevor die Debatten um die rein weißen Oscars aufkamen. Wir zeigen im Wettbewerb und Berlinale Special zwei Filme mit schwarzen Protagonisten: „Chi-Raq“ und „Miles Ahead“ über die Jazz-Legende Miles Davis in der Regie von Don Cheadle.

Unten im Foyer der Berlinale steht ein Stuhl mit dem Hinweis Cucula. Sie selbst sind eine Art Markenbotschafter für Cucula. Was ist das?

Cucula ist eine Beschäftigungsinitiative für Asylsuchende, vornehmlich aus Afrika. Sie bauen dort sozialversicherungspflichtig die Stühle des berühmten italienischen Designers Enzo Mari der Kunstbewegung arte povera nach, zu einem erschwinglichen Preis. Man sitzt darauf besser, wenn man das weiß.

Sie haben sich mehrfach zur Flüchtlingsproblematik geäußert und angekündigt, dass die Berlinale etwas für Flüchtlinge tun wird. Wie sieht das genau aus?

Wir können uns natürlich nicht an den roten Teppich stellen und Zaungäste fragen: „Guten Tag, sind Sie aus Aleppo?“ Aber kürzlich besuchten wir das Behandlungszentrum für Folteropfer, und die Berlinale bittet alle, es durch Spenden zu unterstützen. Im Rahmen des Projektes „Patenschaften für Kinobesuche“ können ehrenamtliche Helfer zudem gemeinsam mit Geflüchteten Berlinale-Vorstellungen besuchen – es geht um Teilhabe.

Dann bieten wir Plätze für bis zu 20 Hospitanten in verschiedenen Festivalbereichen. Das machen wir in Kooperation mit dem Beratungs- und Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge und Migranten BBZ. Aber vergessen Sie bitte nicht: Wir machen auch noch die Berlinale! Wir sind nicht die Weltjugendfestspiele. Fakt ist: Die Situation, in der wir uns jetzt befinden in der Welt, ist auch die erste Antwort auf die Globalisierung – die ungehemmte ökonomische Expansion des Westens auf Kosten anderer Länder und deren Ausbeutung. Kein Wunder, dass es überall Flucht und Terror gibt. Es geht auch um wirtschaftliche Interessen.

Sie argumentieren in punkto Engagement für Flüchtlinge mit der Fluchtgeschichte der Deutschen. Was antworten Sie Leuten, etwa von Pegida, die das nicht hören wollen?

Ich fürchte, die hören mir gar nicht zu. Dennoch sage ich es immer wieder laut: Wir können in Zukunft nur gewinnen, wenn die Integration gelingt. Ich verstehe die Ängste der Leute, und die Zuwanderung muss auch geregelt werden. Aber Deutschland ist noch lange nicht übervölkert, falls es so etwas überhaupt gibt.

Bereits 2015 spielten wegen der Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo strengere Sicherheitserwägungen eine Rolle. Wie sehen diese derzeit aus?

Wenn man eine Großveranstaltung wie die Berlinale macht, muss man sich darüber im Klaren sein, dass es immer ein Sicherheitsrisiko gibt. Um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten, werden alle dafür notwendigen Maßnahmen ergriffen. Über die Sicherheitsmaßnahmen entscheiden wir je nach Bedrohungslage. Dazu gibt es Konzepte. Jedenfalls wollen wir als Berlinale kein Flughafen sein.

Das Gespräch führte Anke Westphal.