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Berlinale Jury-Präsident James Schamus: Kritik der Urteilskraft

Begehrte Trophäen: Silberner und Goldener Bär.

Begehrte Trophäen: Silberner und Goldener Bär.

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Reuters

Mr. Schamus, wenn Sie nun die Wettbewerbs-Jury leiten, ist das nicht Ihr erster Besuch des Festivals. Wie weit reicht Ihre persönliche Beziehung zur Berlinale zurück?

Bis an den Anfang meiner Karriere im Filmgeschäft! Vor einem Vierteljahrhundert kam ich zur Berlinale, um auf dem Filmmarkt einen 16-mm-Film vorzustellen, den ich mehr oder weniger an zwei Wochenenden mit dem großen chilenischen Regisseur Raúl Ruiz produziert hatte. Der hieß „The Golden Boat“, und ich hatte eine der Vorführkabinen in der Kunsthalle in der Budapester Straße gemietet, wo damals der Berlinale-Filmmarkt stattfand.

Das werde ich nie vergessen. Damals war noch überall das Rauchen erlaubt, so dass mein Hemd nach einem Tag in der Halle immer roch, als hätte es 30 Rauchern als Filter gedient. Den Film guckten sich damals nur vier oder fünf Leute an. Zwei von ihnen blieben sogar bis zum Ende – und kauften ihn letztlich für ihren frisch gegründeten amerikanischen Verleih. Mein allererstes erfolgreiches Geschäft in der Filmbranche tätigte ich also auf der Berlinale.

Und Sie kamen häufig wieder...

Selbstverständlich. Wie oft genau, wissen unsere Freunde von der NSA sicher besser – die führen ja bekanntlich über alles Buch. Auf jeden Fall war ich wenig später zurück und landete mit Ang Lees „Hochzeitsbankett“, bei dem ich Koautor und Produzent war, sogar im Wettbewerb. Am Ende gewannen wir den Goldenen Bären. Ein Kunststück, das uns drei Jahre später mit „Sinn und Sinnlichkeit“ gleich noch einmal gelang. Es folgten viele weitere Berlinale-Filme, an denen ich beteiligt war, auch im Forum und im Panorama, dort sogar Teddy-Gewinner. Nicht zuletzt als Chef von Focus Features hatte die Berlinale immer einen festen Platz in meinem Terminkalender.

Nun müssen Sie selbst Filme beurteilen. Wird Ihnen das leicht fallen?

Warten wir’s ab. Tatsächlich bin ich kein Fan von Ranglisten, Punkte-Bewertungen und solchen Dingen. Das sind meisten zu kurz gegriffene, zu schnell getroffene Urteile. Andererseits wird mich die Jury-Arbeit nun dazu bringen, all das, was ich an einem Film gelungen und beeindruckend finde, tatsächlich auf den Punkt zu bringen. Darauf freue ich mich.

Denn oft beschäftigt man sich ja erst dann besonders leidenschaftlich mit einer Sache, wenn man gezwungen ist, sich wirklich eine Meinung zu bilden. Letztlich werde ich mir die Filme auf der Berlinale nicht anders ansehen, als wenn ich sonst ins Kino gehe. Nur behalte ich mein Urteil diesmal nicht für mich.

Doch Sie sehen die Filme hier sicher unter anderen Aspekten als Sie es als Leiter von Focus Features taten?

Der ganze Aspekt der kommerziellen Verwertbarkeit, der damals immer mit bedacht werden musste, fällt nun zum Glück weg. Deswegen freue ich mich auch so unbändig auf die Berlinale. Als ich mich einst zu einer Karriere in der Branche entschloss, stellte ich mir vor, mein Berufsleben würde ein einziges großes Filmfestival sein. Stattdessen war ich 25 Jahre ständig auf ebensolchen, habe dort aber – wenn überhaupt – nur Filme gesehen, die für mich als Einkäufer in Frage kamen. Jetzt habe ich endlich mal die Chance auf eine echte Festivalerfahrung, werde ganz viel im Kino sein und muss mich bloß auf meinen Geschmack verlassen.

Wie würden Sie Ihren persönlichen Geschmack beschreiben? Ihre Doktorarbeit schrieben Sie über einen skandinavischen Film, von dem viele sicher noch nie gehört haben.

Stimmt, „Gertrud“ von Carl Theodor Dreyer. Den ich natürlich nur gewählt habe, um potenzielle Leser zu verschrecken. Meine Vorlieben reichen aber von diesem obskur-intellektuellen Ende des filmischen Spektrums bis zum Popcorn-Kino aus Hollywood. Ich sehe keinen Grund, warum man nicht beides mögen kann. Und beruflich habe ich mit meinen Filmen ja meist die goldene Mitte gesucht.

Gerade in der Bandbreite des Kinos liegt für die Jury-Arbeit aber auch eine Schwierigkeit. Wie vergleicht man all die unterschiedlichen Filme des Wettbewerbs?

Mal sehen, ob ich das so auch meinen Jury-Kollegen gegenüber kommunizieren werde, aber prinzipiell denke ich, dass man sich als Jury-Präsident der Berlinale an Kant halten sollte. Seine Kritik der Urteilskraft und generell die Werke deutscher Philosophen des 18. Jahrhunderts haben ja überhaupt erst die Begriffe von Kunst und Ästhetik geschaffen. Leute wie Kant, Baumgarten, Mendelsohn, Hegel und all die anderen sollte man immer im Kopf behalten, wenn man über Kunstwerke urteilt.

Was bringt Ihnen die Zukunft nach Focus Features ?

Der gute Ang Lee steckt schon mitten in den Vorbereitungen für einen neuen Film über die jahrelange Rivalität zwischen den Boxern Joe Frazier und Muhammad Ali – und der wird technisch noch ambitionierter als „Life of Pi“. Bereits jetzt habe ich damit als Produzent einen Vollzeitjob. Ganz abgesehen davon, dass ich nach meinem Abschied von Focus endlich mal wieder schreiben konnte und bereits zwei Drehbücher vollendet habe. Von Wochen der Entspannung am Strand kann also keine Rede sein.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.