E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Berlinale Nachwuchsplattform: „Aus New York schalten wir Laura Poitras zu“

Christine Tröstrum ist Leiterin der Plattform Berlinale Talents (einst Talent Campus).

Christine Tröstrum ist Leiterin der Plattform Berlinale Talents (einst Talent Campus).

Foto:

BLZ/Ponizak

Frau Tröstrum, wie viele Bewerber hatten Sie für Berlinale Talents 2015?

2559 aus 117 Ländern. Vor vier Jahren waren wir fast bei 5000 und haben dann die Regularien angepasst. Die Bewerber müssen jetzt mit zwei Kurzfilmen oder einem Spielfilm auf internationalen Festivals vertreten gewesen sein oder verantwortlich an einer hochwertigen Serie beteiligt gewesen sein. Wir haben ein vierköpfiges, international besetztes Auswahlgremium, im Vorfeld sprechen wir auch direkt Filmemacher an und scouten.

Dass es immer mehr geworden sind – liegt das auch daran, dass digitale Kameras das Filmemachen erschwinglicher und einfacher gemacht haben?

Das ist sicher ein Faktor. Aber auch unsere Netzwerke wachsen. Wir haben jetzt sechs Talents International Initiativen. Eine in Buenos Aires, in Guadalajara in Mexiko für Zentralamerika und die Karibik, dann in Tokio, in Sarajevo und in Durban für ganz Afrika. Seit September 2014 gibt es Talents Beirut: Dort arbeiten wir nicht mit einem Festival zusammen, sondern mit unseren Partnern vom Metropolis Art Cinema, die auch einen Verleih haben. Dort fördern wir Cutter, Kameraleute und Sound Designer, die im arabischen Raum nur wenige Möglichkeiten haben, sich weiterzubilden. Wir könnten wahrscheinlich 25 Initiativen mehr haben, aber unsere Kapazität ist beschränkt. Wir beraten nicht nur inhaltlich, sondern auch, wie man eine Initiative aufbaut. Berlinale Talents wird über Drittpartner finanziert, und auch unsere Partner müssen sich erstmal um eine Finanzierung kümmern.

Gibt es eine Weltgegend, deren Bewerber besonders stark vertreten sind?

Seit zwei, drei Jahren ist Lateinamerika sehr stark, Peru, Brasilien, Mexiko – Länder, in denen es gesellschaftliche und politische Krisen oder Umbrüche gibt. Und Asien, Indonesien, die Philippinen, Thailand.

Wie politisch sind die Bewerber?

Wir sehen, wie sich bei Filmemachern aus Spanien, Griechenland, Portugal und Italien Inhalte und Filmsprache auf die wirtschaftliche Krise und die gesellschaftlichen Folgen reagieren. Es ist erstaunlich, wie mit wenigen Mitteln ein Ausdruck für die Zeit, in der man lebt, gefunden wird.

Berlinale Talents veranstaltet immer während der Berlinale Lektionen von und Paneels mit Berühmtheiten aus dem Filmbereich. Wie viele Experten kommen jetzt?

140. Wim Wenders ist dabei, Andreas Dresen. Wolfgang Kohlhaase. Der Drehbuchautor und Regisseur Matthew Weiner, Erfinder von „Mad Men“, gibt eine Masterclass. Howard Shore, der Komponist der Filmmusik zum „Hobbit“ und zu „Herr der Ringe“ kommt. Aus New York schalten wir Laura Poitras dazu, die Regisseurin der Doku „Citizenfour“über Edward Snowden.

Das Thema der Berlinale Talents 2015 lautet: A Space Discovery. Was verbirgt sich dahinter?

Das ist angelehnt an Stanley Kubricks Filmklassiker „2001: A Space Odyssey“. Wir wollen aber keine Irrfahrt machen. Wir wollen uns vielmehr auf unterschiedliche Weise mit Räumen auseinandersetzen, sei es mit dem kulturellen Raum oder dem Raum als filmischem Gesamtkunstwerk. Im arabischen Raum wollen wir uns Kinos anschauen, das Partnerkino in Beirut und das Zawya Kino in Kairo. Und wir haben Bong Joon-ho, den Regisseur von „Snowpiercer“ und „The Host“, dessen Filme eine asiatische Handschrift haben und international begeistern.

Das Gespräch führte Susanne Lenz.