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Berlinale-Wettbewerb: "Zwischen Welten“: Das Oberkommando ist weiblich

Zwischen den Welten steht eine Thermoskanne Tee. Immerhin. Ronald Zehrfeld und als Übersetzer Mohsin Ahmady (beide links)

Zwischen den Welten steht eine Thermoskanne Tee. Immerhin. Ronald Zehrfeld und als Übersetzer Mohsin Ahmady (beide links)

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Independent Artists Filmproduktion/Peter Drittenpreis

Deutschland hat wieder einen Kriegshelden im Kino stationiert. Dieser Held kann zwar unendlich traurig gucken, und am Ende wird er wegen Befehlsverweigerung vor ein Militärgericht gestellt, aber es ist doch ein Held durch und durch. Die deutsche Regisseurin Feo Aladag hat mit „Zwischen Welten“ einen Film gedreht, der gut zu Ursula von der Leyens Antritt als interventionsbereite Ministerin passt. Aber auch gut zur Debatte um das Schicksal der Afghanen nach dem Abzug der ISAF-Truppen. Ein Antikriegsfilm jedenfalls ist das nicht.

Dass der Soldat Jesper ein Held ist, wird am Anfang noch nicht ersichtlich. Er muss das Kommando über einen kleinen Haufen deutscher Soldaten übernehmen, die einem Dorf dabei helfen sollen, sich gegen die Taliban zu wehren. Jesper hat soviel (berechtigte) Angst vor Anschlägen, dass er schon bei der Kontrolle eines alten Mannes die Nerven verliert. Dann aber setzt sich bald das besondere Vermögen seines Darstellers Ronald Zehrfeld durch. Der kann seinen Blick nämlich auf den Dingen ruhen lassen, als legte sich eine schwere Pranke auf die Schulter.

Jespers Verbündeter in dem kleinen Kampfposten ist Haroon, der Anführer einer Miliz, die zu den deutschen Vorstellungen vom Bürger in Uniform nicht recht passen will. Haroon prügelt seine Untergegebenen windelweich, wenn sie bei der Wache kiffen. Jesper gefällt das nicht, deshalb macht er das, was Deutsche hier eben so machen: Er mischt sich ein. Das kommt nicht gut an, weil Jesper den Kämpfern auch sonst keine große Hilfe ist: Als das Nachbardorf nachts angegriffen wird, müssen die Afghanen allein hinaus, weil die Deutschen auf Nachfrage an den Kommandierenden im Dunkeln nicht kämpfen dürfen: Die Gefahr für Kollateralschäden sei zu groß. Bei den Afghanen ist Jesper erst mal unten durch.

Ein enges Verhältnis entwickelt der deutsche Soldat zu seinem jungen afghanischen Übersetzer. Als er merkt, dass dieser von Taliban-Sympathisanten drangaliert wird und seit Längerem um Asyl in Deutschland für sich und seine Schwester nachsucht, fordert Jesper von seinem Vorgesetzten Unterstützung. Vergebens. Nachdem ein Taliban die junge Ingenierstudentin vom Motorrad schießt, soll ihr sogar die Aufnahme ins deutsche Bundeswehrkrankenhaus verweigert werden. Da nimmt Jesper die Dinge selbst in die Hand.

„Zwischen Welten“ der Regisseurin Feo Aladag (die mit Geburtsnamen Schenk heißt und sehr blond ist) ist filmästhetisch nicht unbedingt aufregend, aber aus verschiedenen Gründen ungewöhnlich. Er ist tatsächlich mal in Afghanistan gedreht worden und nicht wie die meisten Afghanistanfilme in Marokko, wo man sich dann mit türkischen Darstellern behilft. Und er ist mal nicht nur am Los der deutschen Soldaten und ihren Traumata interessiert, sondern vor allem an ihren afghanischen Helfern und Verbündeten. Außerdem standen im Stab hinter der Kamera an verantwortlicher Stelle ausschließlich Frauen. Männer gab es nur als militärische Berater.

Bei der Pressevorführung wurde geklatscht und gebuht. Die Buhs mögen damit zusammenhängen, dass der Film sich nicht in die politisch unverfängliche Klage über die Sinnlosigkeit des Kriegs flüchtet. Jedenfalls macht er die Verantwortung klar, die sich Deutschland mit der Intervention noch für lange Zeit aufgebürdet hat.

Ungewöhnlich für einen deutschen Film ist auch dessen Nähe zur militärischen Logik. Die Führung wird aus der Perspektive des Kampfes vor Ort kritisiert. Sogar eine Prise von Kathryn Bigelows „Hurt Locker“ ist in dem Film zu finden. Das Hecheln unter Todesangst, das stoßweise Atmen, das geduckte Pirschen dick mit Ausrüstung bepackter Riesenkerle zwischen gelassen spielenden Kinder. Und am Ende ein stilles Verharren im Ehrenhain der Bundeswehrgedenkstätte in Kunduz.

Zwischen Welten: 12. 2.: 9.30 Uhr und 15.30 Uhr Friedrichstadtpalast sowie 19.30 Uhr Haus der Berliner Festspiele; 16. 2.: 15.30 Uhr Berlinale-Palast.