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Berliner Zeitung | Berlinale Wettbewerb: Die Faust im Türspalt
19. February 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23602668
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Berlinale Wettbewerb: Die Faust im Türspalt

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Verliebt in einen Priester: Agata (Julia Kijowska).

Foto:

Oleg Mutu

Nach dem Mauerfall kommt es in einem polnischen Mietshaus unter Frauen verschiedenen Alters zu seltsamen Anfällen. Die Mutter einer pubertierenden Tochter beginnt einem katholischen Priester hinterherzulaufen, sich dabei von ihrem Gatten zu entfremden, um ihn dann doch nachts zur Ersatzbefriedigung heimzusuchen. Eine Schuldirektorin rückt einem Arzt, mit dem sie seit sechs Jahren ein Verhältnis hat, nach dem Tod von dessen Frau immer dichter auf die Pelle und schreckt auch nicht vor der Kontaktaufnahme mit seiner Tochter zurück – obwohl der Arzt, warum auch immer, das Verhältnis beendet hat. Eine in den Vorruhestand entlassene Englischlehrerin wiederum beginnt sich für die junge, hübsche Schwester der Schuldirektorin zu interessieren, täuscht einen Unfall vor, um in deren Wassergymnastik-Kurs aufgenommen zu werden.

Warum das alles nun 1990 passierte, darauf weiß auch Tomasz Wasilewski, der Regisseur des Films „Zjednoczone stany miłosci – United States of Love“,  keine rechte Antwort. Im Interview sagt er, dass er ohnehin der Ansicht sei, dass sich Gefühle durch die Jahrhunderte gleich blieben. Die Ansiedlung seines Episodenfilms in einer welthistorischen Umbruchszeit ist also eher ein autobiografischer Zufall. Den Look seines Films lässt  Wasilewski weitgehend von diesem Zufall bestimmen. Die Farben sind so entsättigt, als hätten sich zwischen Objektiv und Objekt Wolken von Bitterfelder Giftigkeit gesenkt. Die Frisuren sind typisch und die Pullover auch; man meint die   Plastiktürklinken zwischen den Fingern spüren und das Desinfektionsmittel riechen zu können. Aber natürlich geht es Wasilewski nicht ums Kolorit. Er zeigt Frauen, die Liebe suchen und sich dadurch ausliefern. Die Liebesobjekte werden zwecks Verstärkung des Auslieferungseindrucks besonders lieblos gezeigt. In der beeindruckendsten  Szene des Films öffnet die Schuldirektorin, zurechtgemacht à la Grace Kelly, die Wohnungstür, und durch den Türspalt entgegen kommt ihr ein Faustschlag ihres ehemaligen Geliebten.

Wer hier an Fassbinder denkt, liegt inhaltlich nicht ganz falsch, darf  aber nicht Fassbinders  unerschöpflichen Formenreichtum  und diskursive Penetranz erwarten. Diskurs gibt es bei Wasilewski nicht, sondern nur Dinge, die eben geschehen, Körper inklusive. Starr verweilt der Blick auf kopulierenden Leibern,  welkem Fleisch, hängenden Gliedern; am Ende wischt die Englischlehrerin Spermaspuren vom missbrauchten Körper ihrer Sportlehrerin. Wer hier an die total schonungslosen Filme des Österreichers Ulrich Seidl denkt, liegt nicht ganz falsch, darf aber nicht dessen  Hass auf seine Landsleute  erwarten. Wasilewski hat in „United States of Love“ alle Klischees versammelt, die einen  Kunstfilm ausmachen. Keine Einstellung, keine Handlungskurve, die man nicht irgendwo schon mal gesehen hat. Ob Handlung, ob Inszenierung: Tomasz Wasilewski hat sich nicht einen einzigen eigenen Gedanken gemacht.

Zjednoczone Stany Miłosci: 20.2., 9.30 Uhr und 21 Uhr Friedrichstadt-Palast sowie 10 Uhr, Zoo Palast 1;  21.2., 22.30 Uhr, International.


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