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Berlinale Wettbewerb: Dunkle Herzen in Familien und Computern

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Abstimmungen gehören zum Alltag in der Kommune, von der Thomas Vinterberg erzählt. Nicht immer sind sie so lustig.

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Es gibt wenig Hoffnung für die Menschen, egal, ob man das im weltpolitischen Maßstab verhandelt wie der Dokumentarfilm „Zero Days“ von Alex Gibney, oder im intimen wie Thomas Vinterberg in „Kollektivet“: Sie werden sich immer irgendwie umbringen, sie werden sich immer irgendwie fortpflanzen und damit den Frieden der Völker oder der idealen Zweisamkeit stören.
Beginnen wir im kleinen Rahmen, mit „Kollektivet“ („The Commune“).

Der Architekturdozent Erik (Ulrich Thomsen) erbt ein riesiges Haus und will es verkaufen, seine Frau Anna (Trine Dyrholm) und seine 14-jährige Tochter dagegen wollen es bewohnen – es muss ja nicht zu dritt sein: Sie schlägt vor – wir befinden uns in den Siebzigerjahren – eine große Kommune zu gründen, und da Erik nicht klar sagt, was er will, wohnt er plötzlich mit ziemlich dubiosen Gestalten zusammen. Lustig mag das sein, aber dass ihm die Gruppenzwänge offener Abstimmungen gegen den Strich gehen, sieht man ihm schnell an.

Reise ins dunkle Herz der Familie

Er tröstet sich mit einer Studentin, und weil alle so fabelhaft fortschrittlich gesonnen sind, darf das Mädchen nach kurzer Klärung der Formalitäten mit ins Haus einziehen. Anna versucht alles, begegnet der Neuen mit möglichster Aufgeschlossenheit – es geht nicht. Sie beginnt zu trinken und versagt im Beruf.

Vinterberg reist wieder dorthin, wo er sich seit seinem Debüterfolg „Das Fest“ am besten auskennt: ins dunkle Herz der Familie. Die Dichte seines epochalen Erstlings erreicht Vinterberg indes nicht. Die Neugier auf den Ausgang des packend inszenierten Beziehungskonflikts hält den Zuschauer zwar bei der Stange. Aber Vinterberg vermag nicht plausibel zu machen, warum diese Geschichte eines Ehebruchs in einer Kommune spielen muss.

Unklare Absicht in "Zero Days"

Immer intensiver verfolgt Vinterberg seine großartigen Protagonisten, immer kleiner wird die Rolle der schrägen Mitbewohner, immer loser ihre Verbindung zum Plot. Dass Erik den Reizen seiner Studentin hätte widerstehen können, hätte er mit Frau und Kind allein gelebt, ist kaum anzunehmen. Vinterberg belegt nicht einmal die Binsenweisheit, dass die alternativen Lebensformen am Ideal der Kleinfamilie nicht kratzen konnten: Die anderen Bewohner – soweit man sie wahrnimmt, während sie immer weiter in den Hintergrund treten – kommen mit dem Kommunenleben gut klar, ob sie nun als Familie leben oder solo in heiterer Promiskuitivität.

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Computer fangen sich wie Menschen  Viren ein. Sie  sind dann sehr verletzlich. Szene aus „Zero Days“ von  Alex Gibney. 

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So bleibt die erzählerische Absicht des Films eher unklar, erst recht im Gegensatz zur großartig klaren Disposition von „Zero Days“. Alex Gibney versucht hier herauszufinden, was es mit „Stuxnet“ auf sich hat, einem Computervirus, der 2010 weltweit, hauptsächlich aber auf iranischen Computern aufgetaucht war. Der damalige iranische Staatspräsident Ahmadinedschad hat nach der Zerstörung seiner Urananreicherungsanlagen sofort Israel und die USA beschuldigt; die jedoch äußern sich dazu nicht. Frustriert von dieser Mauerei, führt Gibney einen grandiosen Indizienprozess, nachdem die Beschuldigten als überführt gelten dürfen.

Erst befragt Gibney Experten für IT-Sicherheit, die etwas so Komplexes, Raffiniertes und Gefährliches wie Stuxnet nie zuvor gesehen haben – dahinter konnten keine Aktivisten mit ihren Laptops stecken.

Der Virus griff Steuerungsanlagen an; im Iran zerstörte er Zentrifugen zur Anreicherung von Uran, während er den Ingenieuren Normalbetrieb suggerierte.

Das ist die technische Seite. Die politische ist nicht weniger beeindruckend recherchiert: Während Israel einen Iran mit Atomwaffen am liebsten angreifen würde, hatten die USA genug von militärischen Abenteuern und schlugen ein anderes Vorgehen vor. Mit diesen Argumenten vermag Gibney dann auch die Offiziellen beider Staaten so weit in die Zange zu nehmen, dass sie immer interessantere Dinge erzählen.

Die Mittel des Cyberkriegs gelten als konkurrenzlos wirkungsvoll, idealerweise sind sie nicht nachweisbar, schnell und für den Angreifer sicher. Allerdings kann es Feind nicht schlechter. So hat der Iran in der Reaktion auf die Stuxnet-Angriffe die größte Cyberwar-Armee außerhalb der USA aufgestellt und schon entsprechende Angriffe auf den großen Gegner unternommen. Was flächendeckende Stromausfälle anrichten können, kann man sich nicht fatal genug vorstellen – da wird es Tote geben.

Auch hier braucht es Abkommen, nicht anders als im Fall von Atomwaffen. Die Mittel des Cyberwar stammen jedoch nicht aus dem militärisch-industriellen Komplex, sondern aus den Büros der Geheimdienste, wo öffentliche Diskussionen nicht beliebt sind. So lange offiziell jede staatliche Beteiligung an Stuxnet geleugnet wird, sind öffentliche Debatten behindert. „Zero Days“ ist eine politische Kampferklärung, ein grandioses und mitreißendes Plädoyer für Aufklärung und Demokratie.

Kollektivet

18. 2., 9.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele;  12.15 Uhr und 17.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast;

21. 2., 14.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast
Zero Days

18. 2., 9.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast;

19. 2., 12.15 Uhr, Friedrichstadt-Palast;  22.30 Uhr, International