image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Berlinale-Wettbewerb: Jugend ohne Raum

„Kreuzweg“ mit Lea van Acken als Maria und Florian Stetter als Pfarrer.

„Kreuzweg“ mit Lea van Acken als Maria und Florian Stetter als Pfarrer.

Foto:

Dietrich Brüggemann

Maria ist vierzehn. In diesem Alter ist man besonders angewiesen auf Bestätigung, doch die bekommt das blasse, stille und fleißige Mädchen nicht von seiner Mutter. Die Frage ist: Warum? Sie dürfte emphatische Zuschauer die vollen zwei Stunden beschäftigen, die der junge deutsche Regisseur Dietrich Brüggemann in „Kreuzweg“ braucht, um Marias Geschichte bis zum bitteren Ende zu erzählen. Drei Geschwister hat Maria, der kleinste Bruder spricht mit vier Jahren noch nicht. Züge von Autismus, sagen die Ärzte, aber das will Marias Mutter nicht hören – wie sie auch vieles Andere nicht hören oder sehen will. Denn sie ist eine harte, selbstgerechte, aggressive, sogar boshafte Frau, die mit dem Mantel demonstrativer Religiosität bedeckt, dass sie einfach nur eine Tyrannin ist: ebenso freudlos wie gemein.

Immerzu führt die Mutter (Franziska Weisz) den Namen des Herrn im Munde, aber das Konzept der Nächstenliebe ist dieser Frau mit dem Herzen aus Stein vollkommen fremd. Perfide verdreht sie ins Gegenteil, was Maria (Lea van Acken) sagt; sie weist die Aufrichtigkeit des Mädchens von sich und belädt es stattdessen mehr und mehr mit Schuld. Am furchtbarsten ist es, mit ansehen zu müssen, wie es Marias Mutter stets sichtlich besser geht, ja wie sie geradezu aufblüht, nachdem sie das Mädchen wieder einmal – anders kann man es nicht formulieren – psychisch misshandelt hat. Und niemand greift ein, nicht der schwache Vater, nicht die Lehrer.

Die Soldaten Jesu Christi

Dietrich Brüggemann ist der Regisseur von durchaus lichten Kinoerfolgen wie „Renn, wenn du kannst“ und „Drei Zimmer/Küche/ Bad“. In seinem neuen Film scheint er mit den fundamentalistischen Christen abzurechnen am Beispiel dieser Familie, die im deutschen Westen der Gegenwart einer Gemeinde der Priesterbruderschaft Pius’ XII. angehört. Diesen Katholiken ist noch die Politik des Vatikans zu freizügig. Modernere Musik, selbst Jazz, halten sie für satanischen Ursprungs. Im Religionsunterricht lernen Maria und die anderen vor der Firmung stehenden 14-Jährigen, dass sie als „Soldaten Jesu Christi in die Schlacht zwischen Gut und Böse ziehen sollen“ und zwar „mit einem Lächeln“.

Und dass sie dabei wissen müssen, „wer der Gegner ist: Satan“. Entsagung und Verzicht seien zu üben. Maria wird bald fatal verinnerlichen, dass die Heilige Kommunion die beste, ja einzig richtige Nahrung ist für einen Gläubigen. Und ein Gläubiger ist der Mutter zufolge nur, wer den richtigen, also ihren eigenen Glauben hat! Weniger radikalistische Christen scheiden da von vornherein aus.

Ein philosophisch komplexer Film

Das also ist die offen liegende Lebenswelt dieses Films, der sich indes nicht allein am christlichen Fundamentalismus abarbeitet. „Kreuzweg“ ist ein ästhetisch wie philosophisch komplexer Film, mit vielen Deutungsebenen. Er zeigt unter anderem – fast nebenbei –, wie ein Kind bewusst zum Außenseiter gemacht wird durch Eltern, die sich nicht darum scheren, wie ihr Kind damit zurecht kommt in der umgebenden Gesellschaft, und was es deswegen auszuhalten hat.

Und es ist dies auch ein metaphorischer Film über die dunkelsten Seiten der sogenannten deutschen Seele, denn am Muster dieser Familie und Gemeinde erforscht er eine kollektive Härte, die sich mit süßlicher Sentimentalität paart, um sich selbst intakter Gefühle zu versichern. Und es geht hier auch um die folgenreiche Hybris eines Erwähltheitswahns, der inhumanes Handeln mit dem „wahren Glauben“ zu legitimieren sucht. Auch die Nazis hielten sich ja als „Herrenrasse“ für auserwählt.

„Kreuzweg“ ist eine scharfe, aber nicht apodiktische Studie nationaler Psychopathologie im Kleinen. Doch keineswegs wird der Glaube an sich verdammt; es gibt in diesem Film durchaus verstehende, fragende, mitfühlende Christen. Aber sie können Maria nicht retten, sondern nur begleiten. Die Stationen des Kreuzwegs Jesus Christi setzt Brüggemann als Kapitelüberschriften über die Leidensetappen dieses Mädchens. Sie ist ein junger Mensch, dem nicht der geringste Raum gelassen wird von den Autoritäten, dem keinerlei Bewegung nach außen gestattet wird. Wenn man aber keinen Raum beanspruchen darf, um zu wachsen und sich zu entfalten, bleibt nur das Erlöschen und Verschwinden. Ihre Suizidfantasie verwirklicht Maria erfolgreich als „Opfergabe“, der Priester hilft ihr sogar auf eine pervertierte Weise. Am Ende ist in „Kreuzweg“ der Himmel hoch und fahl.

Kreuzweg:

10. 2.: 9.30 sowie 18 Uhr, Friedrichstadt-Palast, 22.30 Uhr, International; 13. 2.: 21.30 Uhr, Thalia Kino; 16. 2.: 9.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele.