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Berliner Zeitung | Bill Murray im Interview: „Ich bin wie ein Barsch im Fluss“
09. January 2015
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Bill Murray im Interview: „Ich bin wie ein Barsch im Fluss“

Bill Murray ist es wichtig, sich so entspannt wie möglich an die Arbeit zu machen.

Bill Murray ist es wichtig, sich so entspannt wie möglich an die Arbeit zu machen.

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Reuters

Berlin -

Bill Murray, selbst Vater von sechs Söhnen, spielt in seinem neuesten Film „St. Vincent" einen sarkastischen Kriegsveteranen, dem die besondere Beziehung zu einem Nachbarsjungen auf die Sprünge hilft.

Mr. Murray, Sie reißen sich bekanntlich nicht um Filmrollen, haben keinen Manager und sind für Produzenten kaum zu erreichen. Warum ist das so?

Ich sehe keinen Grund, allzeit erreichbar zu sein. Und auf diese Weise bekommt man fast den Eindruck, dass es nur den besten Drehbüchern gelingt, den schwierigen Weg zu mir zu finden.

Wie war das, als Sie noch einen Manager hatten?

In der Zeit habe ich unglaublich viele Angebote abgelehnt. Man macht sich gar kein Bild davon, wie viel Müll einem da ins Haus flattert. Heutzutage erreicht mich vieles gar nicht erst, weil auch meine Freunde meine Nummer nicht rausrücken, selbst wenn manche von ihnen bis zu 30 Anrufe pro Woche bekommen, weil irgendwelche Leute versuchen, an mich heranzukommen.

Haben Sie keine Angst, ein wichtiges Angebot zu verpassen?

Nein, ich bin wie ein Barsch im Fluss und warte einfach gemütlich drauf, bis etwas Appetitliches an mir vorbeizieht.

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Was war denn an Ihrem neuen Film „St. Vincent“ so appetitlich?

Viele Elemente des Films sind ja im Grunde ganz klassisch: der knurrige alte Nachbar, die Konstellation mit dem älteren Mann, dem jungen Kind und der russischen Stripperin. Aber in dieser Geschichte waren die Dialoge ziemlich gut und realistisch. Die Konflikte, die der Film zeigt, sieht man so nicht oft. Ich hatte den Eindruck, dass da eine emotionale Geschichte entstehen könnte, die aber nicht sentimental und damit billig, schmalzig und hässlich wird.

Hatten Sie davor Angst?

Die Gefahr liegt nahe bei so einem Stoff, deshalb habe ich gleich im ersten Gespräch den Regisseur Theodore Melfi auf ein paar Stellen im Drehbuch hingewiesen, bei denen ich fand, dass es ein wenig in Kitsch und Schmalz abdriftet. Da habe ich darauf gepocht, dass er noch mal daran arbeitet. Und zum Glück hatten wir beim Drehen die Freiheit zu improvisieren. Damit kommt man Sentimentalität ja auch oft ganz gut bei.

Hatten Sie denn auf Anhieb ein Gespür für Ihre Figur, diesen Griesgram Vincent? Oder wie haben Sie sich die Rolle angeeignet?

Das ist immer so eine Frage, mit der ich nie etwas anfangen kann. Sich eine Rolle aneignen? Eine Figur von Grund auf aufbauen? Das klingt mir viel zu anstrengend. Ich will vor allem Spaß haben, wenn ich drehe. Meine einzige Vorbereitung bei „St. Vincent“ war, dass ich mir einen speziellen Brooklyn-Dialekt draufgeschafft habe. So etwas hätte ich früher nie gemacht, da klang ich immer wie ich selbst. Durch meinen Sprachcoach für die Rolle von Franklin D. Roosevelt in „Hyde Park am Hudson“ bin ich auf den Geschmack gekommen. Davon abgesehen übertreibe ich es aber nicht. Wichtig ist nur, so entspannt wie möglich an die Arbeit am Set heranzugehen und dann darauf zu reagieren, was um mich herum passiert.

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Und wie ist das, wenn ein Kind mitspielt, das noch nie eine Hauptrolle hatte?

Dann kann es passieren, dass man deutlich angespannter ist. In diesem Fall konnte davon allerdings keine Rede sein, denn dieser kleine Jaeden Lieberher war mehr Profi als viele Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich im Laufe meiner Karriere zusammengearbeitet habe. So gut vorbereitet wie er sind nicht viele. Und vor allem ist er ein unglaublich guter Zuhörer, was in unserem Job enorm wichtig ist.

Sie sind Vater von sechs Söhnen.Arbeiten Sie gerne mit Kindern?

Nein, ich kann es eigentlich nicht leiden. Aber dieser Junge hat wundervolle Eltern, die dafür gesorgt haben, dass er vollkommen normal geblieben ist, höflich und bescheiden. Das ist wirklich ein kleines Wunder in unserer Branche.

Schlagen wir von den Kinderstars mal den Bogen zurück zu Ihrem eigenen Erfolg. Sie werden heutzutage mehr verehrt denn je. Beim Filmfestival in Toronto wurde im vergangenen Herbst sogar eigens der Bill-Murray-Tag ausgerufen. Wie empfinden Sie so etwas?

Da bekam ich kurz das Gefühl, es würde mit mir zu Ende gehen. Warum sonst würde man mir einen ganzen Tag widmen?

Was meinen Sie?

Ich hatte das Gefühl, das die Festivalmacher sich das nur ausgedacht hatten, um sicherzugehen, dass ich auch wirklich in Toronto auftauche. Dabei wäre das für mich kein Grund, zu einem Festival zu reisen. Schließlich ist bei mir zu Hause jeden Tag Bill-Murray-Day.

Geht Ihnen die Begeisterung der Fans manchmal auf die Nerven?

Eigentlich nicht. Das ist doch ein schönes Gefühl, auf der Straße zu hören, dass sich jemand eine meiner alten Komödien ansieht, wenn er mies drauf ist, und danach geht’s ihm besser.

Das Interview führt Patrick Heidmann.