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Christoph Waltz in „The Zero Theorem“: Die Zukunft kennt kein Ich

Im feschen Cyber-Anzug chattet Qohen Leth (Christoph Waltz) mit seiner virtuellen Therapeutin (Tilda Swinton).

Im feschen Cyber-Anzug chattet Qohen Leth (Christoph Waltz) mit seiner virtuellen Therapeutin (Tilda Swinton).

Foto:

Concorde

Wer sich die Science-Fiction-Filme der vergangenen fünf Jahre aufmerksam angeschehen hat, ahnt durchaus, wie unsere Welt in 20 oder vielleicht auch 50 Jahren beschaffen sein dürfte. Es gibt kaum ein präziseres und beliebteres ästhetisches Vorhersage-Instrument als dieses Filmgenre. Alles, was Menschen sich auszudenken wagen, wird in der Science Fiction umgesetzt – mehr oder weniger ohne Rücksicht auf moralische oder ethische Bedenken. Was durchaus auch tröstliche Seiten offenbart. In Terry Gilliams neuer Regiearbeit etwa sind die Straßen und Häuser mit elektronischen Werbebotschaften vollgetackert, von denen eine lautet: „Schlechte Nachrichten? Wir schneiden sie raus!“ Ist das nicht toll? Und warum gibt es das noch nicht?

Andere Fragen stellt unsere Gegenwart bereits, etwa diese: „Warum sind Sie noch nicht reich?“ Doch in „The Zero Theorem“ ist so etwas optisch aggressiver verpackt. Schließlich wird hier eine Zukunftswelt beschrieben, die dem Einzelnen keinerlei Rückzug mehr gestattet, auch wenn der noch eine Wohnung haben sollte.

Im Mittelpunkt der Handlung steht das Computergenie Qohen Leth, den der zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz als Synthese aus verrücktem Wissenschaftler und tragikomischer Unschuld spielt. In der ersten Szene des Films sehen wir ihn nackt und glatzköpfig in einer ehemaligen Kirche, die ihm als Zuhause dient, vor sehr vielen Monitoren sitzen – mehr Kreatur als Mensch inmitten einer verblüffenden Ansammlung aus religiösen und technologischen Anspielungen. Eine weitere Referenz ist schon der merkwürdige Name des Protagonisten: Qohen Leth – das kann man leicht im Internet nachschlagen – bezieht sich auf das biblische Buch Qoheleth (auch Qohelethin oder Koheleth), welches – wie das Buch der Sprüche – dem König Salomo zugeschrieben wird.

Solcherart mit Bedeutung geschlagen, die niemand versteht – dauernd spricht man seinen Namen falsch aus –, befasst sich Qohen Leth natürlich nicht mit irgendwelchen Dingen. Oh nein, es geht ihm ganz total um den Sinn der menschlichen Existenz! Deswegen möchte der Super-Festangestellte auch unbedingt eine Krankschreibung, denn daheim erwartet er dringend einen Anruf, der ihm diesen Sinn der Existenz so umfassend wie abschließend erklärt. Aber Qohen Leth wird nicht freigestellt; offenbar ist man nicht daran interessiert, dass solche Probleme überdacht und vielleicht gelöst werden. Im Gegenteil: An seinem Arbeitsplatz sehen wir Qohen Leth mühselig den Bürostuhl per Beinkraft nach oben treten, so wie es die anderen Angestellten auch tun unter Aufsicht des penetrant heiteren Abteilungsleiters Joby (David Thewlis).

Nun weiß jeder, dass nicht nur die Arbeitswelt von morgen den Einzelnen zur Konformität verdammt. Aber was fängt eine technokratische Diktatur mit einem Menschen an, der nicht mehr reibungslos funktioniert, weil er in unerwünschten Bahnen denkt? Im Fall von Qohen Leth gibt es eine neue, supergeheime und extraschwierige Aufgabe, die als Ehre verstanden werden kann, aber tatsächlich ein Fluch ist. Immerhin darf sie zu Hause erledigt werden. Der Mann soll das filmtitelgebende Zero Theorem knacken: jene Gleichung, die die Welt enträtselt. Wenn Qohen Leth das gelingt, soll ihm der Sinn des Lebens erklärt werden. Doch es ist selbstredend unmöglich, das Zero Theorem zu knacken, was Leth immer wieder in die Verzweiflung treibt – woraufhin sich in Gestalt von Tilda Swinton die virtuelle Therapeutin Dr. Shrink-Rom einschaltet.

Hochinteressant und irgendwie gruselig ist, dass der Konzernhaber hier keinen Namen und kein Geschlecht mehr hat, sondern nur „Management“ genannt wird: Matt Damon verkörpert ihn als undefinierbare Herrscherfigur, die dem Grübler Leth bald diese und jene Störung ins ungemütliche Heim schickt: etwa ein Internet-Callgirl (Mélanie Thierry), das Qohen Leths Sehnsucht nach Nähe und Privatheit weckt.

Nach diesen Ausführungen mag der Eindruck entstanden sein, dass Terry Gilliams Film ein Übermaß an philosophischer oder metaphysischer Fracht transportiert. Natürlich darf sich jeder eingeladen fühlen, exzessiv zu herumzudeuteln, aber „The Zero Theorem“ ist zunächst einmal ein knallbuntes, irres, supermanisches Fest abgedrehter Bilder, verschwurbelter Sprache, toller Dekors, skurriler Requisiten und Kostüme; besonders ansprechend: ein Cyber-Sexanzug mit Wichtelmütze. In einer Mail ans Produktionsdesignteam verwies Terry Gilliam ebenso auf den Maler Neo Rauch wie auf den kuriosen Vaudeville-Star und Sänger Ukulele Ike. Gilliams Vorstellungskraft ist anarchisch, und er diszipliniert sie auch nicht, um den Zuschauer zu schonen – die assoziative Überfliegerei und der Total-Überschuss an Inszenierung sind absolut nichts für Reizempfindliche. Manche Dinge sind offenbar nur so im Film präsent, weil sie toll aussehen oder Spaß machen.

Auch ein Grund! Der US-Amerikaner Terry Gilliam, einst Animator der Briten um Monty Python’s Flying Circus, dreht seit 1968 Filme. Im Science-Fiction-Genre hat er Meilensteine geschaffen mit „Brazil“ (1985) und „12 Monkeys“ (1995); nach diesen Filmen schließt „The Zero Theorem“ nun seine „Orwell-Trilogie“ ab. Ungeachtet der Bezüge auf die ersten beide Teile, etwa den paranoiden Überwachungsstaat oder das Therapie-Setting, entwirft „The Zero Theorem“ eine fast fröhliche Dystopie, angesichts derer man glatt übersehen könnte, dass im zugleich archaischen und futuristischen Setting verhandelt wird, was geschieht, wenn sich die Grenzen zwischen Arbeit und Freiheit total aufgelöst haben. Dann nämlich verliert der Mensch seine Menschlichkeit und sein Ich-Bewusstsein. Und so spricht Qohen Leth auch nur in der dritten Person von sich selbst, wie von einem Objekt. Erst zum Ende hin gelingt es ihm, sich selbst wieder als humanes Wesen zu sehen, in der Einzahl von sich zu sprechen und „Ich“ zu sagen.