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Christopher Nolan: Warum „Interstellar“ seine Zuschauer erschlägt

Die Astronautin Brand (Anne Hathaway) und der Wissenschaftler Cooper (Matthew McConaughey) begeben sich auf eine Entdeckungsreise in die Galaxis.

Die Astronautin Brand (Anne Hathaway) und der Wissenschaftler Cooper (Matthew McConaughey) begeben sich auf eine Entdeckungsreise in die Galaxis.

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dpa

Was treibt ihn wirklich, den wackeren Weltenretter? Die Sorge um die Spezies Mensch? Oder die Sorge um Frau und Kinder daheim? Die hehre Mission oder die Liebe? Hollywood beantwortet diese Frage mal mit einsamen Helden, mal mit Familienvätern. Und im Falle des neuen Films von Christopher Nolan mit einer hybriden Figur: Im Mittelpunkt von „Interstellar“ steht ein Witwer mit zwei Kindern, der in erster Linie aus der angeborenen Abenteuerlust des Piloten in den Weltraum reist, um der Menschheit neue Lebensräume zu erobern. Dort aber richtet dieser Cooper alle Maßnahmen danach aus, möglichst bald wieder nach Hause zu kommen.

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Der Erde geht das Leben aus. Trockenheit führt zum Aussterben von Getreidesorten und rührt Sandstürme auf. Die Gesellschaft verwaltet nur noch den Mangel; wenn jemand höhere Ziele hat, wird er auf das Notwendige verwiesen. Cooper war Ingenieur und Pilot bei der NASA; nun muss er als Farmer arbeiten, und seinen Sohn will man gar nicht erst studieren lassen. Da stößt er eines Tages auf einen seltsamen Code aus Sandspuren im Zimmer seiner hochbegabten Tochter Murph. Er interpretiert die Striche als Koordinaten und gelangt mit seiner Tochter in ein Sperrgebiet, in dem die NASA im Geheimen eine Reise zu fremden Galaxien plant.

Weil das aufgrund der Entfernungen eigentlich nicht geht, hat sich der Regisseur Nolan von dem Astrophysiker Kip Thorne beraten lassen – und ein Wurmloch in die Nähe des Saturns gezaubert, durch das man in Windeseile an einen Lichtjahrhunderte entfernten Ort gelangen kann. Das Problem ist nur: Eine Stunde, die man dort verbringt, entspricht – Einstein sei Dank – sieben Jahren auf der Erde. Cooper muss sich also beeilen, wenn er seine Tochter noch lebend wiedersehen will.

Satte, bodenständige Optik

Nun wäre „Interstellar“ kein typischer Christopher-Nolan-Film, wenn nicht die Fragen, die wir anfangs stellten und die dieser Hollywood-Film auch als großes Gefühlskino einführt, allmählich von seinem Interesse an Paradoxien und erzählerischen Hinterhalten verdrängt werden würde. Wie schon bei „Inception“ hat man auch bei „Interstellar“ den Eindruck, dass die Trickserei und der Mindfuck zum eigentlichen Inhalt avancieren, der mit den emotionalen Schwungrädern zwar fest, aber eher an der Oberfläche verkoppelt ist. Das verzeiht man einem verspielten Film wie „Inception“ jedoch eher als einem, der wie „Interstellar“ in der IMAX-Fassung mit einem sich erweiternden Bildwinkel auftrumpft und dazu noch die ganz großen Themen aufgreift.

Das tut er zu Beginn durchaus ernsthaft. Ganz schlicht wird hier eine erschöpfte Welt gezeigt, deren Zivilisation einen Schritt zurück machen muss und in der der Staat in für Angelsachsen ganz undenkbarer Weise die persönliche Entfaltung beschränkt. Als Cooper in die Pläne von Professor Brand bei der NASA eingeweiht wird, erfährt er, dass Plan A die Umsiedlung weniger Menschen auf fernen Planeten vorsieht, Plan B jedoch nur das Auftauen tiefgekühlter Embryos im All – da klingt unverdrängbar eine der übelsten Zukunftsfragen an: Wie kann man die Zahl der Menschen auf diesem Planeten auf ein ökologisch verträgliches Maß herunterbringen?

Das aber erzählt Nolan ohne jenes große filmische Aufheben, das er dann um die Raumfahrerei macht. Die hat ja im Kino wieder eine gewisse Konjunktur: Man erinnere sich an „Moon“ von Duncan Jones oder Alfonso Cuaróns „Gravity“. „Interstellar“, obwohl nach diesen Filmen gedreht, war bereits seit 2006 in der Entwicklung, zunächst als Buch für Steven Spielberg. Wie „Gravity“ will die Raumfahrt in „Interstellar“ realistisch wirken, daher gibt es keine Geräusche im All.

Aber statt der Geschichte die realen Bedingungen des Weltraums zugrunde zu legen wie Cuarón, soll Nolans Realismus auch der zweifelhaften Spekulation noch eine gewisse Glaubwürdigkeit erringen. Dabei sind die Bilder etwa von der Einfahrt ins Wurmloch oder einem Eisplaneten vor allem ästhetisch betörend und daher überzeugend. Dass Nolan wie immer auf Zelluloid dreht, verschafft auch den unwahrscheinlichsten Phänomenen eine satte, bodenständige Optik.

Erschlagende Wucht

Nun ist Cooper zur Planetenbesichtigung unterwegs und muss jämmerliche Dialoge mit seinem Stab führen, um den astrophysikalisch unbeleckten Zuschauer mitzunehmen. Seine nunmehr erwachsene Tochter enthüllt derweil auf Erden die Lügen von Professor Brand und verflucht ihrem Vater, weil der sie allein gelassen hat. Der Klarheit der Geschichte dienen diese Erzählstränge nicht.

„Interstellar“ erschlägt seine Zuschauer – nicht nur visuell und akustisch mit Hans Zimmers unverhofft origineller Musik. Die knapp drei Stunden sind vollgestopft mit einer Überfülle an Gedanken, Handlungssträngen und prägnanten Figuren, gespielt von teils Oscar-prämierten Hollywood-Alpha-Tieren wie Matthew McConaughey, Michael Caine, Anne Hathaway, Matt Damon sowie Jessica Chastain. Je weiter man kommt, desto mehr hat man den Eindruck, dem Autor und Regisseur Christopher Nolan bei der permanenten Selbstübertrumpfung zuzusehen. Er will zwar in filmisches Neuland abheben, pflegt dabei aber kein sonderlich distanziertes Verhältnis zu den Klischees des Science- Fiction-Films.