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Coen-Film „Inside Llewyn Davis“: Böse Menschen haben keine Lieder

Das Leiden steht Llewyn (Oscar Isaac) ins Gesicht geschrieben, und die Katze sieht auch nicht sehr glücklich aus.

Das Leiden steht Llewyn (Oscar Isaac) ins Gesicht geschrieben, und die Katze sieht auch nicht sehr glücklich aus.

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dpa

Irgendwann im vergangenen Winter hat Joel Coen seinen neuen Film einem US-Journalisten gegenüber mit dem Filmmusical „Les Misérables“ verglichen. Das kann kaum am Müsli gelegen haben, welches er dem Bericht zufolge dabei aß; in ungegorenem Zustand machen Getreide und Hülsenfrüchte ja nicht betrunken. Und doch klang die Bemerkung befremdlich. Was wollte Coen, der stets gemeinsam mit seinem Bruder Ethan arbeitet, solcherart kundtun? Dass in „Inside Llewyn Davis“ nun Hollywood-Stars in komischen Kostümen fragwürdige Musikstücke interpretieren?

So schlimm ist es dann doch nicht, auch wenn hier enorm viel gesungen wird und die Kleider der längst vergangenen Epoche entsprechen, in der dieser Film angesiedelt ist. Und man kommt sogar hinter den Sinn des Vergleichs, wenn man „Inside Llewyn Davis“ gesichtet hat: Tatsächlich steht hier ein armer Elender im Mittelpunkt, der den Zuschauer indes mehr erheitern als dauern dürfte. Aber das verdankt sich nun wieder der unvergleichlichen Fähigkeit der Brüder Coen, Tragödien mit genau jenem Quantum heiterer Absurdität auszustatten, die sie zu Tragikomödien machen.

Er ist gut, findet der heutige Beobachter

Im New York des Jahres 1961 tritt hier Llewyn Davis als Folksänger auf – er hat in seiner Profession jedoch unerklärlich wenig Erfolg. Denn er ist gut, findet zumindest der heutige Beobachter, wenn er auf die Vergangenheit zurückblickt. Doch Llewyns Zeitgenossen sind da offenbar anderer Ansicht. Als Llewyn etwa eines Abends nach einem Auftritt das Gaslight Café im Greenwich Village verlässt, bekommt er unerwartet eins auf die Nase, Nüsse, die Zwölf – was auch immer, und keiner weiß warum. Außer dem Schläger, der hiermit die Kränkung seiner lieben Frau durch Llewyn rächt. Denn der junge Singer-Songwriter hatte den Auftritt dieser ebenfalls singenden sowie leicht staubig wirkenden Blume aus der mittelwestlichen Prärie so lange unflätig gestört, bis die Ärmste in Tränen ausbrach.

Dieses schmerzhafte Ende eines Abends eröffnet nun im Film sehr dramatisch einen weiten, grandios spannenden und durch allerlei Originale – amerikanische Archetypen zumal – belebten Handlungsbogen, der dem Zuschauer zugleich einen Eindruck von der Musik jener Zeit gibt. Ganz wunderbar sind auch all die Gesangsnummern mit Gastauftritten, etwa von Justin Timberlake als tollem Sauberschnösel. Zur Premiere von „Inside Llewyn Davis“ beim Festival von Cannes im letzten Mai gab es hier immer wieder Szenenapplaus – ganz wie in einem Konzert. Populär sind im Aufbruchsjahr 1961 vor allem gefällig klingende und adrett wirkende Ensembles, solche wie Peter, Paul und Mary beispielsweise, nur dass diese Gruppe bei den Coens anders heißt. Llewyn Davis bringt jedoch Songs zum Vortrag, die von Aufmüpfigkeit und der Gebrochenheit seiner Existenz zeugen – er ist ein Außenseiter, den niemand aufnehmen mag. Ja, Llewyn hat es wirklich schwer.

Selbst schuld

Und er trägt zum nicht geringen Teil selbst die Schuld daran! Etwa am heiligen Zorn von Jean (Cary Mulligan). Die hat Llewyn, wie schon andere Frauen zuvor, geschwängert, kann aber die Abtreibung nicht bezahlen. Nun beschimpft Jean den paarungsaktiven Mann als „idiotischen Bruder von König Midas“. Weil Llewyn notorisch klamm ist, nächtigt er auf den Sofas und Fußböden gutwilliger Freunde. Und manchmal hütet er ein gepflegtes Apartment wie das vom musischen Ehepaar Gorfein, wo die Brüder Coen sogleich den Anlass einer langen Lebensabschnittsreise ihres Helden installieren – eine rote Katze. Geschmeidig schlüpft das schöne Tier aus der Wohnungstür, die der zerstreute Gastbewohner offen ließ. Auf seiner Verfolgungsjagd respektive Wiederbeschaffungstour wird einem dann Llewyns Leben in aller wirren Miserabilität vorgeführt.

Und was könnte herrlicher sein, als einem unverstandenen Loser, der tief gekränkt wird in seinem Rebellenstolz, aus der Behaglichkeit eines warmen Kinosessels heraus zuzusehen! Sich an den vielen fein gearbeiteten Skurrilitäten zu erfreuen, die Joel und Ethan Coen auch in diesem Film wieder untergebracht haben. Der famose Hauptdarsteller Oscar Isaac spielt fast den ganzen Film über mit der Katze auf dem Arm, was an sich schon eine Leistung ist. Aber dazu singt er noch fabelhaft, und seine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem jungen Bob Dylan ist wohl kein Zufall – obwohl Llewyn eher Dave Von Ronk und ein wenig Phli Ochs nachempfunden sein soll.

Die Musik zu „Inside Llewyn Davis“ wurde von T Bone Burnett ausgewählt. Dylan tritt im Film nicht persönlich auf, dafür aber der Schauspieler John Goodman in einer seiner prägnantesten Rollen. Als massiger Voodoo-Priester aus New Orleans nimmt er Llewyn in seiner Limousine mit auf eine Reise in die Nacht, an deren Ende sich der junge Songwriter von einer Zeit überholt sehen muss, die nie die seine war. Ist dies das Porträt eines kleinen Pechvogels? Nein. Die Schicksalhaftigkeit der menschlichen Existenz lag den Coens immer am Herzen, und in der 16. Regiearbeit der Brüder wird munter ihr Lied gesungen.

Inside Llewyn Davis USA 2013. Drehbuch & Regie: Joel Coen, Ethan Coen, Kamera: Bruno Delbonnel, Darsteller: Oscar Isaac, Carey Mulligan, John Goodman, Justin Timberlake, F. Murray Abraham u.a.; 105 Minuten, Farbe. FSK ab 6.