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DDR-sozialisierte Biografien: In den Zentrifugen der Zeitgeschichte

Die Regisseurin Tamara Trampe als Kleinkind mit ihrer Mutter im Jahr 1943.

Die Regisseurin Tamara Trampe als Kleinkind mit ihrer Mutter im Jahr 1943.

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berlinale

Am 4. Dezember 1942 gebar eine junge sowjetische Sanitäterin im Schützengraben an der ukrainischen Front ihre Tochter. Wie durch ein Wunder überlebten Mutter und Kind. Genau 70 Jahre später kehrt das Kind von damals an den Ort seiner Geburt zurück: Es ist die Dokumentarfilmerin Tamara Trampe, die mit „Meine Mutter, ein Krieg und ich“ nun ihren bislang besten und persönlichsten Film gedreht hat. Es entbehrt nicht einer gewissen metaphysischen Ebene, dass die Regisseurin ihre Reise genau zu ihrem Geburtstag stattfinden lässt. Doch ihr Film ist frei von schicksalsträchtigem Geraune, als dokumentarisches Roadmovie hält er sich ans Faktische; die Lebendigkeit speist sich aus der Überschneidung von Landschaften, Ereignissen und Lebenslinien. Trampe greift die verborgenen Spuren ihrer Biografie auf, schließt sie mit denen anderer Menschen kurz. Die Geschichte geht weiter.

Dabei machen Trampe und ihr Co-Regisseur und Kameramann Johann Feindt auch immer den Prozess des Filmens sichtbar. Die Unsicherheit darüber, was eigentlich bei dieser Expedition geschehen könnte, wird bisweilen direkt in die Kamera kommentiert. Tamara Trampe sucht ihren Onkel Wanja auf, den letzten noch lebenden Bruder der Mutter. Der greise Mann taucht aus dem Dämmer seiner Einsamkeit auf, rasiert sich und weiß vor Aufregung nicht mehr, wo der Tee zu finden ist. Eine mögliche Kameradin der Mutter legt noch einmal all ihre Orden und Ehrenzeichen an, verneint die Frage nach der Liebe im Krieg und winkt dem sich entfernenden Kamerateam noch lange hinterher. Man spürt: Es geht diesen Leuten nicht gut. Und es ist klar, dass es sich um letzte Begegnungen handelt.

„Meine Mutter, ein Krieg und ich“ ist Reisetagebuch und Erinnerungsarbeit in einem. Mutmaßungen liegen nicht im Interesse der beiden Filmemacher. Die Suche nach der Identität des biologischen Vaters spielt zwar eine Rolle, wird aber nicht investigativ betrieben. Fest steht, dass es sich um den militärischen Vorgesetzten der Mutter handelte, dass dieser verheiratet war und bereits mehrere Kinder hatte. Wie die spätere Regisseurin überhaupt zur Deutschen wurde, wird auch noch erklärt, dies jedoch auch eher beiläufig – als Folge der gewaltigen Zentrifugalkräfte, denen die Menschen im 20. Jahrhundert ausgesetzt waren.

Von einem ganz anderen Ansatz geht Annekatrin Hendel in ihrem Filmbiografie über den notorischen Schwindler Sascha Anderson aus. Als der Mann mit den vielen Decknamen 1992 enttarnt wurde, geriet damit mehr als ein individueller Mythos ins Zwielicht. Wolf Biermann verpasste ihm umgehend ein weiteres, diesmal anales Pseudonym und diskreditierte gleich die gesamte DDR-Alternativkultur als ein Gehege „im Schrebergarten der Stasi“.

Seither sind mehr als 20 Jahre vergangen, es wurde viel geforscht und veröffentlicht über diesen und andere Fälle des Verrats. Merkwürdigerweise lässt der Film mit dem bündigen Titel „Anderson“ all dies außer Betracht. Die Regisseurin wendet sich dem Thema als Phänomen zu, als sei dies soeben aus dem Nichts aufgetaucht. Sie heftet sich auf die Fersen ihres Anti-Helden und stellt in meist etwas hemdsärmeliger Manier Fragen aus dem Off. Neu ist, dass Anderson inzwischen seine Spitzeltätigkeit einräumt (alles andere wäre ja auch absurd). Geblieben sind seine Ausflüchte und der Hang zur Legendenbildung in eigener Sache.

Zu Wort kommen auch einige seiner einstigen Freunde und Wegbegleiter wie der Anarcho-Dichter Bert Papenfuß oder die Galeristen Ingrid und Dietrich Bahß. Der wackere Ekke Maaß hat seine Wohnküche zur Verfügung gestellt, die demontiert und im Studio neu aufgebaut wurde, um Anderson in ein semi-reelles Setting zu versetzen. Roland Jahn und Holger Kulick geben die klügsten Sätze von sich, Lars Barthel und Thomas Plenert die lustigsten. Die beiden Kameramänner hatten Anderson als Kleindarsteller an der Filmhochschule kennen gelernt. Plenert hat ihn schon damals instinktiv als Spitzel erkannt.

Die Interviews mit den Zeitgenossen machen den Film lebendig. Es ist dennoch unverständlich, warum an keiner Stelle klare Ansagen zu den faktischen Hintergründen gemacht werden – die ja inzwischen alle bekannt sind. Auf Dauer wird das ungebrochene Lavieren Andersons vor der Kamera einfach langweilig. Irgendwann wünscht man sich, nie wieder etwas von ihm hören oder sehen zu müssen.

Meine Mutter, ein Krieg und ich:

9. 2.: 20 Uhr, CineStar 7; 10. 2.: 22.30 Uhr, CineStar 7; 11. 2.: 22 Uhr, Zoo Palast 2; 14. 2.: 15.30 Uhr, Colosseum 1

Anderson:

11. 2.: 17 Uhr, International; 12. 2.: 14.30 Uhr, CineStar 7; 13. 2.: 20 Uhr CineStar 7.