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Der 482-Minuten-Film: „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“

Eine Szene aus "A Lullaby to the Sorrowful Mystery"

Eine Szene aus „A Lullaby to the Sorrowful Mystery"

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AFP

Die philippinische Revolution gegen die spanischen Kolonialherren 1896 bis 1898 – das ist die  Zeit, in der „Hele Sa Hiwagang Hapis –  A Lullaby to the Sorrowful Mystery “ spielt. Es ist eine Zeit der Kämpfe, des Verrats, des Idealismus und der Heroen.  Und was macht  der Regisseur Lav Diaz daraus? José Rizal, einer der Helden  dieser Zeit, wird zu Beginn standrechtlich erschossen. Später rezitiert ein blindes Mädchen das Gedicht, das er am Vorabend seines Todes geschrieben hat, jemand nennt ihn einen Hurensohn. Das ist ein Tabubruch! Sonst erfährt man  nichts über ihn.

Andres Bonifacio, der den bewaffneten Kampf gegen die Spanier führte, bekommt man gar nicht erst zu Gesicht. Man sieht ihn bloß als nächtlichen Schatten, da ist er schon in Gefangenschaft, später wird er im Klo eingesperrt, dann zerhackt. Das sind die beiden Nationalhelden im neusten Werk des wichtigsten zeitgenössischen Regisseurs der Philippinen, ein komplexes Gewebe aus historischen Ereignissen, der philippinischen Mythologie und Figuren Simon, Basilio und Isagani aus  „El Filibusterismo“, dem düsteren Roman von José Rizal, in dem der Aufstand gegen die Spanier  vorempfunden wird, Schullektüre.

In die Irre geführt

Nichts ist, wie man es erwarten könnte in diesem Film, und das wird schon klar, bevor er überhaupt begonnen hat. Draußen vor dem Berlinale-Palast steht morgens in der Frühe Dieter Kosslick  auf dem roten Teppich und wartet auf die Film-Crew. Die Pressevorführung ist gleichzeitig die Film-Gala, denn ein zweites Mal könnte man den Film an diesem Tag gar nicht zeigen. Das liegt an seiner Länge von 482 Minuten, acht Stunden.  Es ist dies deshalb wohl der einzige Film der Berlinale, über den jemand schreibt, der ihn nur zur Hälfte gesehen hat. Während die Autorin im Büro sitzt, läuft der Film, und wenn sie fertig ist, könnte sie zurückfahren zum Potsdamer Platz, und er wäre immer noch da. Was für eine Vorstellung.

Reguläre Filmstarts haben Diaz’  Filme  selten.  Mehr als zwei Stunden sind einfach nicht marktgerecht. Seine Filme aber sind so lang wie ein ganzer Arbeitstag oder  länger. Welches Publikum  ist bereit, diese Herausforderung anzunehmen?  Der Film läuft zwar im Wettbewerb, aber im Berlinale-Palast bleiben mehr Plätze  nicht besetzt als an den normalen Tagen, obwohl das Kino ausnahmsweise  auch der Öffentlichkeit offen steht, nicht nur den akkreditierten Besuchern.

Warum sind Ihre Filme so lang?, wurde Lav Diaz in einem Interview gefragt. „Ich bin der Sohn eines Bauern und einer Lehrerin, und als ich in Cotabato auf der Insel Mindanao im Süden der Philippinen aufwuchs, musste ich jeden Tag  zehn Kilometer zur Schule laufen und nach der Schule wieder zehn Kilometer zurück. Diese langsame Ästhetik ist Teil meiner Welterfahrung.“  Das Sein bestimmt das Bewusstsein. 

Kaum Kamerabewegungen

Aber man muss sich bei Diaz nicht nur auf diese enorme Länge einlassen, sondern auch auf anderes Gewohntes verzichten. Es  gibt wenig Kamerabewegung, kaum Nahaufnahmen, keine schnellen Schnitte, keine emotionale Belohnung zwischendurch. Die Leinwand   wirkt wie eine Theaterbühne,  und sie  ist an diesem Tag wie zusammengeschnurrt. Diaz hat seinen Film im Format 4:3 gedreht, dem klassischen Filmformat des 35-mm-Films, vor Breitwand, vor Cinemascope.  Das ist einerseits ironisch, verdankt Lav Diaz, so wie alle Filmschaffenden in den armen Ländern Südostasiens doch alles der Digitaltechnik. Weil sie so kostengünstig ist, hat sie der gesamten Filmindustrie in der Region aufgeholfen. Und jemand, der so lange Filme macht wie Lav Diaz, hätte es ohne diese Technik selbst im Westen nicht leicht.

Aber man kann die Entscheidung für das Format auch als  Hommage an das Kino verstehen. Dafür gibt es noch mehr Anhaltspunkte, die Entscheidung, in Schwarz-Weiß zu drehen etwa, und  dass  im Film einer der ersten Kurzfilme der Brüder Lumière gezeigt wird. Diese neue Technik könne eine andere, eine alternative Welt erschaffen, schwärmt ein Zuschauer. Nichts anderes tut Lav Diaz.

Leinwandmeditation

In den letzten zwei oder vielleicht auch drei Stunden, die die Autorin sah, stolpern ein ewig hustender Mann und drei Frauen durch den Dschungel. Sie sind auf der Suche nach der Leiche von Andres Bonifacio. Mit langen Stöcken stochern sie im Boden herum, es ist meist Nacht, die Leinwand ein Gemälde in Chiaroscuro. Dazu zirpen die Grillen, es fiepst ein kleiner Uhu. Die Gedanken der Zuschauerin schweifen ab, sie holt sie zurück. Es ist, als  versuche man zu meditieren.

Hier im Dschungel ist die philippinische Seele zu Hause, hier wuchert das Chaos, der Überfluss. Es ist dies der Raum, der die Philippiner geprägt habe, wie   Lav Diaz es in einem Interview gesagt hat.  Und in  „Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis“, wie der Titel übersetzt heißt,  lässt dieses Volk den katholischen Glauben der Kolonisatoren zurück und trifft  im Dschungel auf seine  eigene Mythologie:  Tikbalan, ein Wesen halb Pferd, halb Mensch, das  im Film an seinem wiehernden Lachen, seinem Schnauben zu erkennen ist, der Art, wie es den Kopf zurückwirft.  Dann ist da noch der Zigarre rauchende Kapre. Sie haben nichts anderes zu tun, als die Suchenden in die Irre zu führen,  sodass der Ausgangspunkt immer wieder das erreichte Ziel ist. Die Geschichte ist eine Kreisbewegung,  sie führt nirgendwohin.  

Zeit kam mit den Spaniern

Die Zeit selbst, das sagt der Regisseur, sei erst mit den spanischen Kolonialherren ins Land gekommen. Sie hätten den Tag strukturiert, ihm ein produktives Ziel gegeben. Mit seinen Filmen selbst scheint sich  Lav Diaz gegen dieses Konzept zu wenden, sie sind ein postkolonialistischer Kommentar,  ein fortgeführter Kampf um die Unabhängigkeit.  
Was für eine Ironie, dass Diaz’ Filme   in den Philippinen kaum bekannt sind.  In Manila haben die schnellen Action-Filme  des Landes,  das die Spanier als Kolonialherren abgelöst hat, am meisten Zulauf. Sie kommen aus Hollywood, USA.

Hele Sa Hiwagang Hapis: 19. 2., 10 Uhr, Haus der Berliner Festspiele