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Deutsches Kino auf der Berlinale: Gefangen im Familiendickicht

Alle sind verdächtig nett in „Der Bunker“ von Nikias Chryssos.

Alle sind verdächtig nett in „Der Bunker“ von Nikias Chryssos.

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Kataskop Film & GFF KG/Matthias Reisser

Auf der Berlinale mag es manch Entbehrliches geben, doch die Sektion Perspektive deutsches Kino unter Leitung von Linda Söffker gehört nicht dazu. Hier bietet sich für deutsche Erst- und Zweitfilme ein konzentriertes Podium; hier lassen sich Tendenzen und Talente aufspüren. Das Spektrum der diesjährigen Ausgabe ist breit. Es fällt auf, dass mehrere Filme unter ungewöhnlichen Bedingungen entstanden: völlig frei finanziert, als Crowdfunding-Projekt oder in exotischen Koproduktionen. Der auffälligste Trend ist jedoch ein inhaltlicher. Noch nie gab es so viele Beiträge, die um familiäre Bindungen und die Versuche kreisen, diesen zu entkommen.

In dem Bohème-Fantasy-Thriller „Elixir“ des Australiers Brodie Higgs geht es um eine Wahlfamilie, die inmitten Berlins eine riesige Wohnung okkupiert hat und hier ästhetische Diskurse verschiedener Epochen noch einmal durchbetet. Was wäre, wenn André Breton, Tristan Tzara, Guy Debord und Robert Desnos sich in der heutigen Bundeshauptstadt eine WG teilen und hier auch noch auf Malcolm McLaren treffen würden? Der Film gibt darauf eine schlüssige Antwort: Sie würden schwadronieren, was das Zeug hält, exzessiv trinken und und Intrigen spinnen. Dazwischen stolpert eine Streunerin herum, die vergeblich nach Geborgenheit sucht. Zuletzt kommt der Räumungsbescheid. Interessant ist „Elixir“ vor allem wegen seines Mythen-Mixes und der Rolle Berlins innerhalb dieser Projektion.

Märchenhaft und gänzlich abgehoben von realen Ortsbezügen bleibt „Der Bunker“ von Nikias Chryssos. Hier irrt der aus zahlreichen Erstlingsfilmen wohlbekannte „Koffer-Mann“ durch einen deutschen Mischwald, weil er sich in der Einsamkeit wissenschaftlichen Studien widmen möchte. Seine Gastfamilie bewohnt einen unterirdischen Bunker und begrüßt ihn mit angsteinflößender Freundlichkeit. Vater, Mutter und Kind sind an Skurrilität kaum mehr zu überbieten; Regie und Ausstattung versuchen es in den nachfolgenden 80 Minuten dennoch. Der Reisende soll sich die Miete mit Nachhilfestunden für den Sohn verdienen – dieser soll bald Präsident der Vereinigten Staaten werden. Es folgt ein großes Durcheinander gegenseitiger Liebes- und Besitzansprüche, die ein nichtunerwartetes Ende nehmen.

Den Märchenbezug führt „Im Spinnwebhaus“ der Münchner Filmabsolventin Mara Eibl-Eibesfeldt schon im Titel. Der in der Filmgeschichte immer wiederkehrende Plot einer Gruppe von Geschwistern, die die Abwesenheit der Eltern vertuschen und sich allein durchs Leben schlagen, ist diesmal in Heidelberg angesiedelt. Die psychisch labile, alleinerziehende Sabine (Sylvie Testud) ist der Fürsorge ihrer drei Kinder schon lange nicht mehr gewachsen. Eines Tages geht sie einfach weg. So dass sich der zwölfjährige Jonas plötzlich als Familienvorstand bewähren muss. Er macht das eine Weile richtig, auch wenn das kleine Eigenheim langsam aber sicher zum „Spinnwebhaus“ mutiert, in dem die drei Kinder ein archaisches Dasein führen. Die junge Regisseurin erzählt diese Geschichte aber nicht als realistisches Sozialdrama, sondern als schwarz-weiße, wie aus vergangener Zeit stammende Legende, in der auch viel Platz für Zeichen und Wunder bleibt.

Mehr Wirklichkeitsnähe bietet der Eröffnungsfilm „Im Sommer wohnt er unten“ von Tom Sommerlatte, bei dem Konstellationen zwischen zwei ungleichen Brüdern und deren Partnerinnen durchdekliniert werden. Ohne deutsche Fördermittel und als französische Koproduktion entstanden, macht dieser Film alles richtig, plätschert aber auch ein wenig vor sich hin – so wie der für die Handlung so wichtige Pool hinter dem Bungalow.

Am dichtesten an der sozialen Realität bewegt sich „Wanja“, das Langfilmdebüt der aus Schweden stammenden UdK-Absolventin Carolina Hellsgård. Obwohl er hauptsächlich auf einem Pferdehof spielt, geht ihm jede Romantik ab. Die Titelheldin hat eine lange Haftstrafe hinter sich und will alles vermeiden, was sie in die Nähe eines kriminellen Milieus bringen könnte. Als sie in einer Kollegin sich selbst als gefährdete Heranwachsende wiedererkennt, weicht sie von diesen Vorsätzen ab. Als Wanja ist eine großartige Anne Ratte-Polle zu erleben, die gleich noch eine zweite Titelrolle in der Sektion Perspektive gibt. Im Münchner HFF-Abschlussfilm „Sibylle“ spielt sie unter der Regie von Michael Krummenacher eine zunehmend verzweifelte Architektin, die unheilvolle Zeichen wahrzunehmen glaubt und daran zugrunde geht. Mit vielen Zitaten von und Anspielungen auf Hitchcock, Kubrick, Cronenberg und Polanski versehen, vermag diese Hommage an den klassischen Horror leider kaum eigene Akzente, auch wenn Anne Ratte-Polle gegen die latente Stereotypie anzukämpfen versucht.

Dass Genrefilme nicht zwangsläufig in der referenziellen Sackgasse landen müssen, beweist der in Graz geborene Jakob M. Erwa mit seinem klugen Gentrifizierungs-Thriller „HomeSick“. Auch hier bröckelt erbarmungslos eine kleinbürgerliche Fassade. Der Regie gelingt es, das Geschehen mit Zwischentönen und Subtexten zu hinterlegen und so bis zuletzt eine Ambivalenz zwischen Banalität und Schrecken zu halten. Ein frisch aus der westdeutschen Provinz nach Berlin-Prenzlauer Berg gezogenes Paar ahnt zunächst nicht, auf was für unsicherem Grund es sich einrichten möchte. Doch dann verdichten sich kleine Anzeichen zu einem bedrohlichen Szenarium. Das Problem: Nur Jessica, die Cello-Solistin, scheint die Bedrohung wahrzunehmen, an der sie gnadenlos zerbrechen wird. Kurz vor dem Untergang holt sie jedoch zum Gegenschlag aus.

Vordergründig geht es in „HomeSick“ um einen genretypischen Worst-Case-Fahrplan. Parallel entfalten sich jedoch Ebenen, die verschiedene Lesarten zulassen. Die scheinbar dämonischen DDR-Rentner im Film sind vermutlich harmlos. Vielleicht kann eine solche Geschichte nur von einem Österreicher erzählt werden.



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