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Berliner Zeitung | Dieter Kosslick im Interview : Die Berlinale an der Seite der Entrechteten
26. January 2015
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Dieter Kosslick im Interview : Die Berlinale an der Seite der Entrechteten

Muss für ein gutes Programm und für gute Laune sorgen: Berlinale-Chef Dieter Kosslick.

Muss für ein gutes Programm und für gute Laune sorgen: Berlinale-Chef Dieter Kosslick.

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Reuters/Tobias Schwarz

Am Abend des 5. Februar werden die 65. Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet. Die Anstrengungen der zurückliegenden Monate sind Dieter Kosslick indes nicht anzumerken beim Gespräch im Haus der Berliner Festspiele. Der Berlinale-Chef wirkt munter und gut gelaunt. Er ist seit Mai 2001 im Amt und verfügt entsprechend über Organisations- und Programmierungserfahrung. An diesem Dienstag gibt die Berlinale ihre Programmpressekonferenz.

Herr Kosslick, welche Schwerpunkte setzt die Berlinale 2015 im Wettbewerb?

Ein filmischer Schwerpunkt ist die ethnische Identität. Wir haben da ein paar neue Regisseure im Wettbewerb, auf die man achten sollte. Etwa den Vietnamesen Di Phan Dang mit seinem Film „Cha và con và (Unsere sonnigen Tage)“. Oder Jayro Bustamante aus Guatemala mit „Ixcanul (Ixcanul Volcano)“. Zum ersten Mal in der Geschichte der Berlinale gibt es zwei gu-a-temal-tekische Filme – das Attribut muss ich erst üben! Der zweite läuft in der Berlinale-Sektion Generation. – Außerdem geht es in den Wettbewerbsbeiträgen viel um Frauen. Schon beim Eröffnungsfilm „Nobody Wants the Night“, der davon erzählt, dass Frauen wie die historische Heldin Josephine Peary um 1900 ebenso gut zum Nordpol konnten wie Männer. Das Frauenthema spinnt sich auch in Werner Herzogs „Queen of the Desert“ weiter: Da geht es um Gertrude Bell – gespielt von Nicole Kidman –, die eine entscheidende Rolle bei der politischen Neuordnung der arabischen Region nach 1918 spielte. Bell war ein weiblicher Lawrence von Arabien und an der Grenzziehung des heutigen Irak beteiligt.

Ethnien und Geschlechterfragen – was heben Sie außerdem hervor?

Die Spannbreite reicht im Wettbewerb vom Neuling bis hin zu legendären Filmemachern wie Peter Greenaway. Der Brite zeigt mit „Eisenstein in Guanajuato“ eine phantastische Geschichte über die sowjetische Kinolegende, die man so noch nicht gesehen hat. In Russland hat man bereits sein Nichtgefallen gegenüber Greenaways Film geäußert, weil darin Eisensteins Homosexualität thematisiert wird. Und auch im Forum gibt es einen Film mit Bezug auf Eisenstein: „Cinema: A Public Affair“ über das Moskauer Filmmuseum und seinen einstigen Direktor Naum Klejman, Hüter von Sergej Eisensteins Nachlass.

Sie waren dieses Jahr etwas später dran mit der Bekanntgabe aller Wettbewerbsfilme? Waren diese denn so schwierig zu finden?

Nein, das hatte eher damit zu tun, wer von den Regisseuren und Schauspielern zur Berlinale kommen kann. Die Leute müssen ja auch für den roten Teppich zur Verfügung stehen.

Mit den deutschen Filmteams dürfte es da kein Problem gegeben haben…

Die deutschen Filme im Wettbewerb spiegeln unser ganzes Land: Andreas Dresens Romanverfilmung „Als wir träumten“ ist im Leipzig der Nachwendezeit angesiedelt; „Elser“ von Oliver Hirschbiegel zeigt den Hitler-Attentäter in München und Baden-Württemberg; und „Victoria“ von Sebastian Schipper erzählt eine Geschichte über junge Leute und eine krumme Sache aus dem heutigen Berlin. Das sind drei ganz verschiedene Typen von Film. Man kann den deutschen Film an sich gegenwärtig wie folgt beschreiben: Hier Til Schweiger, da Berlinale-Typus-Filme und dort die Großmeister Werner Herzog und Wim Wenders mit ihren internationalen Ansätzen. Ich würde sagen: Kann man nicht meckern; der deutsche Film steht gut da!

Gewiss haben Sie als Festivalchef alle Filme lieb. Aber welcher unter den eingereichten hat Sie – sagen wir mal – verblüfft?

Der Dokumentarfilm „El botón de nácar (Der Perlmuttknopf)“ von dem Chilenen Patricio Guzmán. Das ist ein starkes Stück. Darin geht es um die Opfer der Pinochet-Diktatur, die gefoltert und dann gefesselt aus Hubschraubern und Flugzeugen abgeworfen wurden. Dabei ist das nicht einfach Politkino, nein – Guzmán schafft vielmehr eine Verbindung zwischen der ursprünglichen Kolonialisierung Südamerikas, Naturmythen und der jüngeren Vergangenheit. Patricio Guzmán ist ein großer Künstler, und das hier ist, würde ich sagen, sein Opus magnum.

Früher hatte die Berlinale ein übergreifendes Motto. Warum gibt es das nicht mehr?

Wenn Sie so wollen, lautet unser Motto seit der Berlinale-Gründung im Jahr 1951 „Völkerverständigung“. Als 2002 die Irak-Invasion kurz bevorstand, hatten wir das Motto „Towards Tolerance“ – damals passte das. Jetzt böte sich nur ein Motto an: „Je suis Charlie“. Dieses Motto haben alle, selbst bei den Golden Globes. Wir haben kein offizielles Motto, weil unser diesjähriges Filmprogramm das Motto ersetzt. Wir sind an der Seite der Entrechteten und für Freiheit.

Im Wettbewerb findet sich auch der neue Film des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der daheim als Dissident gilt und mit Berufsverbot belegt wurde. Wie kam Panahis „Taxi“ außer Landes?

Nicht in einen Kuchen eingebacken! Die Berlinale kam über Umwege an diesen Film. „Taxi“ zeigen wir gleich zu Beginn – auch um den Ton für diese 65. Berlinale zu setzen. In dem Film spricht der Regisseur selbst als Schiebermütze tragender Taxifahrer mit allen möglichen Passagieren – ein Porträt iranischer Menschen heute.

Sie erwähnten „Je suis Charlie“. Gibt es aktuell bei Ihnen Sicherheitsbedenken nach den Pariser Anschlägen? Wie begegnet man diesen Bedenken?

Wir haben immer besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Das sehen die Leute nur nicht. Die wenigsten Polizisten tragen beim Festivaleinsatz Uniform. Ich möchte hier aber bitte betonen, dass am roten Teppich nicht nur Sicherheitsleute stehen! Da sind natürlich auch Fans. Die Stars bringen ohnehin ihre eigenen Body Guards mit; zusätzlich stellen wir auch noch welche. Wir arbeiten eng mit den staatlichen Sicherheitsbehörden zusammen.

Parallel zur Berlinale veranstaltet der Verband der deutschen Filmkritik in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung erstmals eine eigene „Woche der Kritik“ mit Filmprogramm. Wie stehen Sie dazu?

Wir sehen das nicht als feindlichen Akt. Wir geben diesen Leuten Akkreditierungen. Aber wir können da nicht weiter mitmachen – schließlich heißt es immer, die Berlinale zeige ohnehin zu viele Filme. Lasst viele Blumen blühen.

Filmfestivals waren lange wichtig, auch als Standortfaktoren. Jetzt verlagert sich medial alles ins Netz. Was glauben Sie: Wie lange wird es Festivals wie die Berlinale in dieser Form und Kinos als Orte überhaupt noch geben?

In China gibt es wunderbare Kinos, aber die Eintrittspreise sind sehr hoch. Das heißt, in diesen Wachstumsregionen ist der Kinobesuch auch ein Statussymbol. Das könnte sich in Europa im Zuge der gesellschaftlichen Spaltung ähnlich herauskristallisieren. Schon jetzt gibt es höherpreisige Luxuskinos, übertragen etliche Filmtheater auch Opern- und Ballettaufführungen, etwas aus New York. Demnächst kann man internationale Gemäldegalerien im Kino quasi durchwandern.

Filmfestivals werden stärker der Promotion des Produkts Film dienen, die dann eben auch online angeboten werden. Was die Download-Kultur angeht – da wird sich künftig auch die Berlinale profilieren mit einer Online-Plattform. Darüber diskutieren wir schon lange unter dem Stichwort Vertrieb. Ich baue auf friedliche Koexistenz: Hier die große Leinwand, der Dolby-Atmos-Sound und das gemeinsame Kinoerlebnis. Und da der Raum- und Zeit-unabhängige Download, Streaming und Video on Demand.

Das Gespräch führte Anke Westphal.