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Doku „Von Hohenschönhausen nach Niederschöneweide“: Das Klischee der Nazi-Hochburg und DDR-Nostalgie

Mitteljunge Künstler auf dem Weg zum nächsten Projekt

Mitteljunge Künstler auf dem Weg zum nächsten Projekt

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Moviemento

Der Regisseur wohnt in Kreuzberg, gegenüber vom Görlitzer Park. Der Park – naheliegend – war Schauplatz seines letzten Dokumentarfilms „Der Adel vom Görli“. Sein neuer Film heißt „Von Hohenschönhausen nach Niederschöneweide“. Das ist eine Gegend, die West-Berliner und Zugezogene eher selten aufsuchen. Wie also ist er dorthin gekommen? Zufall, sagt Volker Meyer-Dabisch. Als er für den Radiosender Multicult.FM arbeitete, wurden die Scheiben des JuSo-Büros in Hohenschönhausen eingeworfen. Er fuhr in diesen Bezirk, den er noch nie zuvor betreten hatte; er führte dort Interviews. „Das ist wie ein anderes Land, dachte ich“, sagt er. „Das wollte ich kennenlernen.“ So entstand die Idee für seinen vierten Dokumentarfilm.

Die Kamera im Fahrradanhänger

In der ersten Szene steht die Kamera auf einem Tisch vor einem Einkaufszentrum. Man sieht den Ellenbogen einer Person, die an dem Tisch lehnt, und im Hintergrund einen Kurzwarenladen. „Habt ihr Lust auf’n Interview“, fragt eine Männerstimme. „Interview?“, fragt eine Jungenstimme zurück. „Siehste den Fahrradanhänger da“, antwortet der Mann. „Mit dem sind wir unterwegs von Hohenschönhausen nach Niederschöneweide, und auf dem Weg interviewen wir Leute.“ – „Und die Interviews werden dann zusammengeschnitten und das gibt ’nen Film?“, fragt der Junge. Genauso ist es.

Roadmovie steht auf dem Radanhänger, in dem die Kamera liegt und ein Stuhl, auf dem die Protagonisten Platz nehmen dürfen. Auf dem Sattel sitzt Volker Meyer-Dabisch. Es ist Sommer. Er radelt vorbei an Altbauten, den Rathenau-Hallen, in denen einst das Kabelwerk Oberspree war, vorbei an Plattenbauten, an einem Einkaufszentrum mit Glasfassade, vor dem Strandkörbe im Sand stehen. Dazu spielt Brother Dege auf seiner Slide-Gitarre. Meyer-Dabisch hat die Musik bei YouTube gefunden.

Dann fand er heraus, dass Brother Deges Song „Too Old to Die Young“ Teil des Soundtracks von Quentin Tarantinos Film „Django Unchained“ ist. Also außer Reichweite für eine No-Budget-Produktion, wie es die Filme von Volker Meyer-Dabisch sind. Doch dann tourte Brother Dege durch Deutschland, und irgendwann trafen sich die beiden mit einem Tontechniker in einem Hotel in Leverkusen. In vier Stunden war der Soundtrack fertig.

Deshalb gibt es in diesem Film melancholische Südstaatenmusik für Hohenschönhausen, die Plattenbaugegend mit dem Stasi-Gefängnis, und für Schöneweide, das einstige Industriezentrum. Für diesen Teil Berlins, in dem es viele Stimmen für die Linke gibt, wenn gewählt wird, und immer ein paar Prozent für die NPD. Es gibt noch viel DDR hier, aber auch Nachwendeauswüchse wie rechte Jugendliche. „Ich kann nicht groß meckern über die DDR“, sagt der erste Interviewpartner. Er wohnt seit 1985 hier.

Eine Mitarbeiterin der Netzwerkstelle Lichtblicke erzählt, dass die Rechten heute nicht mehr so sichtbar sind, der ehemalige Treffpunkt, die Kneipe „Zum Henker“ geschlossen ist. Ein Imbissbesitzer bezeichnet sich als Friseur des Wohngebiets, weil ihm die Kunden alles erzählen, und er berichtet von „nicht so doll beschlagenen“ Rentnern, deretwegen er den Pott Kaffee für einen Euro verkauft. Volker Meyer-Dabisch spricht mit einem ehemaligen Pfarrer, der von dem „Schleier der Angst“ spricht, der einst über diesem Gebiet lag, weil so viele für die Stasi arbeiteten. Er redet mit einem jungen DJ mit dunkler Haut, der erzählt, dass sie ihm manchmal „Bimbo“ hinterherrufen. Er lässt sich nicht provozieren.

„Von Hohenschönhausen nach Niederschöneweide“ – das sind 26 respektvoll geführte Interviews, 26 kurz angerissene, völlig unterschiedliche Lebensgeschichten – 26 Perspektiven auf diesen Teil Berlins. Einige sehen für sich hier die Zukunft; einige sehnen sich nach der Vergangenheit; keiner sagt, er wolle hier weg. Es ist ja ihr Zuhause, ihre Heimat in Berlin.

Zwei junge blonde Russlanddeutsche haben einen kurzen Auftritt und der Bademeister des Orankebads. Der Höhepunkt sind eine Mutter und ihr Sohn. Wie Geschwister sehen sie aus, passen zu zweit auf den Stuhl. „Wir machen immer Quatsch“, sagt die Mutter, Restaurantfachfrau. Der Elfjährige erzählt von seinem Besuch im „Stasi-Museum“. Am meisten schockiert hat ihn, dass die Häftlinge nachts eine bestimmte Liegeposition einnehmen mussten. Mutter und Sohn erzählen von ihrem Traum, einer Reise nach Australien: „Unsere Sachen packen und los.“ Man spürt, wie gern die beiden sich haben und wünscht sich einen Film nur über sie.

Auf unbefestigten Wegen gelangt der Regisseur ins FEZ Wuhlheide, spricht mit einem Spielgeräteverleiher, der freimütig erzählt, dass er zu DDR-Zeiten als asoziales Element galt, 1988 abgehauen ist und in den 1990ern wieder zurückkam. Ach, es ist schön, all diese Leute auf der Leinwand zu sehen, von denen man ohne diesen Film nie etwas erfahren hätte.

Attraktive Öde

Mitten auf dem Kaisersteg nennt ein junger Italiener Schöneweide eine „corner of paradise“, eine Ecke vom Paradies. Wer hätte das für möglich gehalten in einer Gegend, die vor kurzem noch den Beinamen „Oberschweineöde“ trug. Hier tut sich was! Und es ist gerade die Öde, der leere Raum, der anderswo in Berlin bereits verschwunden ist – bebaut mit Einkaufszentren und Bürohäusern, schicken Apartments –, der für manche die Anziehungskraft ausmacht. Das Kiki Blofeld ist nach acht Jahren in Mitte hierhergezogen. „Es ist so wie früher in Mitte nach der Wende“, sagt der Betreiber Gerke Freyschmidt. Er spricht von der Aufbruchstimmung, dem Maroden, dem Platz: „Für Kunst und für uns, für alle möglichen Menschen.“

Man hätte gern mehr gesehen von dieser Gegend, nicht nur en passant vom Fahrrad aus oder als Hintergrund der Interviewten. Ob das ein Lockmittel ist? Der nächste Ausflug führt jedenfalls nach Schöneweide!

Vorführung in Anwesenheit des Filmteams am 21. Oktober um 20 Uhr. In Anwesenheit des Regisseurs am 23. Oktober um 19 Uhr. Jeweils im Kino Central. Ab 23.10. auch regulär in ausgewählten Kinos.