image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Dokumentarfilm "Iraqi Odyssey": Vom Untergang der goldenen Jahre

Bessere Tage, in denen die Familie des Regisseurs den Irak noch nicht verlassen hat.

Bessere Tage, in denen die Familie des Regisseurs den Irak noch nicht verlassen hat.

Foto:

NFP

Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani gehört zu den wenigen, die den Alltag in den Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens wirklich erkunden und fernab von allgegenwärtigen Katastrophenbildern etwas von der emotionalen Verfassung der Menschen übermitteln. Im September 2014 bereiste er Bagdad. Einer seiner Fährleute ist ein kurdischer Fotograf, der mit ihm ein Kaffeehaus besucht. An den Wänden hängen Fotografien von Zeugen einer glanzvollen Vergangenheit – Männer im Smoking, das Haar streng gescheitelt, Frauen in eleganten Roben, Schauspieler, Dichter, Sänger, auch Politiker. Kermani schreibt: „Ja, es gab eine genuine arabische Moderne, es gab im Film, in der Musik, in der Literatur ein Kunstschaffen und eine Intellektualität, die das Beste aus zwei Welten zu vereinen schien, das Avancierte, gleich von woher, aufnahm und die zugleich in der eigenen Tradition gründete. Es gab auch Hoffnung auf eine unabhängige und freie Gesellschaft, es gab Politiker, zu denen man aufsah. Es gab Jahre, da muss Bagdad kulturell aufregender und jedenfalls vielfältiger gewesen sein als Berlin.“

Sie sind Entkommene

In „Iraqi Odyssey“, dem großartigen Dokumentarfilm des Regisseurs Samir begegnen wir dieser Welt gleich zu Beginn. Samir, 1955 in Bagdad geboren, Kind eines Irakers und einer Schweizerin, verließ den Irak mit seiner Familie als Kind. Aber er hatte die Aura der goldenen Jahre noch aufgesogen, und er fand in seiner eigenen Familie jenes Milieu, das den Irak inzwischen verlassen hat: die wohlhabende Mittelschicht. Richter, Anwälte, Mediziner, Naturwissenschaftler, auch ein Atomphysiker ist dabei. Ihre Lebensreisen spiegeln die politischen Bewegungen und Verwerfungen des 20. und 21. Jahrhundert wider. Das Ende des Königreichs, die junge Republik. In den Sechzigerjahren fühlte sich ein Teil der jungen Akademiker der Familie zum Kommunismus hingezogen, sie studierten in Moskau, fanden sich mit dem Aufkommen der irakischen Baath-Partei aber schnell in der Opposition wieder. Der rasante Aufstieg des Saddam Hussein, der ab 1979 bis zu seinem Sturz 2003 ein Terrorregime führte, trieb fast alle Mitglieder der Familie ins Ausland, in den Oman, nach Neuseeland, Deutschland, England, Paris, Moskau, die USA, die Schweiz.

Niemand aus der Familie ließ sein Leben in den verheerenden Kriegen, die Saddam Hussein anzettelte, gegen den Iran – unterstützt von den USA – gegen Kuwait, gegen die eigene Bevölkerung. Unvergessen sind die Bilder der mit Giftgas getöteten kurdischen Frauen und Kinder. Auch Samir zeigt sie in seinem akribisch recherchierten und mit wertvollem Bildmaterial ausgestatteten Epos. Manche dieser Aufnahmen finden ihren Widerhall in unserem Nachrichten-Bilder-Gedächtnis, andere sind gänzlich unbekannt und beweisen, wie wenig der Westen über die arabische Welt weiß. Was marginalisiert ist, kann im zweiten Schritt vollkommen ausgeblendet werden. Der Zusammenhang zwischen dem Einmarsch der Amerikaner im März 2003 und dem Verfall des Landes wird in diesem Film überdeutlich.

Samirs Familie konnte sich retten, sie sind Entkommene. Einer von ihnen, der Augenarzt Sabah Jamal Aldin, überlebte Verbannung und Folter, er ist unter den Befragten die anarchistischste Figur. Parteien lehnt er ab, „Schafe folgen dem Bock“, Pathos ist ihm fremd. Zur Vorführung des Rohschnitts versammelte Samir fast das gesamte Ensemble im Nobelhotel Waldhaus in Sils Maria. Tränen fließen, Reden werden gehalten. Auch die Frage nach der Zukunft des Irak fällt. Warum ist im Großen nicht möglich, was im Kleinen gelingt? In der Familie gibt es Schiiten, Sunniten, Christen, Kurden, manche sind miteinander verheiratet. Da sagt jemand: Niemand gibt den einfachen Leuten im Irak eine Chance. Die Antwort – die große Fluchtbewegung – konnte in Samirs Film nicht mehr vorkommen.