E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Dokumentation über SS-Chef Himmler: Familienvater, Menschenjäger

Der Film zeigt den privaten Himmler.

Der Film zeigt den privaten Himmler.

Foto:

Edition Salzgeber

Berlin -

Der Film heißt „Der Anständige“. Aus einem sehr guten Grund. Der Name erinnert an die berühmteste Äußerung des Reichsführers der SS: „Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Die ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ Diese Sätze entstammen einer Rede Himmlers auf einer SS-Gruppenführertagung in Posen am 4. Oktober 1943.

Was ist solch ein Anstand wert?

Es geht hier nicht darum, dass Soldaten Leichen, ja viele Leichen zu sehen bekommen im Laufe eines Krieges. Es geht um die gezielte Vernichtung Wehrloser. Das „beisammen liegen“ schafft die richtige Assoziation. Die Leichen sind, was der Jäger „eine Strecke“ nennt. Die vor Himmler versammelte SS, eine ganz besondere Jagdgesellschaft, hat immer wieder vor solchen Strecken ermordeter Juden, Polen, Russen, Sinti und Roma, Kommunisten und Homosexueller gestanden. Die SS-Männer, so Himmler, blieben trotzdem „anständig“.



Es ist nicht zuletzt diese Äußerung Himmlers, die den Anstand in Misskredit gebracht hat. Was war ein Anstand wert, der an der Ermordung Tausender keinen Schaden nahm? Er war womöglich auch eine der Sekundärtugenden, auf die man angewiesen war, wenn man ein KZ „ordentlich“ führen wollte. Das waren die Auffassungen, zu denen man gelangte, wenn man die Erfahrungen des Nationalsozialismus ernst nahm.

Vanessa Lapa hat den Film „Der Anständige“ gedreht. Ihre Familie – Holocaustüberlebende – kauften vor ein paar Jahren ein großes Konvolut von Himmler-Briefen und brachten es nach Israel. Auf diesen Briefen basiert der Film. Er zeigt den privaten Himmler. Die Beziehungen zu Ehefrau und Kindern stehen im Zentrum. Die Familie also. Der Ort, an dem „Anstand“ herangebildet und gepflegt wird.

Der Film zeigt, dass Heinrich Himmler über der Vernichtung der „Minderrassigen“ nicht die seinen vergaß. Er besuchte sie, wo er konnte. Er schrieb den Kindern lustige Briefe und Liebesbriefe an seine Frau. Er war „anständig geblieben“. Himmler war es wohl selbst dann noch, als er anfing, seine Frau mit seiner Geliebten zu betrügen. Er kam zwar seltener, aber er hörte nicht auf, Päckchen und Briefe zu schicken. Er war weiter der Versorger. So weit funktionierten seine Spiegelneuronen.

Eine Geschichte vom steten Scheitern

Der Film erklärt nicht. Er fragt auch kaum nach. Er zeigt. Heinrich Himmler funktionierte als Ehemann, als Vater. Sicher nicht so wie es unseren und möglicherweise auch seinen eigenen Idealen entspricht, aber er tat, was zu tun war. Er verhielt sich anständig.

Als Massenmörder funktionierte Himmler ebenfalls. Wir neigen dazu anzunehmen, dass er diese Rolle wesentlich erfolgreicher spielte. Aber er scheiterte auch da.

Vanessa Lapa stellt auch die Frage nach dem Anstand nicht. Aber sie geht mir nach dem Film nicht mehr aus dem Kopf. Wie sähe ein Anstand aus, der nicht zum Massenmord in der Lage wäre? Und wo beginnt der? Bei der Flächenbombardierung von Dörfern, bei der massenhaften gezielten Tötung von Verdächtigen? Bei der tödlichen Unterscheidung von denen und uns? Wir sind immer noch bei Vanessa Lapas „Der Anständige“, aber wir sind auch mitten in unserer Gegenwart, bei den Fragen, die sich die deutschen Soldaten an ihren Einsatzorten in Afghanistan, Kongo, Mali, Somalia, im Sudan oder der Zentralafrikanischen Republik stellen müssen.

In seiner Posener Rede vom 4. Oktober 1943 erklärte Heinrich Himmler auch: „Sie sagen: ,Wie können Sie so grausam sein, ein Kind seiner Mutter wegzunehmen?’ Darauf antworte ich: ,Wie können Sie so grausam sein, einen hervorragenden zukünftigen Feind auf der anderen Seite zu lassen, der Ihre Kinder und Enkel töten wird?’“.

Der Anständige Österreich/Dtl./ Israel 2014. Regie: Vanessa Lapa; Buch: Vanessa Lapa, Ori Weisbrod; 94 Min.