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Eastwood-Musical „Jersey Boys“: Geh wie ein Mann!

Flott frisiert wird falsettiert: The Four Seasons singen sich nach oben.

Flott frisiert wird falsettiert: The Four Seasons singen sich nach oben.

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dpa/Warner Bros. Pictures

Fast jeder hat schon mal etwas von den Four Seasons gehört, ob er das nun wollte oder nicht. Was einfach daran liegt, dass Songs wie „Sherry“, „Big Girls Don’t Cry“, „Walk Like a Man“ oder auch „Working My Way Back to You“ längst Klassiker sind und in jeder gut sortierten Beschallungsanlage zu finden. Über die Jahrzehnte unzählige Male von anderen Künstlern gecovert, sind diese Hits seit langem Teil des kollektiven Pop-Kulturverständisses. Und selbst wenn man kein Freund gruppengestützter, vielfach modulierter Falsett-Kunst ist, kann man sich der anhaltend frischen Energie und Lebenszugewandtheit dieser Musik kaum entziehen.

Dieser Rhythmus also, wo man einfach mit muss, war für den nunmehr 84-jährigen Clint Eastwood Grund genug, noch einmal auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Eastwoods Liebe zur Musik ist profund. 1988 hat er einen Film über den ebenso großartigen wie von seiner Drogensucht getriebenen Saxophonisten und Komponisten Charlie Parker („Bird“) gedreht, und in der Jazzbar auf seiner Farm The Mission im kalifornischen Carmel setzt sich die Hollywood-Legende an Freitagabenden regelmäßig selbst ans Klavier. Auch die Musik zu seinen Filmen komponiert er nicht selten selbst.

Ein großer Leinwand-Spaß

In „Jersey Boys“ erzählt Clint Eastwood nun vom Aufstieg und Fall der Four Seasons, wobei er sich an den Hits der Band sowie am gleichnamigen Musical von Marshall Brickman und Rick Elice orientiert, das 2005 seine Broadway-Premiere feierte. Brickman und Elice schrieben auch das Drehbuch für Eastwoods Kino-Adaption, die sich zunächst auf eine klassische Aufsteiger-Story konzentriert. Was wir bisher noch nicht erwähnt haben: Es ist der seit langem lustigste Eastwood-Film!

Das beginnt schon mit der Zeichnung des italo-amerikanischen Ostküsten-Milieus, aus dem die Band-Mitglieder stammten. Um 1951 haben junge Männer in Orten wie Belleville, New Jersey , genau drei Karriere-Optionen: 1.) zur Armee zu gehen und sich im Krieg erschießen lassen, 2.) sich der Mafia anzuschließen und ermordet werden, oder 3.) berühmt werden. In einer tollen Anfangsszene wird der örtliche Pate Gyp (Christopher Walken) beim Barbier aus Versehen mit dem Messer verletzt, als der 16-jährige Frankie in den Laden hereinplatzt – aber, so Gyp: „Was ist schon ein bisschen Blut unter Freunden!“

Gyp ist nämlich ein musischer Verbrecher und hingerissen von der unvergleichlichen Falsettstimme des Jungen. Herrlich, wie Christopher Walkens Unterlippe vor Rührung zittert! Und überhaupt ist sein Gyp ein ganz eigener Mafioso: zwischen gefährlich, tüddelig und irgendwie autistisch. Fortan wird er über das junge Talent wachen. John Lloyd Young hat für seinen Broadway-Frankie einen Tony bekommen und verkörpert den Lead-Singer der Four Seasons auch in Eastwoods Film.

Aber noch heißen sie hier nicht Four Seasons. Und noch sind sie nicht berühmt, auch wenn ihnen bei ihren Auftritten in Bars und Kneipen die Herzen nur so zufliegen. Einschlägige kleinkriminelle Berufseinstiegsversuche wie der Abtransport eines tonnenschweren Tresors in einem Kleinwagen scheitern. Und auch die nächtliche Chorprobe in der Kirche findet nicht die Zustimmung einer wachsamen Nonne, die sich hier am Messwein gütlich tut.

Ein langer Bogen bis zur Auflösung der Band

Ebenso witzige wie lakonische Episoden und Dialoge kennzeichnen die soziale Prägung der Jungen durch die Neighbourhood: des durch und durch gutartigen Frankie, Valli, des Kleinganoven Tommy DeVito (Vincent Piazza), des Bassisten Nick Massi (Michael Lomenda) und des Songwriters und Keyboardspielers Bob Gaudio (Erich Bergen).

Zunächst nennen sie sich The Four Lovers, bevor ein flackerndes Motel-Schild zum finalen Gruppen-Namen führt – auch das ist heiter inszeniert, quasi als Wink von ganz oben. Und erst einmal müssen sich die genialen Dilettanten als Background-Sänger abrackern, bevor sie zu Welt-Stars werden. „Komt wieder, wenn Ihr schwarz seid!“ bescheidet ihnen ein Musikproduzent dem Zeitgeschmack entsprechend.

Über mehr als 20 Jahre spannt sich Eastwoods Film, bis hin zur Auflösung der Band und zum finanziellen Abstieg wegen der immensen Schulden, die Tommy heimlich bei der Mafia und Steuerbehörde gemacht macht. Über die Laufzeit von 134 Minuten hinweg frappiert indes dieser Regieeinfall: Immer wieder wenden sich die Band-Mitglieder direkt an den Kino-Zuschauer, indem sie ihn aus den Kulissen heraus ansprechen und ihre je eigene Perspektive auf das Geschehen mitteilen.

Das irritiert zweifellos, rhythmisiert den filmischen Erzählfluss aber noch einmal jenseits der Musik, während man den eskalierenden Konflikten innerhalb der Band und Frankies Familiendramen folgt. Letzteren wird mit einigem Willen zum Sentiment etwas viel Raum gegeben, aber im Ganzen bleibt dieser Film, der die Frage nach der Dauerhaftigkeit von Loyalitäten aufwirft, ein Vergnügen mit toller Musik und viel Humor.

Jersey Boys USA 2014. Regie: Clint Eastwood; 134 Minuten, Farbe. FSK ab 6.