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Ehrung für Filmregisseur Andrej Swjaginzew: Du sollst nicht fluchen!

Der russische Filmregisseur Andrej Swjaginzew.

Der russische Filmregisseur Andrej Swjaginzew.

Foto:

REUTERS/Sergei Karpukhin

Berlin -

Das war vor ihm nur dem großen russischen Regisseur Andrej Tarkowski gelungen, der 1962 für sein Debüt „Ivans Kindheit“ in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde: Als Andrej Swjaginzew im Jahr 2003 für seinen Debütfilm „Die Rückkehr“ den venezianischen Goldenen Löwen erhielt, war er selbst im eigenen Land noch unbekannt. Er hatte bis dahin lediglich TV-Clips gedreht. Der Hauptpreis des renommierten Festivals Venedig schlug nicht nur in Russland wie eine Bombe ein, sondern weckte weltweit Hoffnungen auf eine „Neue Welle“ des seit der Wende vor allem Importware westlicher B- und C-Produktionen imitierenden russischen Films.

In der Tat war der damals 39-jährige Andrej Swjaginzew mit dieser „Rückkehr“ aus den Klischees des Nachwende-Kinos ausgebrochen und hatte für die Geschichte seiner Generation – die der Wiederbegegnung mit den Vätern – eigene, nicht importierte Bilder gefunden. Auf dem Eigenen besteht Swjaginzew auch heute noch. Auch bei seinem jüngsten Film „Leviathan“, der 2014 beim Festival in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, weltweit weitere Preise sowie begeisterte Kritiken erhielt und einen Platz in der Oscar-Shortlist für den besten ausländischen Film inne hatte.

In Russland selbst wurde die Premiere von „Leviathan“ dennoch immer wieder verschoben, und man konnte den Film lange nur auf illegalen Piratenkopien sehen. Der Grund ist wohl vor allem ein von Russlands Präsident Wladimir Putin im Juli 2014 persönlich unterzeichnetes Gesetz, das Flüche in der Literatur, im Theater und im Film unter Geldstrafe stellt und für den Wiederholungsfall sogar Berufsverbot für die Künstler androht.

„Eine kastrierte Sprache und Verbote sind sehr schlecht für die Kunst“

In „Leviathan“ fluchen vor allem die provinziellen Vertreter der Staatsgewalt auf der nordrussischen Kola-Halbinsel, die den Automechaniker Nikolai mit allen Mitteln um seinen angestammten Grundbesitz bringen wollen. Mit einer unheilig korrupten Allianz aus Bürgermeisteramt, Justiz und Kirche schaffen sie das auch. Nikolai ist ihnen ausgeliefert wie dem Ungeheuer Leviathan, das im Alten Testament Hiob quälte und für den englischen Philosophen Thomas Hobbes ein Sinnbild der vor nichts zurückschreckenden Gewalt des Staates war.

Bereits anlässlich der Einladung von „Leviathan“ in den Wettbewerb von Cannes bezeichnete der russische Kulturminister Wladimir Medinski Andrej Swjaginzew zwar als talentierten Regisseur, unterstrich aber auch, dass ihm der Film nicht gefalle, weil dort unmäßig viel getrunken und geflucht würde. Später wurde er dann deutlicher und nannte die wahren Gründe seiner Abneigung: „Leviathan“ sei ein „anti-russischer Film, der eine Geschichte erzählt, wie sie sich vielleicht in Colorado, in den arabischen Vororten von Paris oder im deprimierten Süditalien“ abspielen könne. „Würde die Handlung aber dort spielen, gäbe es kaum so viele Preise im Westen“, so fuhr Wladimir Medinski fort.

Das ist der eigentliche Grund für die lange verzögerte russische Kino-Premiere des Films, die am 5. Februar mit einer Version stattfand, in welcher der Produzent die gemaßregelten Flüche akustisch überblenden ließ. Ganz offenkundig gegen den Willen seines Regisseurs, der unmissverständlich erklärt hatte: „Wir haben jedes Wort abgewogen, dort ist das gesamte Vokabular angebracht – das ist lebendige Sprache, die hier sehr hilfreich ist. Eine kastrierte Sprache und Verbote sind sehr schlecht für die Kunst“. Inzwischen soll Andrej Swjaginzew dazu ermuntert haben, sich die Originalversionen von „Leviathan“ aus dem Internet herunterzuladen.

Mit ihrem Kunstpreis für Film- und Medienkunst ehrt die Berliner Akademie der Künste heute Abend nicht nur einen Unangepassten, einen konsequent auf dem eigenen Bild und Wort beharrenden Regisseur, sondern auch einen Filmkünstler mit herausragendem Talent für die differenzierte Gestaltung von Personen und Landschaften, die sich tief einprägende Symbole des Seelischen sind: Andrej Swjaginzew ist einer der bedeutendsten Regisseure der mittleren russischen Filmemacher-Generation.



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