blz_logo12,9

Fatih Akins „The Cut“: Der Genozid und das Schweigen

Der Armenier Nazar (Tahar Rahim, M.) fährt auf der Suche nach seinen Töchtern um die halbe Welt. Hier ist er auf dem Weg in die USA.

Der Armenier Nazar (Tahar Rahim, M.) fährt auf der Suche nach seinen Töchtern um die halbe Welt. Hier ist er auf dem Weg in die USA.

Foto:

dpa/bombero int./Pandora Film Verleih 2014/Gordon Muehle

Wenn ein Regisseur mit deutsch-türkischen Wurzeln einen Film über den Völkermord an den Armeniern dreht, hat das Folgen. Und so wurde der Regisseur Fatih Akin denn auch von türkischen Ultranationalisten bedroht, lange bevor irgendjemand „The Cut“ sehen konnte.

Immerhin hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, damals noch Ministerpräsident der Türkei, im April 2014 sein Bedauern über die grausame Ermordung so vieler Armenier im osmanischen Reich während des ersten Weltkriegs geäußert, ohne indes den Begriff Genozid zu akzeptieren. Am Sonntag feierte „The Cut“ nun Premiere im Wettbewerb der 71. Filmfestspiele von Venedig - als fast zweieinhalbstündiger Versuch, sich nicht allein dem Grauen der Vernichtung, sondern auch der Hoffnung auf ein Leben danach anzunähern. Man muss diesen Versuch nun als tragisch gescheitert ansehen: Vielleicht will Akin einfach zu viel, wenn er seinen Helden, den armenischen Schmied Nazareth Manoogian, Nazar genannt, gleich um die halbe Welt schickt auf der Suche nach seinen Töchtern. Die Zwillinge haben den Todesmarsch überlebt, den die Türken armenischen Frauen, Kinder und Alten aufzwangen, nachdem sie deren Ehemänner, Väter und Söhne verschleppt und ermordet hatten. Über die Zahl der armenischen Opfer wird immer noch gestritten.

Akin braucht kein Mitleid

Akins Film beginnt mit Szenen aus dem Arbeits- und Familienleben Nazars, doch die Idylle ist überschattet von der Ahnung großer Gefahr. Eines Nachts wird mit den anderen armenischen Männern seiner Heimatstadt auch Nazar von osmanischen Gendarmen abgeholt; bald schneiden die den Unglücklichen die Kehlen durch, um keine Munition zu verschwenden. Durch die unerwartete Barmherzigkeit eines seiner Peiniger überlebt Nazar. Er ist fortan allerdings stumm, weil die Klinge des Türken seine Stimmbänder verletzt hat.

Als sprachloser Held eine Odyssee durch Tag und Nacht des Menschseins zu absolvieren - das ist eine ebenso schöne wie schwierige Aufgabe. Doch der französische Schauspieler Tahar Rahim schaut als Nazar vor allem bedripst drein, statt dem unfassbaren Leiden Ausdruck zu verleihen; und er altert irritierenderweise auch nicht, obwohl sich die Handlung des Films bis 1923 erstreckt.

Der Soundtrack von Axel Hacke ist bombastisch. Für die Details der Ausstattung, Kostüme, Einrichtungen, Frisuren, wurde die differenzierteste Sorgfalt aufgebracht. Mitunter gewinnt man den Eindruck, als habe Akin sich besonders viel Mühe gegeben, sich aber auch pathetisch blockiert mit dieser Herzensangelegenheit von Film, der über den Völkermord an den Armeniern hinaus als Parabel auf Vertreibung, Ermordung, Flucht und Migration verstanden werden will. Umso tragischer ist sein Scheitern. Ein Lager mit verdursteten und verhungerten Armeniern etwa, in das Nazar während seiner Flucht gerät, ist apokalyptisch inszeniert, in falben, ausgebluteten Farben, und doch entsetzt man sich kaum. Denn schon wird dem Helden das nächste Reiseziel vorgegeben. Von der Türkei über Syrien und den Libanon führt seine Suche bis nach North Dakota, USA. Als er auch noch nach Kuba muss, erhob sich unter den Zuschauern im Kino Sala Darsena hysterisches Gelächter. Traurig.

Aber nein, Fatih Akin, dem man jeden Erfolg wünscht, braucht kein Mitleid. Während der Pressekonferenz zur Häme befragt, mit der „The Cut“ nach der ersten Vorführung überzogen wurde, sagte der Regisseur: „Für die Kunst lohnt es sich zu sterben.“ Pathos hat auch etwas Großartiges.

Da saß Akin also im üblichen Kapuzenshirt neben seinem greisen Co-Autor, dem US-Amerikaner Mardik Martin, der die Drehbücher zu einigen legendären Scorsese-Filmen schrieb, und der Akin metaphorisch gewarnt hatte, weil dieser immer wieder „zu viel Fleisch auf den Grill“ lege. Etliche Regisseure sind schon am Armenier-Stoff gescheitert, etwa Atom Egoyan mit „Ararat“. Mit „The Cut“ beendet Akin nun seine Trilogie von „Liebe, Tod und Teufel“.

Ging es in „Gegen die Wand“ (2004) um den Lebenswillen einer jungen Deutschtürkin, erzählte „Auf der anderen Seite“ (2007) die Geschichte von sechs Menschen, deren Wege erst der Tod zusammenführt. „The Cut“ widmet sich nun dem „Teufel“, dem Bösen an sich. Und falls sich das jemand fragt: Natürlich gibt es gute Türken in diesem Film! Martin Scorsese sieht in Akins Film jedenfalls „ein echtes Epos in einer Tradition, an die sich heute niemand mehr heranwagt.“ Aus guten Grund vielleicht.

Deneuve ist auch im Schlafanzug noch gebieterisch

Auf dem Weg vom Festivalgelände zum Hotel kommt man dann an einem Häuschen vorbei, an dessen Zaun ein Zettel klebt: Nymphomaniac-Delegierten-Apartment. Lars von Trier zeigt den Director’s Cut der zwei Teile seiner philosophischen Sex-Schmonzette. Und auch sonst ist alles super! Vor allem, weil Catherine Deneuve auch im geblümten Schlafanzug noch gebieterisch wirkt im Liebesdrama „3 Cœurs“ von Benoît Jacquot (Wettbewerb). Außerdem freut man sich über das Schaulaufen alter Hollywood-Legenden in den vergangenen Tagen.

Der Regisseur Barry Levinson (u. a. „Rain Man“) setzt in seiner Philip-Roth-Verfilmung „The Humbling“ (Nebenreihe „Fuori Concorso“) Al Pacino und Kyra Sedgwick aufeinander an. Al Pacino sieht man keine zwölf Stunden später in David Gordon Greens Wettbewerbsbeitrag „Manglehorn“ als schluffigen, alten Schlüsselladenbesitzer, der alle Leute um sich herum verprellt mit seiner asozialen Distanz, auch die in ihn verliebte Bankangestellte, die mädchenhafte Holly Hunter. Erstaunt stellt man fest, dass einem dieser Ego-Shooter von Star derart heruntergekommen besser gefällt denn als smarter attraktiver Gangster oder Cop. Sollte die Festivalbesucherin eine Schwäche für Senioren haben?

Etwa auch für den 75-jährigen Peter Bogdanovich („Is’ was, Doc?“), der in seiner herrlich überdrehten Boulevard-Komödie „She’s Funny That Way“ Jennifer Aniston, Owen Wilson, Rhys Ifans und Imogen Poots durch allerlei Verwicklungen stolpern lässt – Kino kann einfach nur Spaß machen, und dafür wird Bogdanovich gleich noch mit einer Dokumentation bedacht: „One Day since Yesterday: Peter Bogdanovich & the Lost American Film“ fasst die Geschichte seines Films „They All Laughed“ zusammen, der davon überschattet wurde, dass die Geliebte des Regisseurs von ihrem Mann ermordet wurde. Zwei Jahre später heiratete Bogdanovich deren Schwester, was wegen der Vorgeschichte zum Skandal führte. Ein erster Skandal der 71. Mostra von Venedig ist die Tatsache, dass dem großen US-Dokumentaristen Frederick Wiseman der Goldene Löwe für das Lebenswerk ganz ohne filmische Begleitung verliehen wurde – unwürdig; wenigstens eine Hommage hätte vom Festival kuratiert werden müssen.