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Film: „Zwei Leben“: Von Hitler geraubt, von der Stasi missbraucht

Ase Evensen (Liv Ullmann) weiß nicht mehr, wem sie glauben soll.

Ase Evensen (Liv Ullmann) weiß nicht mehr, wem sie glauben soll.

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Tom Trambow

Es ist die Geschichte von der geliehenen Identität, die allmählich anwächst wie eine transplantierte Haut. Nur dass diese Haut nicht vom eigenen, sondern von einem fremden Körper stammt, der dafür am Ende entsorgt wird wie Gartenmüll. Buchstäblich. Er wird verbrannt. In den 1960er-Jahren, so steht es im Abspann des Films, wurde in einem Wald in der Nähe der norwegischen Stadt Bergen eine halbverkohlte Leiche gefunden. Es waren die Überreste einer Frau, an der gleich ein doppeltes Verbrechen begangen wurde. Als Kind einer Norwegerin und eines deutschen Besatzungssoldaten in eines der „Lebensborn-Heime“ der SS verschleppt, denn norwegisch-deutsche Kinder galten als rassisch „hochwertig“ im Wahnsystem der Nazis, wuchs das Mädchen nach dem Krieg in einem Kinderheim in Sachsen auf.

In der DDR galten die Lebensborn-Kinder als Ballast, doch dann entdeckte die Staatssicherheit in ihnen eine besondere Verwendungsmöglichkeit. Die in ihrer Identität geschwächten Wesen, die niemand über ihre Herkunft und noch weniger über ihre Rechte aufgeklärt hatte, ließen sich bestens als Tarnung für Stasi-Agenten benutzen. Ihre traurigen Biografien wurden ihnen geraubt und Jungagenten verpasst, die als Kind ebenfalls oft stark beschädigt worden waren. Viele von diesen Nachwuchsagenten waren Kriegswaisen, als Kinder ideale Opfer einer frühen Zurichtung.

Als junge Männer und Frauen auf der Suche nach ihren Müttern schickte man sie nach Norwegen – und schleuste sie in den „militärisch-industriellen Komplex“ des Westens ein. Erst nach dem Fall der Mauer flogen einige von ihnen auf. Drei Fälle recherchierte das Magazin Spiegel und machte dies 1997 zur Titelstory: „Von Hitler geraubt, von der Stasi missbraucht.“ Die kurze Formel brachte das doppelte Verbrechen auf den Punkt. Dahinter verbirgt sich ein Gespinst aus Lügen und Verrat, falschen und echten Gefühlen, doppelten Loyalitäten in so hochdramatischer Verstrickung, dass der Stoff geradezu nach einer Verfilmung schreit.

Der Regisseur Georg Maas hat den Fall des echten Lebensborn-Kindes „Ludwig Bergman“, dessen Identität von einem Stasi-Agenten namens Hempel benutzt wurde, für seinen Film „Zwei Leben“ zu einer Mutter-Tochter-Geschichte gemacht. Dieser Kunstgriff, der ihm eventuell auch Klagen des noch lebenden Hempel erspart, ist ein Glücksgriff.

Denn in den beiden Schauspielerinnen Juliane Köhler und Liv Ullmann fand Maas zwei Großmeisterinnen der Ambivalenz. Ein Blick von Liv Ullmann genügt, um die ganze Verstörung der doppelt betrogenen Mutter Ase zu erzählen. Um ihr leibliches Kind gebracht, von ihrem falschen belogen, am Ende verwaist in einem doppelten Verlust. Wie man Opfer und Täter zugleich sein kann, das spielt Juliane Köhler in der Rolle der Katrine Evensen mit einer Undurchdringlichkeit, die dem Film einen besonderen Sog verleiht. Not und Durchtriebenheit durchdringen und bedingen hier einander, glaubhaft gespielt bis zur letzten Sekunde.

In „Zwei Leben“ erfasst Maas das Drama der fundamentalen Heimatlosigkeit des Agenten. Er klagt nicht an, stülpt kein psychosoziales Raster darüber, sondern vertraut auf die Stärke des Stoffs und seiner Darsteller. Die zerklüftete norwegische Küstenlandschaft, an der Katrine ihr richtiges Leben im Falschen aufgebaut hat – oder ist es umgekehrt? – ist dabei keine Kulisse, sondern Mitspieler in einem Drama, in dem es nur Verlierer gibt. „Zwei Leben“ ist zu Recht vornominiert für den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film. Ob der Film dann tatsächlich ins Oscar-Rennen geht, erfahren wir am 16. Januar 2014.

Zwei Leben Dtl./Norwegen 2013. Regie: Georg Maas, Drehbuch: Georg Maas, Christoph Tölle u. a., Kamera: Judith Kaufmann, Darsteller: Juliane Köhler, Liv Ullmann, Thomas Lawinky, Sven Nordin, Ken Duken u. a.; 120 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Ab morgen im Kino.



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