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Film "Blackhat": Bits und Bytes und andere Waffen

Sie sind verliebt, aber auch so was von auf der Flucht: der wackere Hacker Nick (Chris Hemsworth) und die ebenfalls IT-begabte Lien Chen (Wei Tang).

Sie sind verliebt, aber auch so was von auf der Flucht: der wackere Hacker Nick (Chris Hemsworth) und die ebenfalls IT-begabte Lien Chen (Wei Tang).

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dpa

Eine Computertastatur aus der Untersicht: Im Gegenlicht wirken die weißen Einzelteile zart, fast transparent und organisch wie Eiweiß. Die Gehäuse, Stecker, Kabel und Microchips eines riesigen Servers in der Totale: Das Ganze wirkt wie eine unterirdische Industrieanlage mit Führungsschienen, Metallcontainern, Rohren, Verbindungsgliedern – Katakomben des Austauschs, geometrisch und abgenutzt wie nach Jahren intensiven Gebrauchs. Vital springen elektronische Impulse über; eine Lichtenergiewelle bewegt sich in gleich zwei Szenen auf den Zuschauer zu.

In seinem Thriller „Blackhat“ zeigt uns der große US-amerikanische Regisseur Michael Mann Datenwelten so, wie wir sie noch nicht gesehen haben in den vielen Filmen über die virtuelle Realität, über Hacker und Cyber-Kriminalität, die es inzwischen gibt. Natürlich stehen auch in „Blackhat“ immer wieder Monitore auf irgendwelchen Tischen herum, damit auf ihnen kryptische Nachrichten erscheinen, die nur Spezialisten entschlüsseln können. Aber sie sind dann nur banale Endansichtselemente in einer langen, undurchschaubaren Kette verschlüsselter Informationsübertragungen. „Blackhat“ ist ein überwältigender Film, auch weil er die Mystifizierungen, von denen die Cyberwelt nachhaltig umwabert wird, auf den schmuddeligen Boden der Realität herunterrechnet.

Dabei ist die Geschichte, die hier erzählt wird, nicht einmal besonders originell. Zu Beginn explodiert irgendwo in China ein Reaktor, nach einer exquisiten nächtlichen Kamerafahrt auf diesen Ort zu. Noch ahnen die Mitarbeiter im Kontrollraum des Atomkraftwerks nichts von der nahenden Katastrophe, während elektronische Impulse von außen bereits die Steuerungen manipulieren. Dann ein gewaltiges Rumsen, Tote, Verletzte – Resultat einer Attacke von Cyber-Terroristen.

Neue Facetten eines Hollywood-Stars

Nahezu gleichzeitig wird irgendwo anders die Börse gehackt; Finanzmärkte crashen. Nach einem chinesisch-amerikanischen Telefonat auf Regierungsebene holt man dann in den USA einen Super-Hacker aus dem Gefängnis, der eigentlich fünfzehn Jahre absitzen soll, aber nun unerwartet Bedingungen stellen kann. „Wie dringend braucht Ihr den Mann?“ fragt der Geheimdienstmitarbeiter, der diesem Nick Hathaway gerade noch gegenüber saß, resigniert seine Vorgesetzten. Absolut dringend.

Hathaway soll die Schadprogramme entschlüsseln, die den Reaktor in die Luft jagten, und die Geheimdienste dazu gleich noch auf die Spur der Cyber-Terroristen führen. Dabei hilft ihm die schöne Schwester eines chinesische Ex-Komilitonen, mit dem Nick seinerzeit am elitären Massachusetts Institute of Technology (MIT) studiert hat. Es kommt zu Vertraulichkeiten, sogar zu einer Liebesgeschichte, die dem Film gewiss mit Hinblick auf die potenziellen weiblichen Kinobesucher implementiert wurde. Sie stört nicht weiter, ist aber auch nicht von Bedeutung.

Von Bedeutung sind hier ganz andere Dinge. Etwa der Umgang des Regisseurs mit dem Hauptdarsteller Chris Hemsworth, bekannt vor allem seit „Thor“, wo er den Donnergott höchstselbst als muskulöse, kalifornisch Surfer-Boy-blonde Sexphantasie verkörperte. Hemsworth hat sich bislang eher nicht durch Subtilität hervorgetan, doch Michael Mann legt in ihm Facetten frei, ja sogar eine berührende Sensibilität, die man nie mit diesem Hollywood-Star verbunden hätte.

Ohne Klischees der Empfindsamkeit

Das geschieht gleich anfangs in jener Szene, da der eben aus dem Knast kommende Nick gemeinsam mit seinen „Betreuern“ von der Regierung (darunter die famose Viola Davis) über ein leeres Rollfeld nicht einfach nur läuft, sondern schreitet, um an dessen Ende in ein Flugzeug nach Asien zu steigen. Michael Mann rückt hier keineswegs die trainierte Gestalt, sondern vielmehr den Nacken seines Protagonisten übergroß in die linke Bildhälfte, dessen Haar, und Nicks Sicht aus dieser Perspektive ist verschwommen. Vorsichtig nimmt er die Welt, die sich ihm bietet, in den Blick.

Immer wieder prägen solche hochsensiblen, quasi intimen, dabei aber vorbehaltlichen Großaufnahmen von Gesichtszügen, Haaren oder scheinbar belanglosen Bewegungen einen Film, der ansonsten keine Zimperlichkeit kennt. Und mit etlichem Humor imprägniert ist: So scheitert einer der CIA-Leute daran, sein Smartphone im Ausland zu bedienen. Besser noch – Nick hackt schließlich das Netzwerk der US-Schnüffelbehörde NSA, um ein Programm zu bekommen, mit dem Codes und „malware“ teilweise rekonstruiert werden können.

Michael Mann ist vielleicht der einzige Hollywood-Regisseur, der Momente der Irritation und Intuition seiner Figuren visualisieren kann, ohne dabei Klischees der Empfindsamkeit zu bemühen. Irritierend und immer wieder überraschend ist auch der Charakter der Hauptfigur: Da bleibt vieles im Dunkeln, etwa Nicks Vergangenheit. Der Mann ist Hacker, so viel wissen wir, und als solcher ist er jetzt auch ein Aufklärer von Angriffen im Sinn von Kundschafter. Aber wo hat er nur gelernt, so effektiv zu töten wie ein Profi-Killer? Michael Mann erklärt es nicht, und man nimmt es hin, ist der nun 72-Jährige in Asien doch offensichtlich so souverän zu Hause wie im Los Angeles seines Klassikers „Heat“.

Dass dieser Regisseur es versteht, genial zu inszenieren, wie sich Männer erst lange belauern, um dann knallhart zu töten, wissen Fans längst auch aus Filmen wie „Collateral“ oder „Public Enemies“. Dennoch hält man in „Blackhat“ erneut ständig den Atem an angesichts des Spiels mit Vertikalen und Horizontalen (Kamera: Stuart Dryburgh), spektakulärer Action, der perfekten Choreografie von Shootouts in Hongkong sowie exotischer Massenszenen und brutaler Nahkämpfe in Djakarta oder Kuala Lumpur. Kontrahenten bringen sich immer wieder aufs Neue in Stellung, Kalaschnikows brüllen in Tunneln, über denen sich wilde Fluchten abspielen, die in Frachtgutlagern enden, wo Container im Kugelhagel perforiert werden. Messerschneiden dringen in Kehlen ein, Schraubenzieher in Köpfe.

Das sind harte Szenen, wenn die Anonymität der virtuellen Reaität verlassen wird – die indes ebenso tödlich ist.

Blackhat USA 2014. Regie: Michael Mann. 133 Minuten. FSK ab 16. Ab 05.02 im Kino.