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Berliner Zeitung | Film „Die Tribute von Panem“ im Kino: Wie eine Revolution gemacht wird
18. November 2014
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Film „Die Tribute von Panem“ im Kino: Wie eine Revolution gemacht wird

Ausflug der Rebellen. Katniss (Jennifer Lawrence, rechts) wird von ihrem alten Freund Gale begleitet. Den spielt Liam Hemsworth (vorn) nett wie immer.

Ausflug der Rebellen. Katniss (Jennifer Lawrence, rechts) wird von ihrem alten Freund Gale begleitet. Den spielt Liam Hemsworth (vorn) nett wie immer.

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Studiocanal

Bisher war alles ein Spiel. Ein dunkles zwar, aber eines mit Regeln, Kostümen, Gewinnern und Verlierern, die Erfindung einer amerikanischen Schriftstellerin. Jetzt hat es mit uns zu tun. Der dritte Film aus der Reihe „Die Tribute von Panem“ lässt sich zwar noch als Dystopie bezeichnen, doch so unwirklich erscheint diese negative Utopie nicht. Die Keime für viele Szenen liegen deutlich sichtbar in der Gegenwart.

Katniss Everdeen, die im fiktiven Reich Panem die grausamen Hungerspiele gewonnen hatte und mit anderen Siegern im darauffolgenden Jahr noch einmal in die Kampf-Arena musste, hat überlebt. Am Ende des zweiten Film schleuderte sie, die Virtuosin im Bogenschießen, einen Pfeil in die Außenhaut der Arena und zerstörte das Kraftfeld, das die Spiele steuerte.




Sie findet sich im Distrikt 13 wieder, dessen Wohnungen und Wege in die Erde hinein gebaut sind. Von hier aus nun soll der Kampf gegen das herrschende Kapitol organisiert werden. Nichts weniger als eine Revolution wünscht sich die Präsidentin von 13, Amanda Coin. Und Katniss soll das Gesicht der Revolution sein.

Suzanne Collins’ Romantrilogie beschäftigte sich nie einfach nur mit Mädchenträumen oder Heldensagen. Von Anfang an war klar, dass sie ein Gleichnis im Sinn hatte, als sie das Land Panem schuf, mit einem Diktator, der sich Präsident nennt. Häufige Fernsehbotschaften sind dazu da, das Volk zu disziplinieren; die Übertragung der Spiele soll das Volk unterhalten.

Und so zeigten die ersten beiden Filme die Glitzerwelt der reichen, gelangweilten Bewohner des Kapitols, die sich am Überlebenskampf der Spieler ergötzen. Im extremen Widerspruch dazu stand der Herkunftsdistrikt 12 von Katniss, dessen Bewohner mehrheitlich im Bergbau arbeiteten.

Das Drama fehlt

Der dritte Band ist das beklemmendste der Bücher. Die Produktionsfirma des Films möchte dessen Wirkung, vor allem den kommerziellen Erfolg länger auskosten. Nach dem Muster vom „Harry Potter“ wurde der letzte Teil in zwei Filme aufgeteilt. Das ermöglicht zwar allen Fans, sich auf das große Finale im kommenden Jahr zu freuen.

Das geht allerdings auch auf Kosten der Spannung. Es ist so, wie wenn man ein halb gelesenes Buch verbummelt und erst erfährt, wie es weitergeht, wenn man es wiederfindet. In „Die Tribute von Panem – Mockingjay, Teil 1“ fehlt zudem das Drama der Spiele.

Wer auf Action aus ist, wird also eher unzufrieden sein; die Special Effects sind im ersten Film, inszeniert von Gary Ross, und im zweiten, inszeniert von Francis Lawrence, auch schon ausgeklügelter präsentiert worden. Diesmal wird vor allem geballert.

Francis Lawrence war nun wieder verantwortlich und wählte eine andere Ästhetik. Die meisten Szenen spielen im Untergrundbau von Distrikt 13 und in zerstörter Landschaft. Zwei, drei Massenbilder erinnern mit ihrem revolutionären Pathos an die Barrikadenkämpfe von „Les Misérables“, zumal dazu Katniss’ Schlachruf gegen das Kapitol erklingt: „Wenn wir brennen, brennt ihr auch“.

Obwohl die Geschichte nicht in sich geschlossen ist, hat der Film innerhalb des dystopischen Genres ein hohes Niveau. Der gesellschaftliche Aspekt lässt sich nicht übersehen. Er wirkt dabei nicht aufgesetzt, sondern als untergründiges Erzählelement: So wie Präsident Snow (Donald Sutherland) Rädelsführer mit Säcken über dem Kopf hinrichten lässt, wie er Aufständische niederprügelt, so kennt man das aus dem 21. Jahrhundert. Nur die Waffen sind andere. Auch der manipulative Einsatz der Massenmedien und Geheimnisverrat aus dem Zentrum der Macht lassen die Film-Vision bedrohlich real erscheinen.

„Keiner ist unersetzlich“

Geblieben sind die wichtigsten Figuren und der Mockingjay – der Spotttölpel. Katniss trug bisher eine Brosche mit diesem Vogel und flötete sein Lied als Erkennungszeichen. Jennifer Lawrence hat als Katniss viele Gesichter für Zorn und Mut zur Verfügung, für Sorge und Skepsis auch. Julianne Moore spielt Präsidentin Coin in ruhiger Überlegenheit.

Sie braucht Katniss für den Aufstand. Der Chef der letzten Hungerspiele, Plutarch, ist dafür zuständig, sie als Gesicht der Revolution aufzubauen. „Propos“ will er mit ihr drehen, Propagandafilme. Doch vor künstlichem Feuer mit schicker Uniform und vorgefertigtem Text versagt sie. Erst zwischen Ruinen, einer Kulisse wie aus dem Zweiten Weltkrieg, im Angesicht der Bomber vom Kapitol hält die junge Frau die gewünschte flammende Rede.

„Keiner ist unersetzlich“, sagt Plutarch. Das klingt besonders bitter, weil diese Worte aus dem Munde von Philip Seymour Hoffman kommen. Der Film war noch nicht abgedreht, als der Schauspieler Anfang dieses Jahres starb. Er wurde nicht ersetzt. Plutarch hat weniger Auftritte als im ursprünglichen Drehbuch. Weich und weise wirkt Hoffman in diesem, seinem letzten Film.

Es geht um die Macht der Bilder und die richtigen Worte. Wer die Kanäle beherrscht, kann die Meinungen beeinflussen. Die Propos der Rebellen werden suggestiven Talkshows des Kapitols gegenübergestellt. Der Präsident spricht in Kameras, die Gegen-Präsidentin lässt sich von den Widerständlern bejubeln. Katniss’ Kampf ist noch nicht zu Ende.


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