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Berliner Zeitung | Film „Domino-Effekt“: Endlich ein Film über Abchasien
12. April 2015
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Film „Domino-Effekt“: Endlich ein Film über Abchasien

Natascha und Rafael

Natascha und Rafael

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Real Fiction

Der Staat Abchasien ist ein weißer Fleck auf der Weltkarte, er existiert im Grunde nicht. Offiziell noch immer Teil von Georgien, anerkannt nur von Russland, dämmert die einstige „Schwarzmeer-Riviera“ zwanzig Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg isoliert vor sich hin. Der beim Leipziger Festival mit einer „Goldenen Taube“ ausgezeichnete „Domino-Effekt“ ist eine der raren filmischen Exkursionen nach Abchasien. Er bietet nicht nur eine genaue Innenansicht des Zwergenstaates, sondern erreicht eine erstaunliche Nähe zu den Menschen.

Sechsmal reisten die in Deutschland lebenden polnischen Regisseure Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski nach Abchasien. Sie führten dort viele Gespräche, beobachten lange und genau, oft auch ohne Kamera, und erwarben sich schließlich das Vertrauen von Natascha und Rafael, deren schwierige Liebesgeschichte dramaturgisch so wirkungsvoll wie in einem fesselnden Spielfilm erzählt wird. Der sympathische Rafael ist Sportminister von Abchasien und träumt davon, seinem Land ausgerechnet mit einer Domino-Weltmeisterschaft internationale Reputation zu verschaffen, was schon etwas skurril, aber auch rührend ist. Darin besteht die große Leistung dieses Films: Er zeigt durchaus die Absurdität dieses Staatsgebildes, liefert aber deren Bewohner nie dem billigen Spott aus.

Private Lebensgeschichte und gesellschaftliche Realität

Der Minister bemerkt in seinem Eifer kaum, wie sehr seine anfangs so lebenslustige, russische Frau Natascha leidet. Die Opernsängerin hat für ihn in Russland alles aufgegeben und ihre Tochter zurückgelassen. In der neuen Heimat aber findet sie keinen Halt. Die für Natascha schmerzliche und unverständliche Ablehnung scheint eine merkwürdige Übertragung nationaler Gefühle zu sein, denn die abtrünnige georgische Republik Abchasien hängt militärisch und wirtschaftlich am Tropf Russlands. Die Unabhängigkeit wurde mit neuer Abhängigkeit bezahlt, was viele wohl unausgesprochen als Kränkung empfinden. In der politisch unschuldigen, immer trauriger werdenden Natascha sehen die Abchasier eine Vertreterin der erdrückenden, russischen Schutzmacht.

Meisterlich und unaufdringlich verbindet der Film private Lebensgeschichten und die gesellschaftliche Realität in einem Land, das wie ein ramponierter Operetten-Staat erscheint mit seinen fantastischen Uniformen und komisch-feierlichen Staatszeremonien vor traurigen Ruinen, Zeugnisse des blutigen, traumatisch nachwirkenden Krieges. Wann immer sich eine Kamera-Totale eröffnet, fällt der Blick auf verfallene Bauten mit leeren Fensterhöhlen, auf zerschossene Hotel-Paläste, vor denen sich die herausgeputzten, paradierenden Soldaten besonders seltsam ausnehmen. In Abchasien hat es nach den Kämpfen, anders als in vergleichbaren Krisenregionen, keine Wiederaufbauwelle gegeben. Das stagnierende Land liegt brach, während es für die Liebe von Natascha und Rafael nach der Geburt eines Kindes doch Hoffnung zu geben schien. Aber das Happy End blieb aus. Nach den Dreharbeiten gingen Natascha und Rafael für immer auseinander.