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Film "Praunheim Memories": Rosa von Praunheim und eine Jugend in Praunheim

Der noch junge Künstler Holger alias Rosa mit einem Selbstbildnis

Der noch junge Künstler Holger alias Rosa mit einem Selbstbildnis

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Pusteblumen im Sommerwind, saftig die Wiese, der Himmel so blau, ein Bild wie aus Liedern vom Schnitter Tod: „Es ging ein Maidlein zarte wohl durch das grüne Gras“. Hier aber ist es ein Junge, nicht weniger zart, der durch das Gras geht und dichtet: „Es weinen leise die Schleie. Im Garten wächst Mangold und Kleie. Der Specht kommt vorbei, vorhin sang er: ,Tirilei’. Der Pächter erschrak im Sarg, wo er mit der Biene lag. Es summt die Biene im Sarg. Das Mahl ist sehr karg, sehr karg“. Holger Mischwitzky hieß der Junge, der damals, vor mehr als fünfzig Jahren, durch die Wiesen schlich. „In der Einsamkeit von Praunheim träumte ich, ein großer Künstler zu werden“, sagt Rosa von Praunheim, wie Holger Mischwitzky sich seit langem nennt.

„Praunheim Memoires“ heißt sein neuester Dokumentarfilm. Bereits der Titel spielt mit der Tatsache, dass Praunheim, ein Stadtteil von Frankfurt am Main, heute eher als Nachname eines ebenso schöpferischen wie tumultverliebten Künstlers bekannt ist und weniger als Ortsbezeichnung. „Praunheim Memoires“ sind nämlich ebenso sehr Erinnerungen von Rosa von Praunheim wie sie Erinnerungen an Praunheim sind, wo der Maler, Tänzer, Filmemacher und Schwulenaktivist seine Jugend verbrachte. „Hier küsste ich die Gabi, hier küsste ich den Klaus“, singt die Band Baby of Control im Praunheim-Lied, das sich durch den ganzen schönen Film schlängelt.

Lackhütchen auf dem Kopf

Die Gabi war Gabi Spielhagen, die er beim Tanzen küsste in jenem Jugendclub, den Hans Jürgen Zaborowski, ihr Mitschüler vom Wöhler-Gymnasium, damals betrieb. Der Klaus hieß wohl eher Dirk und war der Kommilitone von der Werkkunstschule Offenbach sowie der erste Mann, mit dem Holger im Bett war, um nicht bloß zu schlafen. Rosa von Praunheim, mit Lackhütchen auf dem Kopf und Karohemd überm T-Shirt, besucht alte Freunde und trifft auch Hans Nickel, seinen Deutschlehrer, um ihm zu danken: „Sie waren der einzige Lehrer, der mich gelobt hat. Sie haben mir Mut gemacht“. Überhaupt ist der ganze Film ein großer Dank – besonders an Nora Gräfin Stollberg zu Stollberg, Tochter eines jüdischen Vaters, der unter den Nazis umkam, für Praunheim eine beflügelnde Freundin in seiner Entwicklung als Künstler und Mann. Als sich Praunheim gemeinsam mit dem Filmregisseur Cyril Tuschi, Noras Enkel, Bilder aus den letzten Lebenstagen der inzwischen verstorbenen Frau anschaut, bricht er in Tränen aus.

Weltgewichtigkeitsanspruch

Rosa von Praunheim schämt sich dafür nicht. Er schämt sich überhaupt für nichts, was er ist und einmal war; nicht für den Dilettantismus seiner frühen Filme, diese Bilder aus der Pubertät der Bundesrepublik; nicht für die Attitüde des Ich-Schmerzes mit Weltwichtigkeitsanspruch in seinen holprigen Versen. Aber diese Schamlosigkeit ist nur noch Ehrlichkeit gegen sich selbst. Sie hat das Übergriffige verloren und will nicht verletzen.

Mit Sympathie blickt Praunheim auf das Scheunenfest mit Bierzelt, Feuerwehrverein, Männer- und Kinderchor im Praunheim von heute. Die Zeit der Spießerhetze ist vorbei. Als er die Lehrerin fragt, die jetzt in der Wohnung seiner Eltern lebt, ob es hier „viel Kontrolle“ durch die Nachbarn gebe, antwortet sie, diese Aufmerksamkeit sei ihr nicht unangenehm. Und Praunheim lässt es respektvoll stehen. Er glaubt wohl nicht mehr, als „linker Schwuler“ – wie er sich vor 40 Jahren sah – prinzipiell den Lebensentwürfen einer Mehrheitskultur überlegen zu sein, auch wenn er Minderheiten noch immer ermuntert, ihr Leben selbst zu gestalten. Als Film der Dankbarkeit markiert „Praunheim Memoires“ eine neue Stufe des Emanzipationsdiskurses: Wirklich frei sind wir erst, wenn wir auch den Zwang abschütteln, uns von unserer Herkunft distanzieren zu müssen.

Praunheim Memoires Dtl. 2013. Buch & Regie: Rosa von Praunheim, Oliver Adam Kusio, Kamera: Matthias Lawetzky, Nina Werth, Dannis Pauls. Dokumentarfilm;

82 Minuten, Farbe.

Premiere am 4. Januar, 19 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.