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Film "Unbroken" von Angelina Jolie: Durchhalten um jeden Preis

Wird sadistisch gequält vom japanischen Lagerkommandeur: der einstige Olympionike Louis Zamperin (Jack O'Connell, r.).

Wird sadistisch gequält vom japanischen Lagerkommandeur: der einstige Olympionike Louis Zamperin (Jack O'Connell, r.).

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Universal

Wenn Louis „Louie“ Zamperini als Kind die Beine in die Hand nimmt, dann vornehmlich deshalb, weil wahlweise die Klassenkameraden oder der Dorfpolizist hinter ihm her sind. Louie trinkt Schnaps, raucht, schaut den Damen unter die Röcke, vor allem aber ist er der Sohn italienischer Einwanderer. Das genügt, um dem 1917 geborenen Rotzjungen das Leben in der amerikanischen Provinz schwer zu machen.

Rennen aber ist die Lektion, die er fürs Leben lernt. Aus Louie wird ein Landstreckenläufer, ein umjubelter Olympionike gar, der 1936 ins faschistische Berlin reist, um für die USA anzutreten, und irgendwie übersteht er auch den Zweiten Weltkrieg mit Durchhaltewillen, wenn ihn die japanischen Sportskameraden von einst als ihren Kriegsgefangenen quälen.

Das Leben, ein Marathonlauf – dies steht gewissermaßen als Parole über Angelina Jolies zweiter Regiearbeit, mit der die Schauspielerin ihr Wirken hinter der Kamera nach „In the Land of Blood and Honey“ aus dem Jahr 2011 fortsetzt. In ihrem Debüt beschäftigte sie sich mit dem Bosnienkrieg, und selbst wer von Skepsis und Vorurteilen erfüllt war, ob „Lara Croft“ eine solche Aufgabe wohl stemmen könne, musste zumindest überrascht anerkennen, aus welch schonungsloser und feministisch geprägter Perspektive Jolie ihr Projekt angegangen war.

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Der Nachfolger „Unbroken“ ist nun um einiges teurer, effektreicher und auch viriler. Denn ob Sportverein oder Bomberbesatzung: Auf der Aschebahn wie im Luftkrieg treten die Kerle gegeneinander an, mit allem, was dazugehört – Testosteron, Siegeswillen und Leidensbereitschaft. Vor allem am Beispiel ihrer Hauptfigur konstruiert Jolie einen Zusammenhang zwischen sportivem Ehrgeiz und der Fähigkeit, noch die schlimmsten Torturen zu überstehen.

Als Louie mit zwei Kameraden einen Flugzeugabsturz überm Pazifik überlebt und die drei in einem Schlauchboot über einen Monat lang von Hitze, Durst und Haien malträtiert werden – was hält sie da wohl am Leben? Die Aussicht, den Überlebensrekord eines anderen Schiffbrüchigen einzustellen. So viel Sinn für edlen Wettstreit muss doch einfach belohnt werden.

Den Film durchzieht der unangenehme Schweißgeruch einer Männerumkleide

So durchzieht der unangenehme Schweißgeruch einer Männerumkleide den Film, ganz gleich, ob er vor den Hakenkreuzfahnen im Berliner Olympiastadion spielt oder im Kriegsgefangenenlager der Japaner nahe Tokio, wo der sadistische Mutsuhiro „Bird“ Watanabe das Regiment führt. Dort kommt es einmal zu einer besonders perfiden Strafe, die sich der Kommandant für seinen meistgehassten Lieblingsinsassen Louie ausdenkt: Sämtliche amerikanische Mitgefangenen – und das sind viele – müssen ihn ins Gesicht schlagen.

Auch das übersteht Jack O’Connell in der Hauptrolle im Geist einer besonders harten Trainingseinheit und sieht am Ende noch nicht einmal sonderlich verbeult aus. Ach was, er verzeiht seinen Feinden sogar. Zum Finale erfahren wir aus einer Art Nachspann, dass der echte Zamperini sich nach dem Krieg mit seinen japanischen Quälgeistern versöhnte. Sportsgeist und christliche Nächstenliebe, Disziplin und Völkerverständigung – es ist eine befremdliche, seltsam spießig wirkende moralische Mischung, die Jolie mit weihevoller Geste über die Szenen von „Unbroken“ gießt.

Auch dramaturgisch passt das alles nicht recht zueinander. Zwischen Biopic und Kriegsfilm, Zeitbild und exemplarischem Lehrstück geht beides verloren: eine lebendige Charakterzeichnung und eine packende historische Rekonstruktion. Stattdessen gibt es Luftschlachten, denen man leider ansieht, dass sie nicht sehr liebevoll auf der Festplatte inszeniert wurden.

Immerhin haben die Brüder Joel und Ethan Coen am Drehbuch mitgeschrieben, aber mehr als einige ambitionierte Blenden ergeben sich daraus auch nicht: Immer wenn es brenzlig wird, wenn Louis’ Bomber fast in Stücke gerissen wird oder eine riskante Notwasserung bevorsteht, schließt der Held die Augen und denkt zurück – an seine schwere Kindheit und die anschließenden glorreichen Wettkämpfe daheim, oder auch an die Kulisse des Olympiastadions. Angesichts der Dramatik der Situation haftet dieser besinnlichen Retardierung fast etwas unfreiwillig Komisches an. „Unbroken“, unkaputtbar, ist nur der Protagonist. Der Film selbst ist, im Unterschied zu Angelina Jolies Regie-Erstling, diesmal äußerst anfällig für Zweifel.

Unbroken USA 2014. Regie: Angelina Jolie, Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen, Richard LaGravenese, William Nicholson, Kamera: Roger Deakins, Darsteller: Jack O’Connell, Domhnall Gleeson, Miyavi u. a.; 137 Minuten, Farbe. FSK ab 12.