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Berliner Zeitung | Film „White House Down“: Ohne Rücksicht auf Verluste
03. September 2013
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Film „White House Down“: Ohne Rücksicht auf Verluste

Wer den Schaden bezahlen soll, wenn so viel kaputt geht, weiß niemand. Hauptsache, die Flagge ist gerettet.

Wer den Schaden bezahlen soll, wenn so viel kaputt geht, weiß niemand. Hauptsache, die Flagge ist gerettet.

Foto:

Sony

Roland Emmerich musste selbst schmunzeln, als ihm die Regie von „White House Down“ angeboten wurde. Denn schon in „Independence Day“ und „2012“ hatte der schwäbische Regisseur den amerikanischen Regierungssitz in lakonischen Totalen und im Zuge globaler Katastrophen zerstört. Ihnen und mir würde man angesichts solcher Fixierungen die Einreise verweigern oder gleich ein Ticket nach Guantanamo ausstellen. Roland Emmerich dagegen darf es noch ein drittes Mal tun – und gründlicher als je zuvor: Im Drehbuch von James Vanderbilt wird das Weiße Haus sehr allmählich und sehr konzentriert, ja man könnte sagen: genüsslich zerlegt.

Doch zuerst schließen wir uns einer Führung an und dürfen bewundern, wie schön dieses Gebäude eingerichtet ist! Wir erfahren, wann es gebaut wurde und dass der Geheimgang für Marilyn Monroe ins Büro von John F. Kennedy nur eine Legende ist. Wir sehen, dass es da auch ein Kino gibt – oh, es wird gerade von etwas finster dreinblickenden Gesellen modernisiert –, und folgen dann Carol Finnerty (Maggie Gyllenhaal) in ihr Reich, die Sicherheitsabteilung. Hier werden Haus und Präsident mit modernstem Equipment geschützt. Hier kann nicht jeder arbeiten.

Auch nicht John Cale (Channing Tatum): Wer die High School abbricht und bei der Armee durch Aufmüpfigkeit auffällt, hat in diesem sensiblen Bereich nichts zu suchen; da helfen auch gewesene Liebesbeziehungen zu Miss Finnerty nicht weiter. Wie soll John diese Schlappe seiner frühpubertär muffligen, aber Präsidenten-begeisterten Tochter beibringen, die gerade aufgeregt die Führung mitmacht? Doch bald hat der Mann größere Probleme und mit ihm die gesamte Welt. Die Typen, die im Kino arbeiteten – ausgerechnet dort! –, machen sich mit Bomben und Maschinenpistolen auf den Weg, um die Gewalt über das Haus zu übernehmen. Warum? Wieso?

„White House Down“ ist ein dröhnender Actionfilm ohne Angst vor Übertreibungen – deswegen hat man ihn auch Roland Emmerich angeboten, einem Mann ohne Rücksicht auf Verluste, es sei denn solchen an der Kinokasse. Zugleich steht der Film weit über der Primitivität des vor kurzem gelaufenen, oberflächlich ähnlich gestrickten „Olympus Has Fallen“, in dem das Weiße Haus von Nordkoreanern eingenommen wird. Denn James Vanderbilt ist ein fähiger Autor: Wer einen Thriller wie „Zodiac“ (Regie: David Fincher) schreiben und selbst noch einen Dwayne-Johnson-Abenteuerfilm wie „Welcome to the Jungle“ (Regie: Peter Berg) zu einer ziemlich vergnüglichen Angelegenheit machen kann, hat was im Kopf. Und so ist diese Geschichte, so naiv sie auch gestrickt sein mag, durchaus substanziell gedacht. Wenn am Ende die Jets der eigenen Luftwaffe ihre Raketen auf das Weiße Haus richten, ist das nur die drastische Metapher für das Thema des Films: die innere Gespaltenheit der USA.

Unwahrscheinlichkeiten und Ungereimtheiten

Der farbige Präsident James Sawyer (Jamie Foxx) hält genau die Friedens- und Sozial-Rede, die wir uns alle vom Führer der freien Welt wünschen – und stößt damit intern auf Widerstand. Ausgerechnet Martin Walker, der Sicherheitschef im Weißen Haus (James Woods), hat einen Sohn im Irak verloren und muss nun dessen Tod angesichts des projektierten Abzugs aus dem Irak für sinnlos halten. Dies ist nicht das Amerika, für das Walker gearbeitet und seinen Sohn zum Sterben geschickt hat.

Dass es jemand wie James Woods nicht bei einem einsamen Whisky bewenden lässt, kann man sich denken. Gleich eine paramilitärische Truppe anzuheuern, um das Weiße Haus zu besetzen, Geiseln zu nehmen und den Präsidenten gefangen zu nehmen, ist allerdings ungewöhnlich energisch. Und wäre da nicht John Cale, der sich vor Tochter, Ex-Geliebter und dem Präsidenten selbst beweisen will, dann würde Walker seine finsteren Ziele wohl reibungslos verwirklichen können. Channing Tatum ist dabei ein würdiger Nachfahre von Bruce Willis in „Die Hard“, wenn er im schmutzigen Unterhemd kämpft, vor sich die Terroristen, hinter sich den zu schützenden Präsidenten.

Lustig sind allerdings weniger die gelegentlichen Buddy-Szenen der beiden, als die erheblichen Unwahrscheinlichkeiten und Ungereimtheiten. Dass sich etwa Cales Töchterchen eine ganze Weile unbemerkt unter den Geiselnehmern aufhalten und auf ihrem Smartphone Clips drehen kann, die sie dann gleich bei YouTube einstellt, ist zum Brüllen. Auch die Regierungskrise hat absurden Charme: Da man Jack Sawyer für tot hält, ernennt man im Krisenstab einen neuen Präsidenten nach dem anderen. Daneben wird selbstverständlich das Weiße Haus samt anliegenden Stallungen fachgerecht geschreddert: Nicht nur muss Raum für Raum dran glauben, auch der Garten wird bei einer Verfolgungsjagd der gepanzerten Präsidentenlimousine und terroristischen Kampfpanzer verheert, bis alle in den Pool fallen.

Unterm Strich dominiert in „White House Down“ das Spektakel. Und man weiß nicht, ob man es gut finden soll, dass in den Actionspaß politischer Ernst eingeschmuggelt wird, oder ob man es schlecht finden soll, dass dieser Ernst nur die vertrauten patriotischen Kraftgesten der „einzig wahren“ Vereinigten Staaten füttert. Am Ende ist es doch keine gesellschaftliche Spaltung, die der Film beschreibt, sondern ein Ding zwischen Bösewicht und Held.

White House Down USA 2013. Regie: Roland Emmerich, Buch: James Vanderbilt, Kamera: Anna J. Foerster, Darsteller: Jamie Foxx, Channing Tatum, James Woods, Maggie Gyllenhaal, Richard Jenkins u..a.; 131 Min., Farbe, FSK ab 12.